"Die Jugend um jeden Preis festhalten zu wollen, ist einfach schlimm"

Im tragikomischen ARD-Film "Eine harte Tour" erlebt "Tatort"-Kommissarin Anna Schudt zusammen mit anderen Midlife-Crisis-Gestressten eine Tour de Force in den Südtiroler Alpen. Doch nicht das Bergwandernist das Problem, sondern die daraus folgende Beschäftigung mit sich selbst.

Im tragikomischen ARD-Film "Eine harte Tour" erlebt "Tatort"-Kommissarin Anna Schudt zusammen mit anderen Midlife-Crisis-Gestressten eine Tour de Force in den Südtiroler Alpen. Doch nicht das Bergwandernist das Problem, sondern die daraus folgende Beschäftigung mit sich selbst.

Der ARD-Mittwochsfilm "Eine harte Tour" (Mittwoch, 26. Februar, 20.15 Uhr, im Ersten), in dem übrigens auch Anna Schudts Ehemann Moritz Führmann ein Rolle spielt, begibt sich eine Gruppe von Mitt- und Endvierzigern auf eine Gedächtnisreise. Der von Banjamin Sadler gespielte Anführer der Truppe ist kurz vor Reiseantritt überraschend gestorben. Nur wandern drei Ehepaare, eine Ex-Frau sowie die junge Witwe jene Tour, die der Verstorbene für sie ausgearbeitet hatte. Für Anna Schudt, 45 und Mutter dreier Söhne, waren die ungewöhnlichen Dreharbeiten unter freiem Himmel ein Heimspiel der eigenen Erinnerungen. Die Dortmunder "Tatort"-Kommissarin bringt ihre Geschichte und eine profilierte Meinung zu den Mühen und Segnungen des Kletterns mit.

teleschau: Die meisten Kinder hassen das Wandern. Sie früher auch?

Anna Schudt: Mein Vater war Bergsteiger, deshalb verbrachten wir ständig Zeit in der Schweiz oder im Texelgebirge, wo er am liebsten war. Das liegt auch in Südtirol, wo unser Film gedreht wurde. Mein Vater war der Meinung, dass man auch mit sieben Jahren locker 1.000 Höhenmeter pro Tag schaffen kann. Ich habe durchaus einen besonderen Zugang zum Thema.

teleschau: Einen positiven oder negativen?

Anna Schudt: Erst mal empfand ich die Erfahrung als negativ. Mit zwölf Jahren habe ich diese Urlaube wütend verweigert. Dann mit 17 machte ich meinen ersten eigenen Urlaub. Mit einer Freundin bin ich quer durch Korsika gewandert - und das ist auch ziemlich gebirgig. Es war eine wunderschöne Reise. Offenbar hatte die Leidenschaft meines Vaters doch etwas geweckt oder hinterlassen in mir.

"Das Wandern hat mir einen gewissen Langmut im Leben geschenkt"

teleschau: Und wie ist es heute, mit den eigenen Kindern?

Anna Schudt: Meine kleinen Kinder sind jetzt sieben und acht Jahre alt. Gerade waren wir zehn Tage in Cornwall wandern. Ich bin der Meinung, dass diese Art zu reisen, etwas ganz Großartiges ist, gerade auch für Kinder.

teleschau: Warum?

Anna Schudt: Weil man irgendwo ankommen muss. Es gibt kein Aufgeben. Wandern hat zudem etwas Meditatives. Man setzt einfach einen Schritt vor den anderen. Irgendwann fängt man an, nicht mehr aktiv zu denken, sondern kommt in eine Art Fluss. Durch das Wandern bewegt sich nicht nur der Körper, man wird auch innerlich bewegt. Auch die Gespräche, die man führt, verändern sich.

teleschau: In welche Richtung?

Anna Schudt: Sie werden tiefer, intensiver. Natürlich auch deshalb, weil man keinen Druck hat. Wer weiß, dass er ohnehin die nächsten vier Stunden neben dem anderen herläuft, bringt dem Begleiter eine ganz andere Aufmerksamkeit, ein ganz anderes Interesse entgegen. Es entsteht eine viel bessere Gesprächskultur, die heute selten geworden ist.

teleschau: Besser, weil sich die Menschen in anderen Situationen heute kaum noch Zeit für den anderen nehmen?

Anna Schudt: Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Grund. Hinzukommt, dass man großartige Gemeinschaftserlebnisse schafft. Zusammen eine halbe Stunde stramm bergauf zu gehen, sodass die Gespräche verstummen, sich gemeinsam anzustrengen - das verbindet genauso, wie die Freude über das Geschaffte oder eine nette Entspannungs-Passage. Wir sind beim Wandern früher immer ein bisschen über unsere Grenzen gegangen. Egal, ob es geregnet oder geschneit hat. Auch das ist eine tolle Erfahrung, die einen für immer verbindet. Meine Wandererfahrungen als Kind prägen mich heute sehr.

teleschau: Auch abseits der Wanderrouten?

Anna Schudt: Auf jeden Fall. Ich habe mir durch das Wandern eine gewisse Lastesel-Mentalität angeeignet. Wenn es im Leben schwierig wird, sage ich mir: Einfach weitergehen! Irgendwann kommt man irgendwo an. Das Wandern hat mir einen gewissen Langmut im Leben geschenkt.

