Der Literat des Kinos

Volker Schlöndorff holte den ersten "Auslands-Oscar" für Deutschland. Am 31. März wird der Regisseur, der wie kaum ein anderer den deutschen Film prägte, 80 Jahre alt.

"Es war nicht nur Literatur!", sagt Volker Schlöndorff und hat natürlich Recht. Der Regisseur, der am 31. März sein 80. Lebensjahr vollendet, hat selbstverständlich nicht nur Literaturverfilmungen gedreht in seiner nun fast 50-jährigen Karriere. Aber dennoch: Es ist vor allem seine kongeniale Umsetzung von Günter Grass' "Blechtrommel", die man mit dem Filmemacher aus Wiesbaden verbindet. Die Geschichte des kleinen Oskar, der sich durch die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte trommelt, gewann die Goldene Palme in Cannes und, noch wichtiger, den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Schlöndorff war der erste Deutsche, der die Auszeichnung in Los Angeles entgegennehmen durfte, und nur zwei weitere Landsleute sollten ihm bis heute folgen.

Dass aus Schlöndorff ein Filmemacher werden sollte, war zunächst alles andere als wahrscheinlich. Der Vater Georg war Arzt (die Mutter starb früh), die beiden Brüder wurden es auch. Nur Volker nicht. In einem Kurort mit dem schönen Namen Schlangenbad, gelegen im Taunus, wuchs er auf, ein kleiner Ort, an dem ihn nicht lange etwas hielt. Als 15-Jähriger fuhr er erstmals nach Paris, zusammen mit dem Vater. "Bis dato kannte ich nur Wiesbaden und Mainz - und die lagen in Schutt und Asche", erinnert sich Schlöndorff im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. Paris öffnete ihm die Augen: "So sieht also eine große Stadt aus. Und diese Menschen: Ich erinnere mich, wie wir in einem Café saßen und die Leute an uns vorübergingen. Frauen, die mir unheimlich elegant vorkamen. Das war eine Initialzündung. Von da an wollte ich nach Paris."

Und er ging nach Paris, schon zwei Jahre später, und sollte zehn Jahre bleiben. An einer Eliteschule machte Schlöndorff sein Abitur, anschließend studierte er Jura, aber nur der Form halber. Schon in der Schule, als sein Banknachbar Bertrand Tavernier hieß, der später selbst Filme drehen sollte, interessierte ihn das Kino mehr als die Juristerei. In der Cinémathèque française lernte er nicht nur den Film kennen, sondern auch seine französischen Erneuerer. Für Louis Malle, Alain Resnais und Jean-Pierre Melville arbeitete Schlöndorff als Regie-Assistent, 1960 drehte er seinen ersten Kurzfilm, noch unter Pseudonym. "Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt Schlöndorff über seine Jahre in Paris. "Damals erschien mir das ganz normal", heute komme es ihm "wie ein schieres Wunder vor".

"Vielleicht bin ich ein verhinderter Schriftsteller"

"Der junge Törless", gedreht 1966, sein erster Spielfilm, brachte Schlöndorff begeisterte Kritiken ein; Mathieu Carrière spielte die Hauptrolle in der Musil-Verfilmung, die einer der ersten internationalen Erfolge des deutschen Nachkriegskinos wurde. Auf die Frage, warum er immer wieder Romane verfilmt, hat Schlöndorff Jahre später nur eine Antwort: "dass ich gerne lese". - "Es passiert gegen den eigenen Willen. Wahrscheinlich habe ich auch gemerkt, dass ich mehr Talent für Adaptionen habe als dafür, Originaldrehbücher zu schreiben. Vielleicht bin ich ein verhinderter Schriftsteller. Aber der Gedanke, Monate oder gar Jahre einsam am Schreibtisch zu sitzen, war mir suspekt. Ich arbeite lieber im Team, mit Schauspielern und mit der Technik."

Die Verfilmung von Heinrich Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" brachte Schlöndorff (der den Film zusammen mit Margarethe von Trotta drehte, die er 1971 geheiratet hatte) 1975 den Durchbruch auch an den deutschen Kinokassen. Und sie etablierte den Regisseur als politischen Filmemacher, machte ihn zum Chronisten deutscher Geschichte. Der Film erzählt von einer jungen Frau (gespielt von Angela Winkler), die sich auf eine kurze Affäre mit einem gesuchten Deserteur einlässt und anschließend eine Hetzkampagne einer Boulevardzeitung über sich ergehen lassen muss. "Wenn ich das Gefühl habe, das etwas ungerecht ist, muss ich mich einmischen. Das war schon in der Schule so. Diesen Impetus habe ich in mir", sagt Schlöndorff. "Der ist weniger politisch, als die Leute meinen. Meine niedrige Toleranzgrenze ist ganz konkret überschritten, wenn ein Mensch schlecht behandelt wird."

