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Die Fratze des Wahnsinns?

Extrem-Reporter Jenke von Wilmsdorff blickt auf 21 TV-Selbstversuche in acht Jahren zurück. Nach dem Wechsel von RTL zu ProSieben debütiert der 55-Jährige nun mit einer Reportage über Schönheitsbehandlungen und Chirurgie. Natürlich mit einem Konzept, das für normale Menschen "der Horror" wäre.

In acht Jahren "Das Jenke-Experiment" experimentierte Jenke von Wilmsdorff mit Drogen, er lebte 14 Tage lang in Einzelhaft oder aß täglich kiloweise Discounter-Fleisch. Nun führt der Extremreporter sein Konzept beim Sender ProSieben fort. In seiner ersten Sendung "Jenke. Das Schönheits-Experiment" (Montag, 30. November, 20.15 Uhr) verfolgt der 55-Jährige den Plan, innerhalb von 100 Tagen 20 Jahre jünger auszusehen. Kosmetik und plastische Chirurgie könnten ihm dabei helfen. Es entstand die verrückte Idee, das Gesicht zwecks Vergleichbarkeit in zwei Hälften zu teilen. Ein Hauch von Frankenstein oder ein weiteres Jenke-Experiment, das irgendwann einfach überstanden ist? Im Interview spricht der vielleicht mutigste Reporter Deutschlands über fatale Signale, die operierte Promis an normale Menschen aussenden und jene besondere Form des Narzissmus, unter der man "leiden" muss, um Reportagen wie er durchzuziehen.

teleschau: Das Gesicht ist ein sehr sensibler Bereich des Körpers. Hatten Sie keine Angst vor dem Experiment mit den zwei Gesichtshälften?

Jenke von Wilmsdorff: Eine Gesichtshälfte kosmetisch und die andere womöglich chirurgisch behandeln zu lassen, war erst mal so eine Schnapsidee - um Zeit zu sparen. Nachdem wir ein paar Minuten darüber gelacht hatten, dachten wir: Warum eigentlich nicht? Auf diese Art ist auch die Vergleichbarkeit des Effekts wesentlich einfacher darzustellen. Nicht einfach war es jedoch, eine kosmetisch-plastische Chirurgin zu finden, die nur eine Hälfte des Gesichts behandeln würde. Da gab es viele Beratungsgespräche, die man auch in der Sendung sehen wird.

teleschau: Ist das nicht tatsächlich gefährlich? Wenn man das richtig versteht, hätten Sie am Ende quasi zwei Gesichtshälften, die nicht mehr zusammenpassen - sollten Sie sich operieren lassen ...

von Wilmsdorff: Richtig, das wäre so. Rein medizinisch bestünde da kein Risiko, sagen fast alle Experten. Man könnte die zweite Seite wohl immer an die bereits behandelte anpassen. Die Ärzte hatten eher Sorge, dass man ihnen im Kollegenkreis unseriöses Verhalten vorwerfen könnte, weil man so etwas eben normalerweise nicht macht. Wir haben dann eine Chirurgin gefunden, die mich recht schnell davon überzeugt hat, dass man beide Hälften wieder angepasst bekommt. Auch, weil unsere Gesichtshälften ohnehin nie synchron sind. Das hat mich in der trockenen Theorie zwar entspannt, aber wie weit ich dann auch praktisch gegangen bin, steht noch mal auf einem anderen Blatt.

"An dieser Stelle wird es gefährlich und ungesund"

teleschau: Mit welchem Gefühl sind Sie in die Behandlungen gegangen?

von Wilmsdorff: Mit dem Gefühl, dass ich jederzeit abbrechen kann, wenn mir etwas missfällt oder zu weit geht. Diese Ärztin in Frankfurt hatte 20 Jahre Berufserfahrung, in denen sie etwa 6.000 Eingriffe durchgeführt hat. Ich vertraute ihr. Ich hatte wiederholt Termine bei ihr, aber wie weit würde ich selbst gehen? Es bleiben natürlich immer ein paar Sorgen. Einmal, wie das mit den unterschiedlichen Gesichtshälften aussehen würde, aber auch die, dass ich am Ende eine optische Wesensveränderung erfahren könnte. Also, kurz gesagt, dass ich mir selbst nicht mehr ähnlich sehe und gefalle.

teleschau: Aber geht es nicht genau darum bei Schönheits-OPs, dass man ein anderer werden will?

von Wilmsdorff: Nein. Das Ziel ist doch eher, man selbst zu bleiben, obwohl man etwas hat machen lassen. Ich glaube, die wenigsten Menschen, die jünger und frischer aussehen wollen, möchten danach wie jemand anderes aussehen. Trotzdem kann ästhetische Chirurgie schnell zum Wahrnehmungsverlust und zur Sucht werden. Solche Ergebnisse kann man sehen, wenn man sich auf Instagram umschaut oder das deutsche Fernsehen einschaltet. Viele von den Gesichtern, die wir da sehen, wurden sichtbar und überdosiert behandelt. Viele scheinen im Verlauf der Behandlungen das Maß verloren zu haben. Auch für mein Experiment war das ein spannendes Thema.