"Die Berge sind für mich eine Metapher fürs Leben"

teleschau: Beim Dreh des Films wurde die Wandererfahrung wahrscheinlich eher simuliert - oder?

Anna Schudt: Wir drehten in der Dolomiten-Region "Drei Zinnen" in Südtirol. Natürlich wandert man beim Drehen nicht wirklich. Es gibt Sets - und die werden während der Arbeit nicht verlassen. Interessant war jedoch, dass wir Schauspieler fast jeden drehfreien halben Tag zum ausführlichen Wandern genutzt haben. Nichtsdestotrotz sind wir auch während der Drehtage einiges gelaufen. An viele Orte ist man sowieso nur zu Fuß hingekommen. Da musste dann das ganze Equipment hoch geschleppt werden - aber auch das fanden eigentlich alle toll.

teleschau: Beeinflusst die großartige Bergkulisse das eigene Schauspiel?

Anna Schudt: Es ist so wie im wirklichen Leben. Die eigene Umgebung und das, was man in ihr tut, beeinflusst die Befindlichkeit. Es ist ein Unterschied, ob man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt oder einen langen Spaziergang am Strand gemacht hat. Insofern war es in den Bergen ein sehr schönes, sinnliches Arbeiten. Ich bin mir auch sicher, dass die Kamera jenes Gefühl ein Stück weit eingefangen hat. Hinzukam, dass wir in der drehfreien Zeit viel miteinander gemacht haben, weil eben alle in einem Hotel wohnten. Auch das ist nicht unbedingt normal - und es stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

teleschau: "Eine harte Tour" erzählt von der Midlife-Crisis einer Gruppe Freunde auf Wandertour. Kann man das Thema in den Bergen besonders gut illustrieren?

Anna Schudt: Ja, ich finde schon. Die Berge sind für mich eine Metapher fürs Leben. Die erste Hälfte ist es ein Aufstieg. Man will etwas werden, erreichen. Man sammelt in dieser Zeit ganz viel: Menschen, Erfahrungen. Man bekommt Kinder, lernt einen Beruf. Natürlich sammelt man auch Enttäuschungen. Dann hat man den Rucksack voll, so mit 40 oder Mitte 40. Schließlich steht man oben - auf der Schwelle. Die Figuren in diesem Film sind alle noch nicht über diese Schwelle hinübergegangen. Weil sie Angst vor bestimmten Dingen haben. Meist vor dem, was danach kommen soll.

teleschau: Welche Rolle spielt der Tod des Freundes am Anfang des Films, der ja so ein bisschen der selbstsichere Anführer der Truppe war?

Anna Schudt: Dieser Tod wirkt maximal verunsichernd. Der Kopf der Gruppe fällt und kullert vor den Augen aller anderen nach unten. Plötzlich wissen sie, wie schnell ein Leben zu Ende gehen kann. Und sie werden sich bewusst, dass auch sie nun über diese Schwelle gehen müssen. Zunächst mal lebendig. Viele fragen sich nun: Mit wem oder was möchte ich da nun weiterlaufen. Deshalb werden alle Beziehungen auf den Prüfstand gestellt.

"Jeder Mensch wird sich mit vielen Abschieden versöhnen müssen"

teleschau: Der Film ist eine Art Midlife-Crisis im Zeitraffer. Alle Figuren müssen sie auf ihre Art bewältigen. Was passiert mit Menschen, die diesen Schritt niemals schaffen. Gibt es solche Menschen überhaupt?

Anna Schudt: Die Midlife-Crisis zu ignorieren, geht nicht. Man wird ja trotzdem älter - und irgendwas bewegt sich. Man muss sich von Dingen lösen, anders geht es nicht. Alles, von dem man sich nicht löst, macht den Tod schwer. Man ist einfach nicht erlöst.

teleschau: Ist es besser, wenn man das Loslassen als aktiven Prozess betreibt?

Anna Schudt: Ich glaube, dass man sich von vielen Dingen ablösen sollte, an denen man im ungesunden Sinne hängt. Genau darin besteht ja die Krise der Midlife-Crisis: Man will sich von vielen Dingen nicht verabschieden. Alles soll so weitergehen wie bisher, aber das geht eben nicht. Jeder Mensch wird sich mit vielen Abschieden versöhnen müssen.

teleschau: Was ist in Ihren Augen ungesund?

Anna Schudt: Zum Beispiel die verzweifelten Versuche, am jungen Körper festzuhalten. Wenn man älter wird, scheint einem das auf einmal sehr erstrebenswert. Eigentlich ist es ziemlich lustig: Als man diesen Körper hatte, schien es einem gar nicht so wichtig. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass es endet. Plötzlich stellen wir in der Midlife-Crisis also ein Ideal her, dem man weder äußerlich noch innerlich entsprechen kann. Ein solches Vorhaben kann nur in extremem Stress enden. Es kostet viel Geld und Zeit, es tut weh. Am Ende sieht auch jeder, dass man auf verlorenem Posten kämpft. Die Jugend um jeden Preis festhalten zu wollen, ist - kurz gesagt - einfach schlimm.