"Wie war das möglich?"

In seinem Oscar-Gewinner "Die Blechtrommel" beschäftigte sich Schlöndorff erstmals ausführlich mit den NS-Zeit und der deutschen Schuld - ein Thema, das ihn nicht loslassen sollte. "Nachdem ich mit 17 nach Frankreich kam und aus der Perspektive der Franzosen gesehen habe, was wir Deutschen im Zweiten Weltkrieg angestellt haben, blieb immer wieder die gleiche Frage: Wie war das möglich?", erzählt er. "Die habe nicht nur ich mir gestellt, auch all meine Schulkameraden und überhaupt alle Menschen fragten: Was habt ihr Deutschen euch dabei gedacht? Ihr seid doch ein zivilisiertes Volk. Auf diese Frage suche ich immer noch die Antwort. Nicht mit jedem Film, aber das Thema ist immer da."

Die Anerkennung der Academy in Los Angeles öffnete Schlöndorff die Türen nach Hollywood. Mit Dustin Hoffman, Kate Reid und dem jungen John Malkovich in den Hauptrollen entstand "Tod eines Handlungsreisenden" nach Arthur Miller. In theaterhaften Kulissen brachte Schlöndorff sein Ensemble hier zu Höchstleistungen - so gut hat man Hoffman selten gesehen, was dem Schauspieler einen Golden Globe einbrachte. "Ich komme zu den Schauspielern in die Garderobe und rede dort mit ihnen über alles. Nicht unbedingt über die kommende Szene, aber wir haben einen fließenden Übergang von unserem Gespräch bis zu unserer Arbeit", erklärt Schlöndorff seine Herangehensweise. "Es entsteht eine Natürlichkeit, die es unmöglich macht, unnatürlich zu spielen. Eine ganz diffizile Angelegenheit."

In Hollywood wurde Schlöndorff nicht glücklich. "Ich tat mich schwer, ich konnte mit diesen Leuten nicht", sagt er rückblickend. "Deshalb versuchte ich mein Glück in New York. Dort ist man aber in das Ghetto des Independentfilms verdammt. Das war alles vollkommen unbefriedigend. Ich merkte, dass ich in Europa bessere Arbeitsmöglichkeiten habe. Also begrub ich den Traum von Hollywood und arbeitete dort, wo ich es am besten konnte."

"Sieben Jahre ohne Filme zu machen"

Zurück in Europa leitete er sieben Jahre das Studio Potsdam-Babelsberg. "Sieben Jahre meines Lebens sind da drin, sieben Jahre, ohne Filme zu machen", sagte er später, ein wenig resigniert. Der Traum, in Deutschland ganz große Filme zu produzieren, hatte sich nicht erfüllt. Man habe ein "Top-Studio, über das die Amerikaner voll des Lobes sind". Aber: "Es sind nicht gerade gute Filme da entstanden. Natürlich liebe ich die kleinen Arbeiten. Aber eine richtige Filmindustrie werden wir erst haben, wenn wir große Filme machen können." Als er selbst wieder drehte, war es erneut immer wieder die Geschichte des Kontinents, die er in seinen Werken verarbeitete. In "Der neunte Tag" (2004) mit Ulrich Matthes erzählt Schlöndorff von der Verfolgung regimekritischer Geistlicher in der NS-Zeit, in "Diplomatie" (2014) von der Rettung seiner Lieblingsstadt Paris vor der Zerstörungswut der Nazis.

Im vergangenen Jahr, an Heiligabend, verstarb Schlöndorffs zweite Frau Angelika, mit der er seit 1992 verheiratet war. Gemeinsam haben sie eine erwachsene Tochter. Sein nächstes Projekt hat der nun 80-Jährige schon in Planung: eine Dokumentation soll es werden, über den Agrarwissenschaftler und Träger des Alternativen Nobelpreises, Tony Rinaudo. In Mali, Niger und Ghana war er mit dem Australier unterwegs, um für das Projekt zu recherchieren. Noch nie habe er einen derart großen Dokumentarfilm gedreht, sagte Schlöndorff vor wenigen Tagen - Angst davor habe er aber nicht.