teleschau: Sie halten Schönheitschirurgie auch wegen ihrer psychischen Folgen für problematisch?

von Wilmsdorff: Es ist auf jeden Fall ein vielschichtiges Problem. Viele der schönheitschirurgisch behandelten Prominenten bestreiten ja, dass sie etwas haben machen lassen. An dieser Stelle wird es gefährlich und ungesund. Einmal, wegen des Betrugs respektive Selbstbetrugs. Und dann, weil die Prominenten ein gefährliches Signal an ihre Zuschauer senden. Nach dem Motto: Seht mal her, so kann man in meinem Alter aussehen. Aber das ist eben weder realistisch noch gesund. Und es erhöht den Druck auf die, die ganz natürlich gealtert sind.

" Needling, Mikrodermabrasion, eine dreiviertel Stunde Ultraschall ..."

teleschau: Kann denn Kosmetik - ohne, dass sie vor ihrer Sendung zu viel verraten - mit der Chirurgie mithalten?

von Wilmsdorff: Die Kosmetik bringt auf jeden Fall etwas. Das war bei mir ja auch eine wochenlange Behandlung mit vielen Anwendungen: Needling, Mikrodermabrasion, eine dreiviertel Stunde Ultraschall jeden Abend zu Hause, dazu hochwirksame Seren. Vom Besuch bei der Schönheitschirurgin sprechen wir auch, wenn nur Botox und Hyaluron gespitzt wird, das muss man wissen. Beide Disziplinen, Kosmetik und Chirurgie, stehen anfangs auf jeden Fall in Konkurrenz miteinander. Im Endeffekt können sie sich aber sehr gut ergänzen.

teleschau: Mussten Sie sich verkleiden, damit man vor Ausstrahlung der Sendung das Ergebnis geheim halten konnte?

von Wilmsdorff: Ja, tatsächlich - das musste ich. Zum Mundschutz kamen, wenn ich in der Öffentlichkeit war, noch eine große Sonnenbrille und eine tief ins Gesicht gezogene Wollmütze hinzu. Für weitere Termine im Fernsehen vor der Ausstrahlung trage ich sogar eine komplette Kunststoff-Maske, wie einst Sido oder Cro. Man soll vorher nicht sehen, welche Wirkung die Behandlungen hatten und wie weit ich am Ende tatsächlich gegangen bin. Es soll doch schließlich bis zuletzt spannend bleiben.

teleschau: Sie unternehmen die Jenke-Experimente seit 2012. Ist ihr erstes für ProSieben das härteste?

von Wilmsdorff: Es waren bislang 21 Experimente und jedes war auf seine Weise hart. Man kann zwischen Experimenten unterscheiden, die vor allem physisch waren und jenen, die mich eher psychisch gefordert haben. Alkohol und Drogen waren körperlich sehr anstrengend. Als ich mit Dementen oder mit Sterbenden im Hospiz gelebt habe, als ich die Erfahrung von 14 Tagen Einzelhaft im Knast machte - war das hingegen eine extreme Herausforderung für meine Psyche. Jedes einzelne Experiment ist sehr hart für mich.

teleschau: Hatten Sie nie Angst vor bleibenden Schäden?

von Wilmsdorff: Nein, weil ich immer sehr informiert an jedes Thema herangegangen bin. Zudem werde ich vor jedem Experiment medizinisch durchgecheckt. Außerdem sind die Experimente für mich meist kein negativer, sondern positiver Stress. Ich bin der Überzeugung, dass man weniger Schaden davonträgt, wenn man etwas aus einer Überzeugung heraus tut. Aber natürlich bleibt immer ein Restrisiko.

"Aus diesem Grund bin ich wohl nicht der klassische Narzisst"

teleschau: Im neuen Comedy-Format "Binge Reloaded" auf Amazon, dem "Switch Reloaded"-Nachfolger, gibt es Sie nun als Parodie zu sehen. Da wird vor allem auf Ihre Eitelkeit angespielt. Sind Sie ein eitler Mensch?

von Wilmsdorff (lacht): Ich habe die Parodie gesehen: Jesus von Wilmsdorff. Ein wenig blasphemisch, aber sehr lustig. Klar, ich bin mit Sicherheit ein eitler Typ. Jeder, der im Fernsehen vor einer Kamera steht, bringt mehr Narzissmus als der Bevölkerungsdurchschnitt mit. Trotzdem besteht meine Eitelkeit nicht darin, wie ich gerade aussehe. Bei mir muss weder die Frisur sitzen noch brauche ich für ein Selfie mehrere Minuten. Meine Eitelkeit bezieht sich vor allem darauf, wie ich arbeite. Da möchte ich tatsächlich extrem viel rausholen.

