"Die #MeToo-Debatte ist aus dem Ruder gelaufen"

"Meine einzigen Kleidungsstücke waren der Bass, der Lederanzug und ein Paar Schuhe", erinnert sich Suzi Quatro - einer der größten weiblichen Rockstars der 70-er. Mit 68 Jahren hat sie sich wieder dem Hardrock zugewandt. Im Interview spricht sie über Sex, Drugs and Rock'n'Roll - damals und heute.

Mit ihrem ersten Nummer-eins-Hit "Can The Can" wurde Suzie Quatro 1973 zu einem der größten weiblichen Rockstars der 70-er. Das Besondere: Quatro, die tatsächlich so heißt, war nie das klassische Rock-Pinup. Statt über sexuelle Reize inszenierte sich die zierliche Frau aus Detroit als hart arbeitende Musikerin im Leder-Einteiler. Auch mit 68 Jahren hat die zweifache Mutter nichts von ihrem Arbeitsethos eingebüßt. Nun präsentiert sie ihr ebenso staubtrocken wie hart rockendes neues Album "No Control". Im Interview spricht "Suzi Q." über die Energie der legendären Musikerstadt Detroit, ihren Bass als "Maschinenraum" des Rock sowie Sex in den 70-ern und heute.

teleschau: Es hält sich das Gerücht, dass Sie in Hamburg leben. Stimmt das?

Suzi Quatro: Es stimmt eher nicht. Richtig ist, dass ich seit 25 Jahren mit einem Mann verheiratet bin, der in Hamburg geboren und groß geworden ist. Er hat seinen Hauptwohnsitz dort, ich aber lebe vorwiegend in England. Wir reisen viel gemeinsam oder besuchen uns gegenseitig. Aber ich habe nie wirklich in Hamburg gelebt und spreche leider auch kein Deutsch (lacht).

teleschau: Aufenthalte in Hamburg, ein gemütliches Haus in Essex - da könnte man fast vergessen, dass Sie aus Detroit stammen, einer Stadt mit eher hartem Image ...

Quatro: Woher ich komme, werde ich nie vergessen. Ich liebe Detroit mit all seinem Schmutz und den Kanten. Detroit besitzt eine spezielle Energie. Ich habe mit vielen Musikern darüber geredet, die ebenfalls von dort kommen. Sie alle wissen: Du kannst Detroit verlassen, aber die Stadt bleibt immer in dir drin.

teleschau: Detroit war die Heimat so unterschiedlicher Musik wie Motown oder dem Punk-Vorreiter Iggy Pop und seiner Band The Stooges. Kann man die Energie der Stadt in Worte fassen?

Quatro: Wir alle in Detroit haben von Motown gelernt. Und dennoch gab es auch immer dieses Grundgefühl: Wir müssen es schaffen, hier rauszukommen (lacht). Menschen aus Detroit genießen in den USA den Ruf, dass sie nicht zu bändigen sind. Ich glaube, da ist tatsächlich etwas Wahres dran.

"Offenbar wollte das Schicksal, dass ich eine gute Bassistin werde"

teleschau: Zuletzt kamen jahrelang vor allem schlechte Nachrichten aus Detroit. Die Automobilindustrie hatte große Probleme, die Stadt war pleite, und die Bevölkerung schrumpfte. Wie ist es heute?

Quatro: Es gab noch mehr Probleme. Detroit war 1967 ein Zentrum der Rassenunruhen, und wir hatten auch danach immer wieder schwere Zeiten. Motown zog nach Kalifornien, die japanischen Autos machten uns schwer zu schaffen. Detroit wurde zur Stadt der Arbeitslosen, viele Gebäude zerfielen. Irgendwann sah die Innenstadt aus wie Hamburg nach dem Krieg, sagte mein Mann einmal. Ich war 1989 noch einmal da, als meine Eltern die Stadt verließen. Und ich feierte meinen 60. und 65. Geburtstag dort. Außerdem moderiere ich dort ab und zu eine Radio-Show. Der Kontakt zu Detroit riss nie ab. Die Stadt hat sich ziemlich gut erholt. Mittlerweile wird wieder viel gebaut. Die Leute ziehen wieder dorthin. Detroit ist eine echte Comeback-Story.

teleschau: Sie leben seit Beginn Ihrer Karriere in England. Wie eng sind Ihre familiären Bande in die alte Heimat?

Quatro: Ich habe vier Geschwister und bin trotz des Musikerlebens immer ein Familienmensch geblieben. Wissen Sie, meine Mutter war Ungarin, mein Vater Italiener. Einer meiner Brüder lebt noch in Detroit, zudem habe ich dort viele Cousins und Cousinen. Zwei meiner Schwestern leben in Texas, eine Schwester in Colorado. Wir sind in alle Winde verstreut, aber wir sind regelmäßig in Kontakt.

teleschau: Welche Rolle spielte Musik in Ihrer Familie, als Sie klein waren?

