"Der Deutsche an sich hat Schwierigkeiten, über sich selbst zu lachen"

Andreas Guenther ist ein vielbeschäftigter Schauspieler: Viele kennen ihn vor allem als Kommissar aus dem Rostocker "Polizeiruf 110". Im Interview spricht der 46-Jährige nun sehr offen über seinen Werdegang und gesellschaftliche Entwicklungen.

Andreas Guenther ist ein vielbeschäftigter Schauspieler: Viele kennen ihn vor allem als Kommissar aus dem Rostocker "Polizeiruf 110". Im Interview spricht der 46-Jährige nun sehr offen über seinen Werdegang und gesellschaftliche Entwicklungen.

Den einen wird das Glück in den Schoß gelegt. Manch anderer muss hart dafür kämpfen. Andreas Guenther gehört definitiv der zweiten Gruppe an. Der heute erfolgreiche Schauspieler sagt, er war sich für keinen Job zu schade, ob Möbel schleppen, auf Automessen putzen, in Bars bedienen, um sich über Wasser zu halten und an seinem Traum der Schauspielerei festzuhalten. Bis das Glück dann auch dem gebürtigen Österreicher, der ab seinem fünften Lebensjahr in Konstanz am Bodensee aufwuchs, endlich hold war und ihm 2010 mit einer Dauerrolle im Rostocker "Polizeiruf 110" zum endgültigen Durchbruch verschaffte. In der ARD-Reihe "Blind ermittelt" (Donnerstags, 27. Februar und 05. März, jeweils, 20.15 Uhr) spielt der 46-Jährige eine Figur, die ihm besonders am Herzen liegt. Warum, das verrät Guenther im Interview, ebenso, wie er es geschafft hat, trotz allem ein fröhlich-zuversichtlicher Mensch zu werden.

teleschau: Herr Guenther, auf der einen Seite der "Polizeiruf 110", auf der anderen "Blind ermittelt" - beides sind zwar Krimireihen, die aber doch sehr unterschiedlich sind. Mögen Sie bei "Blind ermittelt" die österreichische Handschrift?

Andreas Guenther: Ja, absolut. Die Österreicher haben einen etwas anderen Rhythmus, man merkt das auch an den Menschen und deren Lebensart. Die können auch ein bisschen mehr über sich lachen als der Deutsche. Der Deutsche an sich hat Schwierigkeiten, über sich selbst zu lachen.

teleschau: Auch die Drehorte könnten gegensätzlicher nicht sein. Wien ist schon eine tolle Stadt ...

Guenther: Ja, Wien ist so schön, wa? Als ich das erste Mal vor drei Jahren dort gedreht habe, habe ich mich sofort verliebt in diese Stadt! Wien hat so einen Charme! Es ist nicht ganz so heftig wie Berlin, aber es ist trotzdem eine Großstadt. Ich fühle mich da wahnsinnig wohl. Die Menschen sind extrem freundlich, die haben so einen wunderbaren Schmäh, ich mag diese Musik in der Sprache. Und dann gibt es dort wunderbare Restaurants. Ich gehe ja für mein Leben gern Essen und trinke gern Wein, da ist Wien für mich natürlich das Paradies.

teleschau: Kommen da vielleicht Ihre österreichischen Wurzeln durch? Sie sind ja in Graz geboren, als Kind dann nach Konstanz gezogen ...

Guenther: Genau, am Bodensee, in Konstanz, bin ich groß geworden, dort habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht und bin dann direkt nach dem Abitur nach München gegangen, wo ich anfing, hinter der Kamera zu arbeiten. 2000 bin ich nach Berlin gezogen. Seitdem wohne ich hier, und jetzt trage ich diesen Gedanken schon ein wenig mit mir herum, nach Wien umzuziehen. Sozusagen zurück zu den Wurzeln.

teleschau: Aufgrund der Dreharbeiten zu "Blind ermittelt"?

Guenther: Ja, dadurch habe ich Wien erst kennengelernt. Diese Stadt hat gleich so eine Anziehungskraft auf mich ausgeübt, dass ich mit diesem Gedanken schon etwas länger schwanger gehe. Und Berlin hat für mich gerade so eine komische Stimmung. Unterschwellig ist da etwas. Ich habe das Gefühl, es ist aggressiver geworden, jeder flippt gleich aus, geht bei den kleinsten Dingen an die Decke. Irgendwie tue ich mich mit Berlin gerade ein bisschen schwer.

teleschau: Woher kommt das?

