"Die Fans sind eigentlich nie zufrieden"

Ralf Husmann kennt die TV-Branche wie kaum ein Zweiter. Aus diesem Grund gehört das "Stromberg"-Mastermind auch seit Kurzem zum Ensemble der ONE-Talkshow "Seriös - Das Serienquartett". Im Interview erklärt er unter anderem, warum für Serien-Fans früher immer alles besser war ...

Ralf Husmann kennt die TV-Branche wie kaum ein Zweiter. Aus diesem Grund gehört das "Stromberg"-Mastermind auch seit Kurzem zum Ensemble der ONE-Talkshow "Seriös - Das Serienquartett". Im Interview erklärt er unter anderem, warum für Serien-Fans früher immer alles besser war ...

Deutsches Fernsehen ohne Ralf Husmann? Undenkbar! Der Drehbuchautor prägte die deutsche Comedy wie kaum ein anderer. Bis 1998 fungierte der Autor als Gagschreiber bei der "Harald Schmidt Show". Im Jahr 2004 gelang ihm dann der große Durchbruch mit der Kultserie "Stromberg". Danach sorgte er mit einem kurzen Gastspiel für frischen Wind beim Dresdner "Tatort" (2016 bis 2017). Seitdem widmet er sich wieder seinem Kerngeschäft: dem seriellen Schreiben. In diesem Jahr erblickten gleich zwei Produktionen des Dortmunders das Licht der Fernsehwelt: "Merz gegen Merz" im ZDF und "Frau Jordan stellt gleich" bei JOYN. Nun gehört der 55-Jährige zum festen Team der Talkshow "Seriös - Das Serienquartett" (Folge zwei am Freitag, 25. Oktober, 21.00 Uhr bei ONE) mit Comedian Kurt Krömer, Moderatorin Annie Hoffmann und Drehbuchautorin Annette Hess. Im Interview erklärt er, was er von den Entwicklungen im Streamingbereich hält, weswegen die Fans immer alles am besten wissen und warum das deutsche TV gar nicht so feige ist, wie alle immer behaupten.

Fan-Sein in Zeiten des Internets

teleschau: "Seriös - Das Serienquartett" ist ja von seiner Grundstruktur an "Das Literarische Quartett" angelehnt - Kurt Krömer quasi als legitimer Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki. Was erwartet den Zuschauer bei dem Format?

Ralf Husmann: Ich glaube die Rollenverteilung orientiert sich jetzt nicht so nah am Original! (lacht) Aber ja, die Grundidee ist dieselbe: Vier Leute reden über ein Thema - anstatt um Literatur geht's bei uns eben um TV-Serien. Es gibt allerdings keinen klassischen Gastgeber im eigentlichen Sinne. Jeder bringt seine eigenen Themen mit und erzählt kurz was dazu. Darüber hinaus sprechen wir aber auch über etwas allgemeinere Dinge, wie zum Beispiel die deutsche Serienlandschaft oder über wichtige aktuelle Formate wie "Game of Thrones".

teleschau: Stichwort "Game of Thrones": Die Serie ist kürzlich mit zwölf Emmys ausgezeichnet worden, aber die letzte Staffel hat unter den Fans für viel Unmut und teilweise sogar für Wut und Hass gesorgt. Denken Sie im "Fan-Sein" ist etwas außer Kontrolle geraten?

Husmann: Ich habe "Game of Thrones" nicht gesehen und bin daher kein Experte für das Format. Aber ich glaube, diese Reaktionen sind ganz normal, wenn es um derartige Kultserien geht. Die Fans sind mit dem Format verbunden, haben eine ganz klare Vorstellung davon, wie die Geschichte idealerweise fortgeführt werden sollte. Vergleichbar ist das mit der Situation im Fußball: Da gibt es auch Hardcorefans, die eine Idee davon haben, wie sich ihr Verein entwickeln sollte, und dann enttäuscht sind, wenn der aus ihrer Sicht falsche Spieler verpflichtet wird. Ich halte das für eine normale Entwicklung, die aber selbstverständlich durch Social Media potenziert wird.

"Früher war alles besser"

teleschau: Kennen Sie solche Situationen auch aus eigener Erfahrung?