Quatro: Mein Vater arbeitete tagsüber in der Autofabrik, erst abends wurde er zum Musiker. Aber er war ein sehr professioneller Musiker. Er war ein Vollprofi mit zwei Jobs, die er brauchte, weil er fünf Kinder ernähren musste. Alle fünf Kinder spielten ebenfalls eines oder mehrere Instrumente. Von 1964 bis 1971 spielte ich mit meinen Schwestern in einer Mädchenband, das war meine Ausbildung. Danach holte man mich nach England, weil man mich dort zur Solokünstlerin aufbauen wollte. Es hat ja auch funktioniert. Zwei, drei Jahre später hatte ich dort meine erste Nummer eins.

teleschau: Das ikonische Bild Suzi Quartros ist das einer zierlichen Frau in Leder mit einer großen Bassgitarre. Warum der Bass?

Quatro: Es war Zufall. Als die Beatlemania in die USA schwappte, wollten meine Schwestern und ich eine Band gründen. Es war eine Ruckzuck-Aktion. Jeder besorgte sich ein Instrument: Eine wählte Gitarre, eine Schlagzeug, eine das Keyboard - und ich blieb übrig, weil ich nicht die Lauteste war. Schließlich fragte ich meine Schwester Patti, was ich den spielen solle, und sie meinte: Bass. Ich sagte: okay - und habe es nie bereut. Mein Vater gab mir einen Fender Precision Bass, Baujahr 1957. Es war der Rolls Royce der Bassgitarren. Offenbar wollte das Schicksal, dass ich eine gute Bassistin werde.

"Ich wollte nie sexy sein"

teleschau: Was ist so faszinierend am Bass?

Quatro: Er kombiniert Melodie und Rhythmus. Er bringt deinen Körper und die Musik zum Schwingen. Wer einmal in einer Band Bass gespielt hat, weiß, was ich meine. Ich spielte zuvor Klavier und Percussion, das war okay. Aber es war nichts im Vergleich dazu, wenn ich einen Bass zupfen oder schlagen durfte. Bass und Schlagzeug sind die Maschine einer Band. Wer im Rock keine Maschine hat, der hat nichts.

teleschau: Sie werden im Sommer 69 Jahre alt. Nutzt sich das Gefühl, die Maschine einer Band zu sein, nicht irgendwann ab?

Quatro: Nein, nicht für mich - weil ich Musik so liebe. Ich habe nie mit einem Plektrum gespielt, weil ich das Gefühl nackter Haut auf den Saiten so mag. Ich spiele bei jeder Live-Show ein Bass-Solo von etwa 15 Minuten. Bis heute habe ich mich dabei noch nie gelangweilt.

teleschau: Sie haben zwei Kinder, die 1982 und 1984 in England zur Welt kamen. Inwieweit eifern sie ihrer Mutter nach?

Quatro: Meine Tochter singt. Sie arbeitet gerade an einem Album mit ihrer Soul-Band. Mein Sohn spielte immer Gitarre. Mein aktuelles Album schrieben wir gemeinsam.

teleschau: Sie gelten als erster weiblicher Rockstar, der nicht als Sängerin, sondern mit einem Instrument berühmt wurde ...

Quatro: Das ist richtig. Vor mir gab es im Rock nur berühmte Sängerinnen wie Janis Joplin. Aber keine Musikerinnen, die zu Stars wurden.

teleschau: Haben Sie mal darüber nachgedacht, warum ausgerechnet Sie dies geschafft haben?

Quatro: Ja. Ich glaube, es lag daran, dass ich mich weder für Frauenthemen eingesetzt habe noch besonders weiblich rüberkam. Ich wurde eher als "einer der Kerle" akzeptiert, die den Job machen. Ich war nie jener Typ Frau, der sagte: Schaut mal, ein Mädchen kann das auch! Wenn man mir von Weitem zusah, bemerkte man vielleicht nicht einmal, ob es ein Mädchen oder ein zarter Junge war, der da spielte. Ich wollte nie sexy sein. Ich glaube, das war die Voraussetzung für die Akzeptanz als Musikerin.

"Als ich jung war, stand ich für bis zu fünf Shows pro Tag auf der Bühne"

teleschau: Dennoch wurde der Leder-Einteiler zu ihrem Markenzeichen. Einige Fans fanden das sicher auch sexy. Wie kamen Sie zu diesem Outfit?

