Die Bühne gehört jetzt ihr allein

Eintritt in eine neue Lebensphase: Die gefeierte Bassistin Tal Wilkenfeld wagt sich mit "Love Remains" auf das Singer-/Songwriterfeld.

Vielen Musikfreunden dürfte Tal Wilkenfeld das erste Mal 2009 begegnet sein. Damals erschien mit "Performing This Week ... Live At Ronnie Scott's" ein denkwürdiger Konzertmitschnitt der Gitarristenlegende Jeff Beck. Aufsehenerregend war der Auftritt unter anderem auch deshalb, weil am Bass eine blutjunge Dame das erlauchte Publikum sowie ihre Kollegen auf der Bühne verzauberte. Und das sollte erst der Anfang sein: Herbie Hancock, Steven Tyler, Mick Jagger, Prince ... Tal Wilkenfeld kam in der Folge immer wieder zu prominenten Engagements und stahl den Stars nicht selten die Show. Mit "Love Remains" hat die inzwischen 32-Jährige, die bisher primär als musikalische Begleitung in Erscheinung trat, nun ein eigenes Singer-/Songwriteralbum veröffentlicht.

"Love Remains" ist nicht Wilkenfelds erstes Soloalbum. Mit "Transformation" bewies die Australierin 2007 bereits auf dem Jazz-Fusion-Gebiet, dass sie weit mehr zu bieten hat als die Attribute "jung", "hübsch" und "weiblich", die allerdings bis heute eine erschreckend hohe Anzahl von Kommentaren hervorrufen. Die damals 20-Jährige brillierte auf "Transformation" mit einem technisch ebenso abgeklärten wie beseelten und spielerisch ebenso einfallsreichen wie durchdachten Vortrag. "Love Remains" nun ist jedoch eine gänzlich andere Hausnummer. Keine Meister der tiefen Saiteninstrumente tauchen in Interviews als Inspirationsquellen auf, sondern Menschen wie Leonard Cohen und Paul Simon.

Der Wandel von der Star-Bassistin zur Singer-/Songwriterin

"Love Remains" verzichtet bewusst auf instrumentale Pirouetten, und Wilkenfeld macht deutlich, dass sie weitaus mehr zu sein gedenkt als nur eine "Musikerin für Musiker". Das Stück "Corner Painter" schrabbelt mit starkem 90er-Touch aus den Lautsprechern. Ein Blick auf das Cover: Schmollmund, zerzaustes Haar, das Bild passt. In "Fistful Of Glass" klingt Wilkenfeld stellenweise wie eine elaborierte Version von Avril Lavigne. Das wiederkehrende Thema ihrer Songs ist - wenig originell, aber schier unerschöpflich - die Liebe, wobei bevorzugt die schmerzhafteren Schattierungen hervorgehoben werden. Gerade in den stilleren Momenten ("Under The Sun", "Pieces Of Me") ist der Wandel vom unbedarften Jungtalent zur reifen Songwriterin in jeder Note und jeder Zeile spürbar.

Stimmlich vielschichtig, kompositorisch offen und handwerklich weiterhin erstrangig, spaziert Wilkenfeld scheinbar mühelos durch die zehn Songs von "Love Remains". Zwar gibt es einige gute Geister, die ihr dabei helfen: Co-Produzent Paul Stacey (Oasis) etwa, Spitzendrummer Jeremy Stacey (unter anderem King Crimson), Keyboarder Benmont Tench (Tom Petty & The Heartbreakers) und Jackson Browne als eine Art Mentor. All die Namen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Love Remains" Wilkenfelds Baby ist - ein Album, mit dem sie das reine Bassistinnen-Daseins hinter sich lässt. Tal Wilkfenfeld ist jetzt bereit, die gesamte Fläche der Bühne einzunehmen.