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Corona-News

"Die Europameisterschaft ist wie ein gefühltes Klassentreffen"

1996 stemmte Fredi Bobic für die DFB-Elf den EM-Pokal in die Höhe. Bei der anstehenden EM ist der einstige Stürmer als Experte für MagentaTV im Einsatz. Worauf es ihm dabei ankommt, verrät der 49-Jährige im Interview.

Fredi Bobic hat in diesen Tagen viel zu tun. Nach seinem Abschied von Eintracht Frankfurt startete der Ex-Kicker Anfang Juni seinen Job als Geschäftsführer von Hertha BSC Berlin. Zudem arbeitet der 49-Jährige bei der anstehenden Europameisterschaft als Experte für MagentaTV. Bedenken, in Zeitnöte zu kommen, hat der EM-Sieger von 1996 aber nicht: "Die Spiele hätte ich mir sowieso angeschaut, jetzt kann ich auch noch darüber reden." Zweifel an der ersten Fußball-Großveranstaltung, die nicht komplett im Free-TV läuft, wischt Bobic derweil weg. Außerdem stellt er der deutschen Fußball-Branche ein Corona-Zeugnis aus.

teleschau: Sie haben bereits in der Vergangenheit Erfahrungen als TV-Experte gesammelt. Warum sind Sie bei der anstehenden EM wieder im Einsatz?

Fredi Bobic: Als ich vom Team bei MagentaTV gehört habe, war ich hellauf begeistert. Nicht nur mein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Michael Ballack gehört dazu, sondern auch Johannes B. Kerner, Wolff Fuss, Marco Hagemann und Jan Henkel. Es ist wie ein gefühltes Klassentreffen.

teleschau: Zur EM wird es in Deutschland wieder 80 Millionen Fußballexperten geben. Was unterscheidet einen guten TV-Experten von "normalen" Fans?

Bobic: Letztlich sind wir Experten ein Service für die Fans. Natürlich haben wir viele Hintergrundinformationen. Ich kenne ja viele Spieler oder Team-Verantwortliche in vielen Ländern. Mit denen telefoniere ich zwischendurch. Für den Fan ist es immer wieder interessant, solche exklusiven Einblicke zu bekommen. Wir sind auch dafür da, die Spiele nicht mit einer Emotionalität eines Fans, sondern mit einer gewissen Nüchternheit zu bewerten und zu erklären, weshalb ein Sieg oder eine Niederlage zustande gekommen ist.

teleschau: In den sozialen Medien werden Experten sehr kritisch beäugt. Verfolgen Sie die Kommentare, die bei Twitter und Co. abgegeben werden?

Bobic: Mit Sicherheit nicht, weil mich Social Media generell wenig interessiert. Ich gehöre zwar zur Generation, die weiß, wie die sozialen Medien funktionieren, aber dann hole ich mir Informationen, statt jemanden zu beschimpfen. Warum sollte ich mich mit Dingen beschäftigen, die mich unnötige Energie kosten?

"Da müssen die öffentlich-rechtlichen Sender halt mitmachen"

teleschau: Durch die Akademisierung des Fußballs hat sich der Job als Experte die letzten Jahre verkompliziert. Wie schwer ist es, ein Mittelmaß zwischen der polyvalenten falschen Neun und der Erklärung der Abseitsregel zu finden?

Bobic: Ich war immer ein Freund davon, die Dinge einfach zu erklären, ohne diese neumodischen Schlagwörter. Ich denke immer: Mein Vater sitzt vor dem Fernseher, und dem muss ich erklären, warum das Tor gefallen ist. Wenn ich dann etwas von einem diametral abkippenden Sechser erzähle, wird ihm wahrscheinlich schwindelig. Ich finde, man sollte nicht übermäßig den Analytiker raushängen lassen, sondern einfach erklären, wo Fehler gemacht wurden. Das sollte jeder verstehen - vom Jugendlichen bis zum Opa.

teleschau: Experten gehen kritisch an Spiele heran, was automatisch Reibungsfläche mit Angehörigen der Mannschaften schafft. Wie war in den letzten Jahren Ihr Verhältnis zu Experten?

