Ein irrsinniger digitaler Weltmusik-Gospel

Auf Madonnas neuem Album passiert so viel, dass man es kaum verarbeiten kann. "Madame X" nennt sie sich jetzt, und was sie erzählt, ist wirrer denn je. Dafür klingt sie wieder interessant.

Den Namen "Madame X", den nun auch ihr neues Album trägt, soll Madonna schon vor 40 Jahren von einer Choreografin bekommen haben. Wie ein aktuelles Porträt der "New York Times" zynisch feststellt, steckt das "X" auch in "sexagenarian", dem englischen Wort für Menschen in ihren 60-ern. Und es wird natürlich zur Kennzeichnung pornografischer Medieninhalte verwendet. Nicht zuletzt aber verwendeten das "X" auch befreite Sklaven, die ihrer afrikanischen Geburtsnamen beraubt worden waren. Sieht sich Madame X in der Tradition von Malcolm X?

Wenn man Madonnas megalomanische Aneignungen auf "Killers Who Are Partying" hört, ist das auf keinen Fall auszuschließen. Sie stellt hier nicht nur ihre vagen Ideen für eine bessere Welt vor, eignet sich nicht nur verschiedene Musikstile an, sondern auch die Leidensgeschichten marginalisierter Bevölkerungsgruppen. Sie will queer, arm und sogar ganz Afrika sein - ein Stück übers Ziel hinausgeschossen.

Besser ist das Musikvideo zu "Dark Ballet". Es erzählt den Mythos der Jeanne d'Arc, nur wird die Protagonistin hier von der schwarzen Transgender-Rapperin Mykki Blanco gespielt - eine bemerkenswerte Umdeutung der christlichen Märtyrergeschichte. "I can dress like a boy, I can dress like a girl", singt Madonna dazu. Ihre Videos sind der beste Beweis dafür, dass die vielen sogenannten Provokationen im Laufe ihrer Karriere immer auch gesellschaftliche Diskurse vorantrieben, von "Papa Don't Preach" (Selbstbestimmung über den weiblichen Körper) über "Like A Prayer" (Racial Profiling) bis "Justify My Love" (sexuelle Selbstbestimmung).

Madonna und der Fado

Das erste Video, das die neue "Madame X" vorstellte, hieß "Medellín", nach einer Millionenstadt in Kolumbien, in der ihr Duett-Partner Maluma geboren ist. Dass sie mit ihm zusammen gleich zwei Latin-Pop-Songs singt, ist keine Anbiederung an irgendwelche aktuellen Trends, wie mancher Kritiker behauptet - schließlich sang Madonna schon 1987 von "La Isla Bonita". Tatsächlich klingt sie auf "Madame X", ihrem 14. Studioalbum und dem ersten seit 2015, so überraschend und kreativ wie lange nicht mehr.

Eine wichtige Einflussgröße ist hierbei der Fado, ein traditioneller und von großer Getragenheit gekennzeichneter Musikstil, der aus den Kneipen von Lissabon kommt. Madonna verbrachte einen Großteil der letzten zwei Jahre in Portugal. Auch für "Killers Who Are Partying" singt sie den Refrain auf Portugiesisch, dazu werden Saiteninstrumente gezupft, dann setzt ein Trap-Beat ein.

Madonna glänzt auf "Madame X" nicht etwa dann, wenn sie mit einem zeitgenössischen Rap-Star wie Quavo zusammenarbeitet oder sich mit "Crave" an einem zeitgenössischen R'n'B-Hit versucht. Sie glänzt vor allem mit wilden Songs wie "God Control": Aus einer Autotune-Ballade mit Klavierbegleitung wird eine Disco-Nummer, dann ein Dialog mit Flüster-Rap und Kinderchor. "Madame X" ist zu genießen als eine Art irrsinniger digitaler Weltmusik-Gospel, der mit der Art und Weise, wie man im Spotify-Zeitalter Hits kalkulieren würde, erfrischend wenig zu tun hat.

Madonna - Dark Ballet