"Die Zeiten des Machismo sind vorbei"

Im Thriller "Freies Land" spielt Trystan Pütter einen westdeutschen Polizisten, der im Nachwende-Osten einen Mordfall aufklären muss. Im Interview spricht der 39-Jährige über das nicht wirklich wiedervereinigte Deutschland und über überholte Vorstellungen von Männlichkeit.

Im Thriller "Freies Land" spielt Trystan Pütter einen westdeutschen Polizisten, der im Nachwende-Osten einen Mordfall aufklären muss. Im Interview spricht der 39-Jährige über das nicht wirklich wiedervereinigte Deutschland und über überholte Vorstellungen von Männlichkeit.

Trystan Pütter, 1980 in Frankfurt am Main geboren, sorgte zunächst am Theater für Furore. An der Berliner Volksbühne arbeitete er unter anderem mit Frank Castorf und René Pollesch. Filmrollen ließen nicht lange auf sich warten, unter anderem spielte er an der Seite seiner heutigen Partnerin Heike Makatsch in "Hilde" und später in Christian Petzolds Werken "Phoenix" und "Transit"; auch im Kinoerfolg "Toni Erdmann" war er zu sehen sowie in den "Ku'damm"-Mehrteilern und in der Serienadaption von Patrick Süskinds "Parfum". Regisseur Christian Alvart entdeckte Pütter in "Freies Land" (Kinostart: 9. Januar) für den Thriller - und Pütter begeistert als Wessi-Cop im wilden Osten kurz nach der Wende. Im Interview spricht er über die fordernde Arbeit mit Regisseur Alvart, zeigt sich schockiert über die Sehnsucht nach "echten Kerlen" wie Boris Johnson in der Politik und erklärt, warum "Freies Land" ein "Männerfilm" ist.

teleschau: Herr Pütter, in "Freies Land" trifft Ost auf West, und so begegnen sich unterschiedliche Ideen von Staatsmacht. Ein spannendes Setting ...

Trystan Pütter: Der Film bezieht keine klare Position. Weder gegen noch für ein System. Da stehen keine Bösewichte im Osten und keine Guten im Westen. Das finde ich bei diesen ganzen Ostalgie-Streifen fragwürdig. Mein Charakter kommt aus dem korrupten Westen. Es werden Westler gezeigt, die sich Firmen unter den Nagel reißen und Menschen großkotzig behandeln. Auf der anderen Seite der Stasi-Offizier, das Böse, der Unterdrücker. Es bleibt ambivalent und verharrt nicht zwischen strahlendem Westen und zurückgebliebenem, armen Osten. Unser Film schafft es, eine Aktualität zu haben. Du siehst diesen Landstrich und verstehst, wenn Leute sagen, dass sie abgehängt und zurückgelassen wurden. Es gab wahnsinnig große Versprechungen. Wir erinnern alle die "blühenden Landschaften" Kohls. Was ist passiert? Nichts. Jetzt positionieren sich die Menschen leider in einer unbeschreiblichen Art und Weise. Protestwahlen und das Gefühl zurückgelassen zu werden, das verstehe ich durch den Film.

teleschau: Auf beiden Seiten riefen die Menschen "Wir sind das Volk". Fehlte die Idee, das zu gestalten?

Pütter: Es ging nur um die Abschaffung des anderen Staates oder Systems, aber weiter wurde nicht nachgefragt. Viel mehr, als dass ein H&M in der Fußgängerzone ist, passierte nicht - und das reicht eben nicht. Da wird zwar Geld reingepumpt, aber nichts unternommen, was Identität stiftet. Eine wirkliche Zusammenführung von Ost und West wurde verpasst.

teleschau: Als die Mauer fiel, waren Sie neun Jahre alt. Erinnern Sie sich, was Sie damals gemacht haben?