Guenther: Ich weiß es nicht. Ich habe das Gefühl, dass hier eine Art Grundunzufriedenheit herrscht. Man merkt es, wenn man U-Bahn oder S-Bahn fährt: Jeder ist für sich, kapselt sich ab, schaut auf sein Smartphone und nimmt um sich herum so wenig wahr. Und diese Aggression - vielleicht sind viele unzufrieden mit ihrem Leben und geben allem und jedem die Schuld, obwohl sie eigentlich reflektieren müssten, was sie an sich verändern könnten. Diese Aggression nervt mich.

"Angst ist kein guter Begleiter"

teleschau: Sie sind durch den Polizeiruf ja auch öfter in Rostock. Ist das eine generelle Unzufriedenheit in Ostdeutschland?

Guenther: Ich weiß nicht, ob das ein generelles Phänomen in Ostdeutschland ist. Oder es ist dieser Faktor Neid, Missgunst, der ja schon immer in Deutschland da war, dass man dem anderen nichts gönnt. Das wird uns auch ein bisschen von der Politik vorgegaukelt. Wenn die Linke sagt, die Vorstände dürfen nicht mehr so viel verdienen, das sind die Bösen, dann glaubt das der eine oder andere. Was ja totaler Schwachsinn ist, denn das Geld, das der verdient, kommt aus der Privatwirtschaft. Das wird ja nicht dem Fiskus entnommen. Was dem Fiskus entnommen wird, ist, dass unser Flughafen mittlerweile acht Milliarden kostet, aber darüber regt sich keiner auf. Das sind Steuergelder, die verbrannt werden, darüber müsste man sich aufregen. Das ist alles so verquer geworden.

teleschau: Aber das andere Extrem, das gerade so stark wird ...

Guenther: Ja, klar, das macht natürlich auch Sorge. Aber woher kommt das? Es ist ja auch die Frage, warum wird die AfD plötzlich so stark? Da haben die großen Volksparteien etwas falsch gemacht! Vielleicht haben sie sich einfach ausgeruht, nach dem Motto: In Deutschland wird schon alles gut werden, alles cool, passiert schon nichts. Jetzt stehen wir da, und es brennt an allen Ecken und Enden. Mein Gefühl ist, die Regierung traut dem Volk nichts zu, will ihm keine gravierenden Veränderungen zumuten, aus Angst, abgewählt zu werden. Das Volk vertraut aber den Regierenden nicht mehr. Ich glaube, da ist ein ganz großes Vertrauensproblem, und jeder sucht so nach einem Anker. Und die AfD mit ihrer Propaganda ist halt ein einfacher Anker. Einfache Sprache, einfache Antworten!

teleschau: Es ist aber schon bezeichnend, dass ausgerechnet dort, wo die wenigsten Ausländer leben, eine so große Ausländerfeindlichkeit herrscht ...

Guenther: Ja, das ist schon verrückt. Manchmal denke ich, was ist nur mit den Menschen los? Warum kommt so etwas, wovor hat man eigentlich Angst? Angst ist kein guter Begleiter. Das sind doch Menschen wie wir. Wir waren damals gottfroh, als die Amerikaner uns nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Luftbrücke geholfen haben. Warum sollen wir nicht auch helfen? Wir leben alle auf einem Planeten, wir sind alles Menschen, das ist eine Weltgemeinschaft.

teleschau: Viele haben wohl Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird ...

Guenther: Ja, aber was soll ihnen denn weggenommen werden? Das ist so ein Klein-Klein-Denken! Vielleicht wäre es ein Versuch wert, es mal umzudrehen: Wenn da jemand kommt, wird mir sogar noch mehr gegeben, weil ich etwas Neues kennenlerne. Der Mensch hat oft so viel Angst vor dem Neuen, aber das Neue muss nichts Negatives, sondern kann genau das Gegenteil etwas ganz Positives sein. Veränderung macht Angst, aber eigentlich ist Veränderung Fortschritt und toll.

teleschau: Vor allem sehen die meisten nicht, dass es uns in Deutschland wahnsinnig gut geht ...

Guenther: Ach Gott, uns geht es so verdammt gut! Wir haben fließend Wasser, da denkt kein Mensch darüber nach, wenn er morgens duschen geht. Ich war gerade in Kapstadt, die Frauen dort in den Townships müssen immer noch morgens Wasser holen, damit sie sich waschen und Kochen können. Die laufen kilometerweit dafür, und das in Kapstadt, in einer großen Stadt. Also uns geht es verdammt gut! Das muss man echt mal sagen, man sollte mal reflektieren und ein bisschen demütig sein, was für einen Luxus wir alle haben.

