Die Entdeckung der Weiblichkeit

Auf "I Am Easy To Find" lassen sich The National auf ein spannendes Experiment ein: Die Band um Matt Bernlinger setzt erstmals konsequent auf Gastsängerinnen und schafft damit eines der besten Alben ihrer Karriere.

"I Am Easy To Find" einfach nur als das neue Album der Rockband The National zu bezeichnen, wäre womöglich die Untertreibung des Jahres. Unter dem Titel "I Am Easy To Find" entstanden ein von Mike Mills ("Beginners", "Jahrhundertfrauen") inszenierter Kurzfilm mit Alicia Vikander in der Hauptrolle und ein Konzeptalbum. die aufeinander verweisen, sich gegenseitig ergänzen und trotzdem für sich genommen funktionieren. Aber auch alleinstehend ist "I Am Easy To Find" kein normales The-National-Album. Seit knapp 20 Jahren bereichert die US-Band die Indie-Szene mit kryptisch-faszinierenden Texten und einzigartig-schermütiger Gitarrenmusik. "I Am Easy To Find" ist ein neuer Höhepunkt.

Nur zwei Jahre nach dem elektronisch-experimentellen Werk "Sleep Well Beast" finden sich satte 16 Stücke auf dem neuen Album. Die mit einer hektischen Gitarre und wild wechselnden Effekten zitternde Single "You Had Your Soul With You" baut die akustische Brücke zwischen "Sleep Well Beast" und "I Am Easy To Find". Doch spätestens, wenn Gastmusikerin Gail Ann Dorsey mit ihrem erhabenen Gesang in den Song eindringt, ist alles anders als auf den sieben vorangegangenen Alben. "I have owed it to my heart, every word I've said / You have no idea how hard I died when you left", wird da in großen Gesten gesungen, während The-National-Frontmann Matt Berninger helle Vokale aushaucht.

Angst und Trauer in ihrer schönsten Form

Dorsey macht hier lediglich einen Anfang, denn mit "I Am Easy To Find" feiern The National die Entdeckung der Weiblichkeit in ihrer Musik. Keines der 16 Stücke kommt ohne weiblichen Gesang aus, Berninger hingegen bleit auffallend oft stumm. Neben Dorsey singen unter anderem Künstlerinnen wie Sharon Van Etten, Lisa Hannigan, Mina Tindle und Kate Stables mit. Oft versichert nur der charakteristische Schlagzeug-Sound, dass hier The National am Werk sind.

"Oblivions" stampft in den Raum, verabschiedet sich dann aber von den Drums und überlässt Klavieranschlägen und Mina Tindle das Feld, die am Ende in einem Duett mit Berninger glänzt. "It's like a tide in the city lifts me and carries me around / and oh my mind is made up out of nothing now", klingt es da aus einem tonnenschweren Herzen. Nur wenige Bands können Ängste und Trauer so schön artikulieren wie The National.

Eines der besten Alben des Jahres

Besonders berührend wird es im Titelsong mit Kate Stables, in dem sie und Berninger sich vom Piano führen lassen. Zeilen wie "I'm still standing in the same place where you left me standing, I am easy to find" treffen bei jedem ins Herz, der schon einmal zurückgelassen wurde. Es folgt ein unerwartetes chorales Interlude des Brooklyn Youth Chorus und dann mit "Where Is Her Head" ein weiteres manisches Highlight. Zu aufbrausenden Drums singt Berninger immer wieder: "I think I'm hittin' a wall, I think I'm hittin' a wall". Es ist ein Song wie ein Sturm, mit vielen Stimmen, die durcheinander wirbeln und sich dann verflüchtigen. Kurz vor Schluss gibt es mit "Rylan" dann noch ein Stück, das mit energischen Drums und Berningers verschlepptem Gesang "klassisch" nach The National klingt, ehe die schwermütige Ballade "Light Years" einen bittersüßen Schlusspunkt setzt.

Mit seinen vielen Künstlerinnen und der damit verbundenen Vielfalt ist "I Am Easy to Find" eine echte Bereicherung für den Katalog von The National. Die Gastsängerinnen bieten Matt Berninger eine Möglichkeit zum Dialog, und so entsteht in den Zeilen noch mehr Tiefe. Erfolgreicher als in diesem Fall kann ein Experiment kaum sein: "I Am Easy to Find" ist ein Diorama vom Lieben und Leben, vom Vergnügen und vom Verzweifeln, und zweifellos eines der besten Alben des Jahres.

The National - Light Years