teleschau: Haben Sie mal mit einem Psychologen darüber gesprochen - oder es selbst analysiert - welche Form von Narzissmus zu Ihren Selbst-Experimenten führt?

von Wilmsdorff: Wahrscheinlich ist das, was ich mache, aus Psychologen-Sicht tatsächlich eine Form von Narzissmus. Ich zeige da ja eine Haltung, die sagt: Hallo, ich habe die Kontrolle, das wird gutgehen, ich weiß, was ich will. Schaut her! Anderseits mache ich mir in meinen Experimenten keine Sorgen, vor laufender Kamera und damit vor Millionen Zuschauern zu scheitern oder mich bloßzustellen. Ich bleibe authentisch und schöne nichts, nur damit ich besser dastehe. Aus diesem Grund bin ich wohl nicht der klassische Narzisst.

teleschau: Extreme Dinge auszuprobieren, sich für verletzbar zu halten, ist normalerweise ein Privileg der Jugend. Sie sind 55 Jahre alt. Da werden die meisten Menschen eher vorsichtiger. Sie nicht?

von Wilmsdorff: Ich bin sicher kein typischer 55-Jähriger. Das eigene Alter - beziehungsweise wie man sich damit fühlt - ist in weiten Teilen etwas Subjektives. Ich fühle mich eher wie Anfang 30. Darüber hinaus mache ich diese Experimente, weil ich schon immer solche Dinge getan habe. Sie sind Teil meiner Persönlichkeit, meines Arbeitens.

"Ich muss für mindestens vier Wochen wieder ins normale Leben zurück"

teleschau: Sie waren schon immer ein "Danger Seeker"?

von Wilmsdorff: Nein, das trifft es auch nicht. Sie würden mich niemals im Urlaub an einem Bungee-Seil hängen sehen. Ich führe ein unauffälliges Privatleben, da suche ich überhaupt keine Extreme. Die lebe ich allesamt in meinem Beruf aus, weil ich dort immer nach einem Sinn suche, für den ich diese Extreme eingehe. In elf Jahren Fernseh-Journalismus vor den Experimenten habe ich vor allem extreme Reportagen gemacht. Zum Beispiel habe ich mich ein Jahr nach der Reaktor-Katastrophe ins Sperrgebiet von Fukushima einschleusen lassen, um dort Messungen vorzunehmen. Oder ich war der erste Journalist, der von Tunesien nach Lampedusa auf einem Flüchtlingsschiff mitgefahren ist. Ich suche nicht die Gefahr, ich scheue sie aber auch nicht, wenn es das jeweilige Thema mit sich bringt.

teleschau: Und die Extreme haben nie für eine Krise in Ihrem Privatleben gesorgt?

von Wilmsdorff: Doch natürlich. Da gab es jede Menge Rede- und Klärungsbedarf, dafür waren meine Reportagen immer viel zu extrem. Aber die Möglichkeit, über diese besonderen Themen zu berichten - auf die Art, wie ich es mache - waren der Grund, warum ich beim Fernsehen geblieben bin. Weil mich in diesem Medium tatsächlich vor allem diese besonderen Reportagen, die extremen Themen interessieren. An der klassischen Berichterstattung oder an seichten Themen hätte ich zu wenig Interesse. Ich hatte das große Glück, dass es immer Leute gab, die mein Interesse und Talent für diese Art Journalismus unterstützt haben. Indem sie mir die Möglichkeiten und den Freiraum gaben, all das umzusetzen. Mein besonderer Dank geht da an Frank Hoffmann, meinen früheren Chef.

teleschau: Wie viele Experimente werden Sie bei Ihrem neuen Sender ProSieben im Jahr durchführen?

von Wilmsdorff: Mein Wechsel von RTL zu ProSieben fand auch deshalb statt, weil ProSieben mir sehr viel mehr Möglichkeiten bietet, zusätzlich andere Formate neben den Experimenten zu realisieren. Das könnten zum Beispiel große Info-Shows werden. Es wird immer um Authentizität gehen, um Gespräche auf Augenhöhe, meinem Markenkern entsprechend und darum, etwas in der Gesellschaft zu verändern, zu verbessern. Was die Experimente betrifft, denke ich, es werden etwa zwei pro Jahr sein. Ein Experiment dauert meist um die drei Monate. Danach muss ich mindestens vier Wochen wieder ins normale Leben zurück, sonst ginge es auf Dauer nicht gut. Die restliche Zeit halte ich mir für andere Formate im Fernsehen frei.