"Meine Kindheit war nicht ganz so prima"

teleschau: Und Sie - sind Sie ein eher positiv gestimmter Mensch?

Guenther: Ich versuche, das Leben positiv zu sehen, weil ich früher genau andersherum gelebt habe. Ich war früher auch ein sehr angsterfüllter Mensch, innerlich unsicher und negativ eingestellt, mich hat das fast zerfressen. Irgendwann habe ich gelernt, dass das nicht geht, dass ich mir selbst Lebensqualität und ganz viel Lebensenergie damit raube, weil ich alles nur aus dem Negativen heraus betrachte. So kann ich ja kein positives, erfolgreiches Leben führen, weil ich mir selbst im Weg stehe, das ist ja kontraproduktiv.

teleschau: Wie haben Sie Ihre Einstellung ändern können?

Guenther: Ich habe mit Coaches an mir gearbeitet und dabei gesehen, dass ich mein Leben sehr viel schöner und sehr viel erfolgreicher gestalte, wenn ich die Dinge aus einer positiven Sicht sehe. Wenn mir etwas passiert, dann kann ich immer noch mit den schlimmen Dingen umgehen, aber ich muss mich ja nicht schon fünf Jahre vorher mit den schlimmen Dingen beschäftigen. Ob die wirklich kommen, weiß ich ja nicht, aber ich trage schon mal fünf Jahre negative Gedanken mit mir herum. Das zerfrisst einen doch von innen heraus, oder?

teleschau: Wann war diese negative Phase?

Guenther: Meine Kindheit war nicht ganz so prima. Muster, die ich als Kind entwickelt habe, haben sich manifestiert. Bis ich dann mit Mitte 30 eine echte Lebenskrise hatte und tatsächlich auf mich zurückgeworfen wurde. Erst durch die Krise habe ich begonnen, an mir zu arbeiten. Heute bin ich gottfroh, dass ich das gemacht habe.

"Du kommst an den Rand deiner Kräfte"

teleschau: Sie mussten auch beruflich ziemlich kämpfen, bis die Schauspielerei richtig ins Laufen kam ...

Guenther: Ja, das war schon hart: Du hast 20 Castings im Jahr und kriegst 13-14 Absagen, du hast nur zehn bis fünfzehn Drehtage im Jahr und weißt nicht, wie du deine Miete zahlen sollst, du haderst mit dir, du zweifelst an dir, du stellst dich mehr und mehr in Frage, du kommst an den Rand deiner Kräfte, so dass du sagst, hey, so geht es nicht mehr.

teleschau: Was hat Sie angetrieben, trotzdem so lange daran festzuhalten?

Guenther: Ich denke, dieser Traum, Schauspieler zu werden, war so groß und hat unbewusst immer wieder Kräfte in mir geweckt, dass ich all dieses Auf-die-Fresse-Fliegen durchstehen konnte: Anders kann ich mir das nicht erklären. Und ich hatte ja auch immer wieder kleine Höhepunkte, es war ja nicht so, dass ich überhaupt nicht gedreht habe. Sobald ich vor der Kamera stand, hat mir das so viel Energie und Kraft gegeben. Drehen ist für mich wie Urlaub, ich liebe diesen Beruf über alles. Auch wenn das 16-Stunden-Tage sind. Wenn ich zwei Monate nicht drehe, das ist für mich härteste Arbeit, das durchzustehen.

teleschau: Haben Sie damals dennoch mal überlegt, alles hinzuschmeißen?

Guenther: Ja. Als ich 2007/2008 diese Krise hatte, war für mich klar, dass ich mit zehn, fünfzehn Drehtagen im Jahr nicht weitermachen möchte. Ich habe mir gesagt: Okay, als Neunjähriger hatte ich den Traum, Schauspieler zu werden, und bis 2007 hatte ich mehr erreicht, als ich vorher je gedacht hätte. Ich habe Filme gedreht, Hauptrollen gespielt, international gedreht, ich habe wirklich was erreicht. Ich muss mich also nicht dafür schämen, nach Konstanz zurückzugehen und beim Kumpel in der Bar zu arbeiten. Das war okay und ich habe einfach komplett losgelassen.

teleschau: Irgendetwas muss aber passiert sein, schließlich sehen wir Sie doch immer öfter in den verschiedenen Produktionen ...

