Der Horizont endet nicht beim nächsten Hit

Jillian Rose Banks setzt ihre Forschungsreise durch eine vielschichtige Welt voller poetischer Texte und komplexer R'n'B-Klänge fort. Das dritte Album, schlicht "III" getauft, präsentiert ihre eigenständige Definition von Popmusik in nahezu perfekter Form.

Dieser Satz aus dem Infomaterial zu Banks' neuem Album bleibt wohlig wie anregend im Gedächtnis hängen: "Sie ist die Art von Künstlerin, der eine Social-Media-Abhängigkeit fremd ist, die aber ihre Telefonnummer bei Facebook hinterlegt hat, falls die Fans mal quatschen müssen." Das klingt zunächst naiv und provokativ und wirkt weit weg von der Mainstream-Spur - so es denn tatsächlich wahr wäre. Aber genau diese Widersprüche machen die US-amerikanische Ausnahmekünstlerin und ihre Musik letztlich aus.

"III" ist nach den ebenfalls anspruchsvollen Vorgängern aus den Jahren 2014 und 2016 wieder ein Album geworden, das sich nicht gegen den Massengeschmack auflehnt, aber auch nicht versucht, das poetische Talent oder die Indiepop-Vergangenheit der Kalifornierin zu leugnen. Ein liebevoll produziertes, tanzbares und fesselndes Zeitdokument der aktuellen Pop-Kultur, dem Stempel wie "'R'n'B", "EDM", "Autotune", "80er-Revival" und "Exaltiertheit" längst nicht mehr gerecht werden.

Grooves jenseits der Ironie

Die Brüche zwischen verschleppten Tanzgrooves, dunklen R'n'B-Verweisen, A-capella-Passagen, Rave-Synthies, verspielten Klangschnipseln und immer wieder eingerissenen Erwartungshaltungen waren schon auf dem Vorgänger "The Altar" (2016) überdeutlich erkennbar, wirken nun aber noch ein ganzes Stück souveräner als damals. Es reicht eben nicht mehr, toll singen zu können oder eine oberfette Produktion mit zahllosen Details aufzufahren, um die Masse und die Kritiker gleichermaßen zu verzücken. Es ist eher die für Banks typische Mischung aus scheinbarem Desinteresse und cleverer Inszenierung, mit der die Sängerin, Songwriterin und Produzentin auf "III" einmal mehr begeistert.

Die gechillt groovende 80er-Synth-Ballade "Propaganda" ist mitnichten bloß ein gelungenes All-Saints-Plagiat mit mehr Tiefgang, und "Sawzall" ist weit mehr als bloß eine talentiert gehauchte R'n'B-Hymne mit waberndem Wurlitzer-Piano. Banks verbindet große Gefühle mit großen Sounds, stellt diese dann aber gleich wieder klanglich infrage; sie huldigt dem Mainstream und dem Dancefloor, macht aber auch klar, dass der Horizont dort noch lange nicht zu Ende ist.

Wenn sich eine Künstlerin traut, so oft und schnell Themen, Stimmungen und Klänge zu wechseln, wie es die wirbelnden Medien heute um uns herum vormachen, und wenn sie dabei nicht den roten Faden verliert, dann hat sie das Musikgeschäft und die Gesellschaft drumherum ziemlich gut analysiert. So ein Psychologie-Studium, wie Banks es nebenbei absolviert hat, kann manchmal vielleicht auch in der Musik sehr hilfreich sein.

Banks - Gimme