Bobic: Ganz positiv. Der Experte steht grundsätzlich ja auch mit einem Namen für seine Urteile ein. Er darf ruhig Kritik äußern, das ist gar nicht das Problem. Die Frage ist immer die Form und die Art und Weise, wie man etwas tut. Ich sollte als Experte nicht in die verletzliche Form gehen oder mich neunmalklug präsentieren. Denn der Experte muss immer eines wissen: Du bist bei den Mannschaften nicht mit im Boot, im Maschinenraum.

teleschau: Sie waren in den vergangenen Jahren in Frankfurt nah dran an der Mannschaft. Interessiert die Spieler das, was die Experten sagen?

Bobic: Als Spieler sagt man ja immer - ich war ja selbst einer -, dass einen zum Beispiel die Kicker-Noten nicht interessieren. Das stimmt nicht, man hat da schon drauf geschaut und sich geärgert, wenn sie nicht gut waren. Auch bei den Experten hört man natürlich genau zu. Die Jungs nehmen sehr viel davon auf. Wenn sie kritisiert werden, geht ihnen das auch auf den Geist - das ist eine Frage des Egos.

teleschau: Die Euro 2020 ist das erste Turnier, das nicht mehr komplett im Free-TV übertragen wird. Was macht das mit Ihnen als Fußballfan?

Bobic: Ich verstehe natürlich, dass der Fußballfan erst einmal irritiert ist. Das merkt man ja in der Bundesliga auch, dass man nicht mehr weiß, wo eigentlich die Spiele laufen. Die vielen verschiedenen Kanäle, auf denen Partien gezeigt werden, machen es einfach schwer, den Überblick zu bewahren. Aber bei MagentaTV ist es vor der EM klar: Wenn du das hast, kannst du alle Spiele sehen. Du musst nirgendwo anders hinschalten, das sehe ich als Vorteil.

teleschau: Dennoch bleibt die Hürde, dass man sich als Zuschauer aktiv um ein kostenpflichtiges Paket kümmern muss. Sehen Sie die Gefahr, dass das Gemeinschaftsevent Fußball unter der Aufteilung der Übertragungsrechte leidet?

Bobic: Da müssen die öffentlich-rechtlichen Sender halt mitmachen. Ganz ehrlich: Heutzutage gibt es nichts geschenkt. Sich MagentaTV zu holen, ist sehr einfach. Auch mein Vater hat das. Jeder hat heute einen Internetzugang, und die Deutschland-Spiele werden ja ohnehin auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt. Wenn Sie von Event sprechen, dann verstehe ich das so, dass ein Turnier in einem oder zwei Ländern stattfindet und nicht in zwölf. Deswegen wird das von den Emotionen her eine andere Europameisterschaft sein, vielleicht auch mit einem komischen Gefühl bei den Zuschauern.

"Das war eine selten dämliche Diskussion bei der Super League"

teleschau: Das Turnier wird auch von der Corona-Pandemie sein, die den Fußball im letzten Jahr verändert hat und gefühlt die Zuschauer vom Fußball entfremdet hat ...

Bobic: Erst einmal muss man klar die Fakten sehen. Medial hat die Bundesliga in der Pandemie mehr Zuschauer bekommen. Aber die emotionale Komponente hat natürlich gelitten. Das geht mir genauso. Ich kann zwar ins Stadion, war aber auch nicht so emotional dabei wie gewohnt. Das hat mit Corona zu tun. Sobald wieder Zuschauer da sind, hoffentlich auch jetzt bei der EM, ist es wieder ein anderes Gefühl Fußball zu schauen, mit Pfiffen, Rufen, Emotionen.

teleschau: Mitten in die Corona-Zeit platzten die Diskussionen um die Super League, und die Ablösesummen für Trainer stiegen in ungeahnte Höhen. Wie lässt sich das dem Durchschnittsfan in der Krise vermitteln?