Husmann: Ja, in viel kleinerem Rahmen hatten wir so etwas auch bei "Stromberg". Da haben die Zuschauer teilweise sogar komplett eigene Drehbücher entwickelt und uns zugeschickt. Die Fans sind eigentlich nie zufrieden. Ich arbeite nun schon seit rund 30 Jahren in dieser Branche, und es war immer so, dass die aktuelle Staffel unter den Fans immer schlechter ist als die davor - ohnehin war früher immer alles besser! (lacht) Das hat sich nie geändert. Als ich das erste Mal "Die Harald Schmidt Show" für SAT.1 gemacht habe, war das genauso. Da hieß es dann: "Das ist Mist, aber 'Schmidteinander' war super!" Als die Show dann von SAT.1 zur ARD ging, hieß es plötzlich: "Jetzt kannst du's nicht mehr gucken, aber bei SAT.1 war's spitze!". Und als es dann irgendwann wieder von der ARD wegging, hieß es: "Im Ersten war's toll, jetzt ist es furchtbar!" Ich hab in dieser Hinsicht noch nie eine andere Erfahrung gemacht. Die neue Staffel ist immer schlechter als die letzte. Und wenn dann fünf Jahre vergangen sind, erinnern sich eh alle nur noch an die Highlights! (lacht)

teleschau: Die Fernsehbranche hat sich in den vergangenen Jahren sehr stark verändert: weg vom linearen, hin zum non-linearen TV. Andauernd tauchen neue Streaminganbieter auf dem Markt auf. Als Zuschauer wird man vom Überangebot nahezu erschlagen. Platzt die Blase irgendwann?

Husmann: Das wird jetzt erst mal noch eine Weile so weitergehen. Es werden weitere Anbieter auf den Markt strömen. Auch sie werden versuchen, mit eigenen Formaten zu punkten. Ich erlebe nun schon "das dritte Goldene Zeitalter des Fernsehens". Mittlerweile weiß man ja, dass diese Entwicklungen immer in Wellen verlaufen: Zunächst läuft alles super, und man denkt, die Bäume wachsen in den Himmel. Wenige Jahre später glaubt man dann, das Fernsehen sei tot und käme nie wieder. Und dann geht alles wieder von vorne los. Das ist im Fernsehen nicht anders als an der Börse oder auf dem Immobilienmarkt. Es gibt ein ständiges Auf und Ab. Wir befinden uns gerade in einer Hochphase, und die wird auch noch ein Weilchen andauern. Dann wird sich das automatisch konsolidieren. Nicht alle Anbieter, die es aktuell auf dem Markt gibt, werden überleben.

Erfolgsdruck

teleschau: Sie sind im TV-Geschäft sehr erfahren. Dank "Stromberg" genießen Sie in Deutschland Kultstatus. Anfang des Jahres haben Sie "Merz gegen Merz" fürs ZDF aus der Taufe gehoben und seit Kurzem läuft "Frau Jordan stellt gleich" bei Joyn. Kennen Sie überhaupt noch Drucksituationen?

Husmann: Der Druck ist immer da. Aber bei mir ist es kein Erfolgsdruck. Ich mache all das hauptsächlich für mich. Ich will immer das bestmögliche Produkt abliefern. Und diesen Druck gibt es immer, egal ob es die erste Serie ist, die man macht, oder schon die zehnte. Man kommt nie an den Punkt, an dem man sagt: Jetzt kann ich's! Wenn man das denkt, hat man schon verloren. Denn es gibt jedes Mal neue Herausforderungen. Den inneren Druck braucht es aber, sonst wird das Projekt nicht gut. Bei mir nimmt dieser Druck sogar eher zu. Mittlerweile kenne ich einfach zu viele Möglichkeiten, um Fehler zu machen, und ich will diese Fehler natürlich möglichst vermeiden.

teleschau: Früher erging es Ihnen also anders?

Husmann: Absolut, ja! Bei meiner ersten Serienproduktion war ich noch naiv und blauäugig. Ich hatte das ja noch nie zuvor gemacht und dachte mir dann: Das werden wir schon irgendwie hinkriegen! Im Laufe der Jahre entwickelt man dann einen Sensor dafür, wo etwas schiefgehen könnte. Dadurch wird der innere Druck um ein Vielfaches höher - zumindest bei mir.

Wie wählt man die Themen aus?

teleschau: Wie wählt man Themen aus? In "Frau Jordan" geht es beispielsweise um Sexismus, die #MeToo- und die Gleichstellungsdebatte.

Husmann: In diesem konkreten Fall war es so, dass das Thema von außen an mich herangetragen wurde. Katrin Bauerfeind hatte ja schon ein Buch zum Thema geschrieben: "Hinten sind Rezepte drin: Geschichten, die Männern nie passieren würden". Unsere Produzentin Nanni Erben hat dann gefragt, ob man das Buch nicht in etwas Serielles umwandeln könnte. Das Buch bestand ja aus Kurzgeschichten, die durch keinen roten Faden miteinander verbunden waren. Als großes Überthema schien uns dann die Gleichstellungs-Debatte sehr passend zu sein. Und zwar noch vor Aufkommen der #MeToo-Debatte. Bei der Recherche merkte ich dann selbst, dass das ein sehr breites Thema ist. Und ich wollte es unbedingt aus einer weiblichen Perspektive erzählen.

teleschau: Können Sie das näher begründen?