Pütter: Ich erinnere mich an die Bilder der "Tagesschau" und daran, wie aufgeregt mein Vater war. An nicht viel mehr. Es spielte in meinem Leben keine wirklich große Rolle. In Berlin war ich zum ersten Mal mit 16. Das war aufregend, da habe ich mich zum ersten Mal in einen Club geschlichen. Alles sah ein wenig runtergekommen aus. Von der ehemaligen DDR habe ich nichts mitbekommen. In meiner Teenager-Zeit fand ich das spannend und anarchisch hier. Mittlerweile lebe ich in Prenzlauer Berg, da ist nicht mehr viel von dem Aufbruch übrig, was mir erzählt wird, wie es hier vor 20 Jahren aussah, was hier los war und welche Stimmung hier war. In meiner Jugend war das nicht Teil meines Kosmos, da fuhr ich Skateboard in Frankfurt.

teleschau: Die beiden Polizisten Patrick Stein und Markus Bach, die Sie und Felix Kramer nun spielen, die machen Männersachen in einer Männerwelt. Ist "Freies Land" so etwas wie ein "Männerfilm", falls es so etwas überhaupt gibt?

Pütter: "Freies Land" ist in jedem Fall ein Film, bei dem Männer zu ihrer Frau sagen: Schatz, lass uns doch mal ins Kino gehen. Das sind Kerle. Markus Bach, mit seinem Übergewicht, seinem Schnorres und seiner Lederjacke, das ist ein Pfundskerl. Patrick Stein in seinem Bruce Willis-Outfit ist ein Typ. Schon sehr kerlig, die ganze Nummer. Der Film erzählt aber mehr als nur von zwei Kerlen, die einen Mörder jagen. Da können schon alle Geschlechter reingehen.

"Du riskierst dich, das bewegt etwas in dir"

teleschau: In Großbritannien hat gerade wieder einer der "echten Kerle" eine Wahl gewonnen ...

Pütter: Die Welt steuert auf einen Kulminationspunkt zu. Es scheint, als würden nur noch die allergrößten Idioten gewählt. Die kommen an die Macht, bis die Blase platzt. Ich weiß nicht, wie das aussehen wird, aber schlimmer als Boris Johnson, Trump und Orbán geht es nicht. Die Reihe lässt sich von Brasilien bis Russland erweitern. Meine Hoffnung ist, dass die weibliche Qualität an Orte gelangt, wo Entscheidungen getroffen werden.

teleschau: Die Wahl Johnsons bringt einen ins Zweifeln. Ein Mann, der nachhaltig bewiesen hat, dass er ein Lügner ist. Es fällt schwer, das nachzuvollziehen ...

Pütter: Ich liebe Pop-Musik aus England und das britische Volk, das ist mein Blut. Für mich ist nicht nachvollziehbar, wie diese absolute Mehrheit, jeder Zweite hat ihn gewählt, entstehen kann. Das erschreckt mich. Dieses ganze Brexit-Thema ist für mich schwer zu durchdringen. Das geht sicher vielen so, auch in England. Let's get over it ... mag sich da mancher sagen. Der sagt, im Januar ist das vorbei, dann machen wir das eben. Da kommen wir zum Film zurück: Solche Männer werden von Menschen gewählt, die sich zurückgelassen fühlen, Menschen, die wollen, dass sich irgendwas ändert. Das passiert, wenn man nicht hinhört und die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird. Ich verstehe nicht, warum die einen Multimillionär wählen. Oder jemand Rechte wählt, anstatt jemanden, der sozial denkt. Das ist eine für mich total überholte Vorstellung. Anscheinend ist die Angst davor, allein gelassen zu werden, sehr, sehr groß.

teleschau: "The future is female", haben Sie mal gesagt ...

Pütter: Die Zeiten des Machismo und der Brechstange, der Ausgrenzung und der Gewalt sind vorbei. Das sind für mich maskuline Qualitäten. Wenn ich sage "the future is female", glaube ich auch an das Weibliche im Mann, das Weiche, das Schützende, das, was nicht auf Konkurrenz, sondern auf Verbindung und Dialog setzt. Das heiß nicht, dass Frauen an die Macht kommen sollen, was ich auch finde. Es geht darum, in Verbindung zu kommen.

teleschau: Sie beschreiben Regisseur Christian Alvart als "One-Take-Wonder", als jemanden, der jede Einstellung nur einmal dreht. Welche Herausforderungen erwuchsen daraus für Sie?