Quatro: Ich wurde mit sechs Jahren-Elvis Presley-Fan und bin es geblieben. Als er nach den Jahren in Hollywood 1968 sein Comeback als Musiker feierte, war ich so begeistert wie selten zuvor in meinem Leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits vier Jahre in Bands gespielt. Als ich "Can The Can" aufgenommen hatte und man nach einem Image für Suzi Quatro suchte, frage man mich, was ich tragen wolle. Ich sagte: Leder! Obwohl das damals total altmodisch erschien. Man wollte es mir ausreden, aber ich bestand darauf. Mein Manager fand die Idee überhaupt nicht gut. Schließlich bestand der Kompromiss darin, dass ich ein Jumpsuit tragen sollte, also einen Einteiler aus Leder. Dass das sexy aussehen könnte, darüber machte ich mir damals gar keine Gedanken.

teleschau: Aber sie blieben dabei - warum?

Quatro: Leder ist zeitlos, ich trage das Outfit noch heute. Man ist nie hip damit, aber auch nie falsch angezogen. Ich trug, als ich jung war, niemals Make-up. Meine einzigen Kleidungsstücke waren der Bass, der Lederanzug und ein Paar Schuhe.

teleschau: Dabei feierten Sie in der Ära des Glam-Rocks Ihre ersten ganz großen Erfolge - damals trugen auch alle Jungs Make-up ...

Quatro: Ich war immer das Gegenteil von Glam-Rock. Umso absurder ist, dass ich bis heute manchmal dem Glam-Rock zugeordnet werde.

teleschau: Sie kannten die meisten Rockstars der 70-er persönlich - das war eine legendäre Zeit. Würden Sie sagen, diese Stars waren eine andere Sorte Mensch als jene, die sich heute in den Hitparaden tummeln?

Quatro: Ja, das würde ich schon sagen. Die meisten Stars damals hatten ihr Handwerk in den 60-ern gelernt. Wolltest du als Musiker dein Geld verdienen, lautete die Devise: spielen, spielen, spielen. Als ich jung war, stand ich für bis zu fünf Shows pro Tag auf der Bühne. Teilweise war gar kein Publikum im Saal, aber die Besitzer der Läden sagten uns: Spielt, damit die Leute in den Club kommen! Meine Generation war die letzte Generation Musiker, die gut spielen können musste, um das Publikum zu überzeugen. Heute geht es um andere Sachen - und das beeinflusst auch den Charakter.

"Wir haben in Sachen #MeToo unser Gleichgewicht verloren"

teleschau: In den 70-ern ging es aber nicht nur ums Handwerk - auch Sex, Drugs & Rock'n'Roll spielten damals eine große Rolle. Wie sehr waren Sie involviert?

Quatro: Das war nie meine Baustelle. Meine Familie und meine Werte waren konservativ. Meine Mutter gab mir immer mit, mich selbst zu respektieren, weil man selbst das Wertvollste ist, das man im Leben hat. Und mein Vater sagte: Du hast einen Job, den du erledigen musst. "Profession" und "Job" waren seine Lieblingsworte, die haben mich geprägt. Er sagte, die Leute hätten dafür bezahlt, gute Musik zu hören. Deshalb habe ich nie getrunken oder sonst irgendwas genommen, wenn ich auf die Bühne ging. Erst nach der letzten Show habe ich mir hin und wieder ein Glas gegönnt.

teleschau: Mittlerweile leben wir im Zeitalter von #MeToo. Wie betrachten Sie diese Entwicklung als jemand, der in den wilden 70-ern zum Star wurde?

Quatro: Ich finde, wir haben in Sachen #MeToo unser Gleichgewicht verloren. Natürlich bin ich dagegen, dass ein Mensch gegen seinen Willen von anderen angefasst wird. Trotzdem ist die Debatte aus dem Ruder gelaufen. Mittlerweile höre ich, dass Eltern Angst haben, ihre Kinder zu umarmen. Wir sind politisch "zu korrekt" geworden und sollten zu einem natürlicheren Lebensstil zurückkehren. Wer belästigt wird, sollte das sofort sagen - und nicht 25 Jahre damit warten.

teleschau: Waren die 70er-Jahre im Rockbusiness nicht trotzdem eine recht anstrengende Zeit für Frauen?

Quatro: Ich kann nur für mich sprechen - und da habe ich nichts erlebt, was ich nicht wollte. Vielleicht liegt es daran, dass ich immer deutlich machte, wo jene Linie ist, die nicht überschritten werden darf. Ich sah vielleicht aus wie ein kleines Mädchen, aber ich gab den Männern immer klar zu verstehen: Ihr habt es mit der Bass-Spielerin zu tun. Wer mich unterschätzt, der kann mir blöd kommen und sehen, was danach passiert. Mit dieser Einstellung bin ich ein Leben lang gut gefahren.