Husmann: In den letzten zehn Jahren hab ich ja eher männerlastige Formate entwickelt. Doch bei den drei Folgen des Dresdner "Tatorts", an denen ich mitgewirkt hatte, arbeitete ich mit einem primär weiblichen Team zusammen. Das fand ich super, weil man ganz andere Sachen erzählen kann! Nachdem ich beim "Tatort" wieder ausgestiegen war, wurde mir dann "Frau Jordan" angeboten - das Projekt kam also genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte das Gefühl, dass man aus der Frauenperspektive am innovativsten erzählen kann, weil die Figuren am meisten Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Das war quasi der Auslöser. Und Gleichstellung ist da ein ergiebiges Thema, weil es um viele unterschiedliche Bereiche geht: Von der Berufsfeuerwehr über Kindergärten bis hin zu Werbung auf städtischen Flächen. Und man ist bei dem Thema mit einem Bein schon automatisch politisch inkorrekt, und das liegt mir sehr. Man muss sich hin und wieder auch mal etwas trauen. In Deutschland haben wir ja eigentlich keine Tradition darin, über ernste Themen in humorvoller Art und Weise zu reden.

Zwischen Mut und Markt

teleschau: Innovative und kontroverse Formate finden sich häufig im Angebot von Streaming- und Pay-TV-Anbietern. Fehlt es dem deutschen TV an Mut?

Husmann: Das ist eine These, die ich so nicht unterschreiben würde. Damit macht man es sich immer sehr einfach. Der Mut ist nicht das ausschlaggebende Element. Oft treffen sich beide Welten auch in der Mitte: Sky und die ARD haben beispielsweise bei "Babylon Berlin" sehr erfolgreich kooperiert. Das ist eine Entwicklung, die wenig mit Mut zu tun hat, sondern mit der Notwendigkeit, sich abzusetzen. Auf dem US-Markt konnte man das ganz gut beobachten: Der Kabelanbieter HBO war in der Vergangenheit mit seinen Eigenproduktionen vor allem deshalb so erfolgreich, weil es mehr Sex zu sehen und mehr Schimpfwörter zu hören gab als im regulären TV. Über diese Art von Fernsehen konnte man sich als Kabelanbieter vom traditionellen TV-Markt abgrenzen und unterscheiden.

teleschau: Und wie sieht's in Deutschland aus?

Husmann: Dieser Druck zur Unterscheidung ist auch hierzulande spürbar. Es gibt Bereiche, in denen man sagt: Man muss nicht jedem gefallen - dort kann man dann auch mal etwas Gewagteres produzieren. Aber das, was wir im inneren Medienzirkel alle großartig finden, läuft oft nur auf einem Nischenkanal - wo es am Ende sehr wenige Leute schauen. Das, was die meisten sehen wollen, ist "Um Himmels Willen", und das, was wir als kleine Gruppe spitze finden, geht mit 200.000 Zuschauern nach Hause. Man muss sich also fragen: Was ist der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender? Die Arbeit für eine sehr breite Zielgruppe. Und wenn die nun mal ü-50 ist, dann kann man nicht nur Formate produzieren, die 300.000 junge Leute super finden, aber alle anderen nicht. Deswegen hat das nichts mit Mut zu tun, sondern mit einer Orientierung am Markt.

Prägende TV-Erlebnisse

teleschau: Was schauen Sie selbst am liebsten? Was hat Sie am meisten geprägt?

Husmann: Ich bin ein großer Fan von Aaron Sorkins Formaten wie "The West Wing - Im Zentrum der Macht" oder "The Newsroom". Da wird viel geredet, da gibt's wenig spannende Bilder. Großartige Schauspieler sagen viel Text in einer hohen Geschwindigkeit auf - das liegt mir natürlich sehr nahe! (lacht) Die ganzen Klassiker von "Die Sopranos" bis hin zu "The Wire" habe ich natürlich auch alle gesehen - irgendwo bleibt ja immer irgendetwas hängen, das man sich für später merkt. In "Seriös - Das Serienquartett" präsentiert auch jeder von uns seine eigene Serien-Top-Ten-Liste.

teleschau: Was steht da bei Ihnen drauf?

Husmann: Da findet sich beispielsweise "Die Larry Sanders Show", die 1990-er-Jahre-Serie von HBO mit Garry Shandling. Darin wird ein Blick hinter die Kulissen einer amerikanischen Late-Night-Show geworfen. Wie dort mit Figuren, Sprache und Humor umgegangen wird, hat mich sehr geprägt. Die Serie ist quasi die Keimzelle des gegenwärtigen amerikanischen Humors. Da haben alle Großen mal angefangen: Von Judd Apatow bis Sarah Silverman waren viele heutige Stars mal auf die ein oder andere Art daran beteiligt. Ich zeige das Format auch heute noch gerne als Paradebeispiel, wenn ich an Hochschulen unterrichte. Man kann immer noch viel davon lernen!