"Die Leute sind enttäuscht, wenn ich nicht total im Arsch bin"

Man könne Peter Doherty "beim Sterben zugucken", hatte Thees Uhlman einst erklärt. Doch den Peter Doherty von damals gibt es nicht mehr. Beim Interview zu seiner neuen Band präsentiert er sich trotz Müdigkeit in blendender Form.

Er kann es nicht lassen: Peter "Pete" Doherty hat wieder einmal eine neue Band gegründet! Nach Alben mit The Libertines und Babyshambles veröffentlicht der britische Rockmusiker nun unter dem Namen Peter Doherty & The Puta Madres ein selbstbetiteltes Debüt (erhältlich ab 26. April), das musikalisch gar nicht weit weg liegt von dem Indierock, mit dem er bisher die Musikszene aufmischte. Fast pünktlich, dafür umso verschlafener, erscheint er zum Interview in Köln. Nur zwei Tage zuvor feierte Doherty seinen 40. Geburtstag.

Für die einen ist Peter Doherty ein begnadeter Poet und eine lebende Indierock-Legende. Andere bringen ihn in erster Linie mit seinen Drogeneskapaden in Verbindung. So oder so: Nicht viele hätten vor fünf Jahren ernsthaft daran geglaubt, dass Peter Doherty seinen 40. Geburtstag überhaupt erleben würde. "Dem kann man beim Sterben zugucken", hatte es Tomte-Sänger Thees Uhlmann seinerzeit auf den Punkt gebracht. Fast wöchentlich gab es Anekdoten von Heroinexzessen über Doherty, dazu Haftstrafen und Hedonismus der selbstzerstörerischsten Art.

Doch er hat es geschafft. Dohertys Haare sind zwar ergraut, aber im Kopf wirkt er sehr aufgeräumt, als er am Tisch eines kleinen Cafès in der Kölner Innenstadt Platz nimmt. Die nachträglichen Glückwünsche zu seinem Ehrentag nimmt er freudestrahlend entgegen, wenn auch mit einem Bekenntnis: "Den überwiegenden Teil meines Erwachsenenlebens hatte ich nicht einmal mehr erwartet, die nächsten fünf Minuten zu erleben", meint er. Und es ist nicht als Witz zu verstehen. Seit 2015 hängt er nach eigenen Angaben nicht mehr an der Nadel. "Sonst wäre ich tot", ist er sich sicher.

"Durch das Netz der Gesellschaft gefallen"

"Es gibt Leute, die enttäuscht sind, wenn sie mich treffen und ich nicht total im Arsch bin." Vieles in seinem Leben habe sich nämlich zum Besseren gewendet: Seit zwei Jahren lebt Doherty in der englischen Küstenstadt Margate, wo The Libertines ein Tonstudio und Hotel unterhalten. "Ich schlafe ausreichend und gehe viel mit meinen zwei Hunden spazieren", berichtet Doherty. Seiner Kreativität ist das nur zuträglich: Anstatt sich ausschließlich auf das nächste Libertines-Werk zu konzentrieren, spielte er mit neuer Band unter dem Namen Peter Doherty & The Puta Madres in nur vier Tagen ein komplettes Album ein.

Die Chemie stimmt offenbar: "Wir sind in dieser Band sechs verlorene Seelen mit frischem Geist, die irgendwie durch das Netz der Gesellschaft gefallen sind, die nun aber in der Musik Heilung finden", erläutert der im nordenglischen Hexham geborene Künstler. Den Schlagzeuger Rafa las Doherty auf der Straße in Barcelona auf. "Alle sagten mir, er sei ein guter Drummer. Also fragte ich ihn, ob er dabei sein würde. Er hielt mich anfangs für einen Hipster. Aber dann konnte ich ihn doch überzeugen", erzählt Doherty mit einem Grinsen.

Der beste Peter Doherty aller Zeiten

Nachdem die Band sich bereits auf diversen Festivals eingespielt hatte, fanden die Aufnahmen in einem Haus mit Blick auf ein Fischerdorf in der französischen Normandie statt. In der Gemeinde Étretat wohnt die Familie von Keyboarderin Katia DeVidas, die in den vergangenen Jahren als Dohertys bessere Hälfte mit ihm zusammenlebte. "Aber wir haben uns getrennt", erklärt Doherty und guckt mit seinen haselnussbraunen Augen ganz traurig. "Ich glaube, im meinem Herzen will ich alleine und frei sein. Aber ich werde sie immer lieben, immer!", fährt er fort. "Wir schrieben einige der Songs zusammen." Darunter die Garage-Rock-Single "Who's Been Having You Over", die bereits im Januar erschien. "Es wird eine echte Herausforderung sein, weiterhin mit ihr in dieser Band zu spielen", meint er etwas besorgt. Peter Doherty ist im echten Leben genauso emotional und romantisch wie in seinen Songs.

Es ist leidenschaftliche, geradezu intime Musik, die er im Gefüge des Sextetts kreiert; Lieder über Liebe, Verlust und Tragödien, die das geniale Songwriting-Talent Dohertys aufzeigen. "Es kostete mich Überwindung, diese ehrliche Texte zur leichten Musik zu singen", gesteht Doherty. "Wenn ich beispielsweise in 'Someone Else To Be' zugebe, dass ich lieber jemand anders wäre - das ist schwierig für mich. Ich spiele zwar einen Charakter, aber die Worte kommen alle aus meinem Herzen", erklärt er die Bedeutung des Songs. In besagtem Stück zitiert er Oasis. "'Please don't put your life in the hands of a rock'n'roll band' war immer eine meiner Lieblings-Songzeilen", erklärt Doherty. "Und die darin enthaltene Warnung ist vermutlich berechtigt", lacht er. Trotzdem: Aktuell erlebt die Musikwelt wahrscheinlich den besten Peter Doherty aller Zeiten.