Pütter: Man muss lernen, mit einem One-Take-Wonder umzugehen und dann selber eins werden. Ich habe mit Christian Petzold zwei Filme gedreht, der auch nur einen Take dreht, den aber davor drei Stunden lang probt. Christian Alvart macht das nicht unbedingt, gelinde ausgedrückt. Da herrscht Stress am Set, du gehst auch nicht zum Dreh, um dich auszuruhen. Damit muss man umgehen, aber der Stress provoziert eine Art der Konzentration, die du eigentlich immer brauchst. Alvart setzt immer alles auf eine Karte. Du riskierst dich, das bewegt etwas in dir. Gerade habe ich mit Maren Ade gearbeitet, die gerne mal 25 Takes dreht, obwohl alles supertoll war - Alvart nur einen. Man stellt sich jedes Mal neu auf den Regisseur ein. Nach einer Weile habe ich es ganz gut hingekriegt. Felix Kramer kannte Alvart von 100 Drehtagen vorher. Der wusste genau, was passiert. Alvart hat mich vorbereitet, indem er mir erklärte: "Eigentlich drehe ich schon, sobald du aus dem Auto aussteigst. Sei bereit." Das habe ich mir zu Herzen genommen.

"Der deutsche Film muss sich nicht verstecken"

teleschau: Wie erreichen Sie das handwerklich?

Pütter: Du musst immer sofort drehen können und immer in der Rolle sein. An verschlafenen Sets passiert es häufiger, dass man nicht auf dem Punkt da ist. Diesen Anspruch an sich selbst, dass man in jedem Take alles gibt, der sollte immer da sein. Ich bereite mich extrem gut vor. Ich lerne das Drehbuch Wochen, wenn nicht Monate vorher auswendig. Wenn es die Produktion erlaubt, arbeite ich an der Entwicklung des Charakters mit, auch äußerlich. Was Körperlichkeit, Kostüm, Maske und all das angeht, damit ich dann keine Fragen mehr habe. Nachdem ich engagiert wurde, komme ich nicht einfach ans Set, sondern ich komme mit dem Charakter ans Set.

teleschau: Sie sind demnächst auch in den neuen Staffeln von "Bad Banks" und "Babylon Berlin" zu sehen ...

Pütter: Es ist viel los gerade. Bei "Babylon Berlin" zog sich die Teampremiere über zwölf Stunden. Wir haben die komplette Staffel geguckt. Auf "Bad Banks" bin ich sehr gespannt, die Staffel spielt eher in der Tech- als in der Finanzwelt. Darin spiele ich den jüngsten deutschen Finanzminister aller Zeiten.

teleschau: Wen hatten Sie für die Rolle als Vorbild im Kopf?

Pütter: Kurz aus Österreich und Macron, diese findigen, schneidigen Typen. Vermeintlich sympathische Menschen. In einer Doku über Macron habe ich gesehen, wie er schon beim Hallo sagen eine einnehmende Intimität herstellt. Man kann ihn quasi nur lieben. Dabei ist er doch dieser neoliberale Typ. Daran habe ich mich orientiert.

teleschau: Es verändert sich gerade etwas in der Branche. Da sind die genannten Serien, da ist auch ein Film wie "Freies Land". Neue Möglichkeiten erwachsen. Auch eine Serie wie "Ku'damm 56" hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben ...

Pütter: Die Leute in der Branche beschreiben eine Goldgräberstimmung. Wenn du zwei Monate nicht drehst, hast du das Gefühl, du bist raus, weil alle irgendwo drehen. Der deutsche Film muss sich schon lange nicht mehr verstecken. Meine Serie "Parfüm", die vor allem in der Mediathek erfolgreich war, erfuhr in Südamerika, in England, in Nordamerika, aber auch in der Türkei eine wahnsinnig positive Resonanz. Das ist eine deutsche Serie, die mit einer deutschen Geschichte weltweit Aufmerksamkeit bekommt, das ist super. Dadurch, dass es so viele Möglichkeiten gibt - Streaming, Fernsehen, Kino - muss man im Produkt spezieller werden. Das ist dann eben nicht nur die Schwarzwaldklinik in verschiedenen Varianten, sondern es muss ein Alleinstellungsmerkmal her. Für uns Schauspieler ist das toll, weil man besondere Charaktere spielen darf. Das ist anders als vor zehn oder fünfzehn Jahren.