Bobic: Natürlich war das eine selten dämliche Diskussion und Konstellation bei der Super League, die die ganz Großen der Branche geführt haben. Da hat sich aber gezeigt, dass der Fußball in Form von Fans und Vereinen geschlossen zusammenstand und dem ganz klar eine Absage erteilt hat. Hätte sich der Fußball schon vom Fan entfremdet, hätte keiner reagiert, und der Fan hätte gesagt: "Lass sie doch machen." Aber das ist nicht passiert, sondern man hat sehr laut und deutlich dagegen protestiert. Diese Klubs, die die Super League angeschoben haben, haben jetzt einen größeren Makel, und das werden sie in der Branche auch spüren.

teleschau: Welches Zeugnis stellen Sie der deutschen Fußballbranche in der Corona-Zeit aus?

Bobic: In Deutschland haben wir es aus meiner Sicht überragend hinbekommen. Wir waren die Ersten, die wieder auf das Feld zurückgekehrt sind und eine medizinische Konzeption erstellt haben. Somit haben wir nicht nur die Fußballwelt, sondern den globalen Sport mitgenommen. Darauf können wir stolz sein. Die Infektionszahlen waren über den ganzen Zeitraum mehr als gering. Die Regelbrüche vereinzelter Akteure, die trotz Corona Partys gefeiert haben, waren überschaubar. Natürlich kann man nicht jeden greifen, der Fußball ist auch nur ein Abbild der Gesellschaft.

"Es wäre cool, wenn Thomas Müller noch einmal Torschützenkönig wird"

teleschau: Sie haben kürzlich Ihre neue Tätigkeit als Geschäftsführer bei Hertha BSC Berlin begonnen. Wie lassen sich diese neuen beruflichen Herausforderungen mit Ihrer Rolle als EM-Experte vereinbaren?

Bobic: Dadurch, dass ich ohnehin immer unterwegs bin, muss ich auch viele Termine in München absolvieren. Ich bin während des Turniers auch nicht jeden Tag da, sondern nur an elf Tagen im Einsatz. Wenn man vorsichtig ist, habe ich trotz der besonderen Lage keine Bauchschmerzen. Die Spiele hätte ich mir sowieso angeschaut, jetzt kann ich auch noch darüber reden. Darüber hinaus bekommt man viele Spieldaten mit, mit denen ich sofort arbeiten kann. Das hilft auch im Scouting.

teleschau: Es schlägt bei den EM-Spielen also nicht nur Ihr Herz als Experte ...

Bobic: Ja, mir werden vielleicht Spieler ins Auge stechen, die anderen nicht so auffallen. Ich denke natürlich schon an den Verein. Aber: Wenn einer fünf Tore schießt, kann ich den zwar super finden, doch ich weiß auch: In meinen Geldbeutel passt er nicht. Vielleicht fällt mir aber stattdessen ein Spieler auf, der rechts hinten ackert.

teleschau: Welche Spieler könnten der EM Ihren Stempel aufdrücken?

Bobic: Aus der emotionalen Fansicht heraus wäre es cool, wenn Thomas Müller noch einmal seinen letzten Tanz macht und Torschützenkönig wird. Nüchtern gesehen könnte sich Belgien um Romelu Lukaku ins Rampenlicht spielen. Ich freue mich auch auf André Silva und hoffe, dass er die internationale Bühne für Portugal nutzen kann - nur nicht gegen Deutschland. (lacht) Schade ist, dass Ibrahimovic verletzt ist. Den hätte ich gerne noch einmal gesehen. Das Spannende an der EM ist aber, dass Turniere auch immer ihre eigenen Stars machen. Ich lasse mich da gerne überraschen.



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