Guenther: Das Interessante war: Kaum hatte ich losgelassen, hat sich plötzlich alles geändert. Kennen Sie das nicht auch: Wenn man etwas unbedingt will, dann verkrampft man, und es funktioniert umso weniger. Wenn man aber loslässt, fließen plötzlich Energien, dann klappt das. Wenn man dem Leben und sich selbst vertraut, das ist ein bisschen mein Credo, dann hält das Leben immer genau das für einen bereit, was gerade sein soll und wofür man auch bereit ist.

teleschau: Für Sie war das der Rostocker "Polizeiruf" ...

Guenther: Ja, damit hat sich alles gewendet. Die Rolle "Pöschel", wie man ihn mittlerweile liebevoll nennt, ist einfach großartig. Ich habe hier von Anfang an gespürt, aus dieser Figur kann ich so viel machen. Das ist mir gelungen. Ich habe das Glück, da mit wunderbaren Kollegen zu spielen. Wir sind eine super Gang, haben eine tolle Produktion, einen tollen Sender. Und toi toi toi, dass der Zuschauer das auch so angenommen hat und so mochte. Das macht ganz großen Spaß.

teleschau: Hat diese Arbeit an sich selbst Sie auch in Ihrem Beruf weitergebracht?

Guenther: Diese Selbstreflektion und das Sich-Kennenlernen hat dazu geführt, mir selbst mehr zu vertrauen, was wiederum meinem Spiel sehr geholfen hat. Ich habe mich mehr und mehr getraut, meine Gefühle zu zeigen.

"Der einzige Weg, um Authentizität zu erschaffen"

teleschau: Wie denken Sie sich in Ihre Figuren hinein?

Guenther: Ich lese die Bücher, dann fange ich an, mich diesem Charakter Schritt für Schritt anzunähern und mir Fragen zu stellen: Wie ist der aufgewachsen, wie hat er gewohnt, ist er Einzelkind, hat er Geschwister, wie war seine Jugend? So baue ich mir einen Charakter zusammen. Das gleiche ich mit den Gedanken des Regisseurs ab, und dann finden wir eine gute Figur. Wenn die Figur mal steht, geht es darum, sie mit Emotionen aller Couleurs zu füllen, die sie braucht.

teleschau: Wie gehen Sie dabei vor?

Guenther: Wenn eine Figur beispielsweise eine schlimme Trennung im Film hat und vielleicht daran zerbricht, gehe ich in mich und mache eine Art sensitives Erinnerungskästchen auf, wo ich diese Erlebnisse verwahrt habe. Dann erlebe ich das beim Drehen sozusagen noch mal. Was natürlich kein Mensch auf der Welt will, der eine Trennung verarbeitet hat, all den Scheiß noch mal hochzuholen und es noch mal zu erleben. Das tut ja wahnsinnig weh.

teleschau: Das geht sicherlich an die Substanz ...

Guenther: Ja schon. Aber ich glaube, das ist der einzige Weg, um diese Authentizität zu erschaffen.

teleschau: War es für Sie schwer, sich in den Niko aus "Blind ermittelt" einzufühlen?

Guenther: Nein (lacht). Der Niko ist mir schon auch ein bisschen ähnlich. Als ich vor vier, fünf Jahren mit dem Produzenten Thomas Hroch über diesen Stoff gesprochen habe, habe ich gleich gesagt, das ist meine Figur, das muss ich spielen. Niko ist ständig unterwegs, kennt jeden und jeder kennt ihn - ein Tausendsassa! Das Besondere an ihm ist: Er hat das Herz am rechten Fleck. Er ist absolut loyal und ein herzensguter Mensch. Gefühle zu zeigen ist nicht seine Stärke, das versteckt er gekonnt hinter seiner humorvollen Fassade. Ich liebe diesen Niko sehr. Er hat eine wahnsinnig freche Schnauze und einen rauen Charme, aber er ist dabei nie bösartig und plump.

teleschau: Welchen Stellenwert hat diese Figur für Sie?

Guenther: Dieses Format "Blind ermittelt", dieser Niko, das ist eine Traumrolle, eine ganz wichtige Rolle für mich. Wie damals der Anton Pöschel im "Polizeiruf". Das sind so Punkte im Leben, die etwas verändern: Da wird mir eine Tür aufgemacht, da wird mir etwas gegeben, und ich muss daraus etwas machen.