Die Prophezeiung wird Wirklichkeit

Während viele seiner Kollegen alten Glanzzeiten hinterherhächeln, wird Fatoni immer besser. Sein neues Album "Andorra" ist definitiv ein Highlight im Rapjahr 2019.

"Guck' mal all' die ander'n, die waren früher besser / Doch bei mir ist es anders, ich war früher schlechter", erklärte Fatoni vor vier Jahren in seinem Song "Benjamin Button". Und: "Mit Anfang 20 war ich wack / Aber guck' mal jetzt, ich werde langsam perfekt." Der gebürtige Münchner hat oft recht, wenn er das Mikrofon in der Hand hält. Diese gerappte Wahrheit allerdings war und ist eine wegweisende. Während man vielen seiner Kollegen Probleme beim Altern im Rap attestieren kann, bringt der Spätstarter und vor allem Spätzünder Fatoni im Alter von 35 Jahren mit "Andorra" ein neues bestes Album heraus.

Was macht Fatoni anders als die vielen deutschen HipHop-Stars, zu denen er als junger Bub noch aufsah? Zum einen pflegt er eine klare Distanz: Fatoni biedert sich nicht an und versucht erst gar nicht, sowohl Jung als auch Alt abzuholen. Weder latscht er in alten HipHop-Tretern durch die Gegend, noch mimt er den Berufsjugendlichen. Fatonis Mittelweg ist dabei gewiss kein leichter. In "D.I.E.T.E.R." outet sich der Musiker als früh von den Beatles infizierter Perfektionist. Manchmal wäre er laut dem Song auch gerne wie Dieter Bohlen. Aber sich ständig wiederholen und so "Geld scheißen" zu können, ohne jegliche Selbstzweifel? Nein, das haut nicht hin.

Nächste Station: Perfektion

Nichts auf "Andorra" ist aus einer unangreifbaren Unbekümmertheit heraus entstanden, wie es beim aktuellen Rap-Nachwuchs oft zu beobachten ist. Selbst nicht die als Skit gesetzten, mit Gitarre eingespielten Tracks "Digitales Leben" und "Krieg ich alles nicht hin". Schulterzucken und "einfach machen" gehören nicht zum Repertoire des gelernten Schauspielers. Auch wenn Fatoni für diese Platte laut eigener Darstellung keinen großen Schlachtplan und kein übergeordnetes Konzept erstellt habe, hält sie doch ein Kern zusammen. Ein weicher Kern. Den entblößt Fatoni nicht zum ersten Mal. Doch wo früher noch Spitzbübigkeit ein Panzer war, manchmal auch Ironie, dort wird nun auch mal unverfälschter auf den eigenen Nabel geschaut, auf Anton Schneider, den Menschen hinter der Rap-Maskerade.

Am deutlichsten passiert das gleich zu Beginn der Platte in "Alles zieht vorbei". Auf der Suche nach den Zielkoordinaten des Lebens rät am Ende des Liedes jemand, der es wissen muss, den eingeschlagenen Weg einfach weiterzugehen: Dirk von Lowtzow, Sänger und Texter von Tocotronic. Unausweichlich spielt auch das Altern eine Rolle auf diesem Langspieler, der nach dem Andorra-Effekt benannt ist - der sozialpsychologischen Erkenntnis, dass sich Menschen immer wieder dem Bild anpassen, das andere von ihnen zeichnen. In "Clint Eastwood" etwa motzt Fatoni über unsinnige Auswüchse der jüngsten Rap-Generation, nur um dann festzustellen, dass diese Antihaltung auch mit seiner eigenen Betagtheit zu tun haben könnte. Wenn sich die vermeintliche Mär vom "Benjamin Button"-Rapper aber weiterhin als selbsterfüllende Prophezeiung entpuppt, wartet im Alter bei Fatoni nur die schon immer angestrebte Perfektion.

Fatoni - Clint Eastwood