Ein letzter Einblick in Tim Berglings Welt

Etwas über ein Jahr nach Aviciis Tod veröffentlicht seine Familie das posthume Album "Tim". Es ist ein nachdenkliches Werk zwischen Euphorie und Melancholie.

Über ein Jahr liegt der Tod von Avicii inzwischen zurück. Tim Bergling, wie er tatsächlich hieß, starb am 20. April 2018 während eines Urlaubs im Oman im Alter von nur 28 Jahren - wie seine Familie im Nachhinein andeutete, war es Selbstmord. Fans auf der ganzen Welt trauern bis heute um den grandiosen schwedischen DJ und Musikproduzenten, der mit seinen elektronischen Beats die Charts stürmte. Mit "Levels" (2011) gelang ihm der Durchbruch, Songs wie "Wake Me Up" und "You Make Me" (beide 2013) gingen um die Welt. Nun veröffentlicht Berglings Familie ein posthumes Album, das den schlichten Titel "Tim" trägt. Avicii hatte bis kurz vor seinem Tod an den darauf zu hörenden Songs gearbeitet.

Künstler und Produzenten, mit denen Avicii schon zuvor zusammengearbeitet hatte, stellten ihm zu Ehren die Stücke fertig, darum bemüht, in seinem Sinne zu arbeiten. Vincent Pontare von Vargas & Lagola erklärt: "Unser Ziel war es, Tims Vision so treu wie möglich zu bleiben."

Schon die beiden Single-Auskopplungen "SOS" und "Tough Love" stiegen sofort in die Charts ein. In "SOS" hört man neben den typischen Avicii-Beats nachdenkliche Songzeilen wie "I'd let go, but I don't know how" und "Help me put my mind to rest". Der Song wirkt mit Aviciis tragischer Geschichte im Hinterkopf wahnsinnig emotional, so wie viele andere Titel auf diesem bemerkenswerten Album.

Der erste Song, "Piece Of Mind", startet mit dem Satz: "Dear society, you are moving way too fast, way too fast for me, I'm just trying to catch my breath." Der letzte, "Fades Away", endet mit den gefühlvoll gehauchten Tönen der schwedischen Sängerin Noonie Bao und den Zeilen: "I can't go back. Don't you love it how it all, it all just fades away?" Es sind zwei Gänsehautmomente, die ein vielseitiges Werk umschließen.

Euphorie gepaart mit Melancholie

Die insgesamt zwölf Tracks, für die Avicii mit Acts wie Imagine Dragons, Sam Smith, Chris Martin (Coldplay), Aloe Blacc, Vargas & Lagola und Agnes Carlsson zusammenarbeitete, scheinen zwei Seiten zu haben. Die Musik lädt zum Tanzen ein, der Inhalt zum Weinen. Positive, fröhlich und euphorisch klingende Stücke ("Bad Reputation", "Freak", "Never Leave Me") stehen neben melancholischen Melodien ("Heart Upon My Sleeve") und düsteren Songtexten. Das Ergebnis: Ein Sommersoundtrack mit tragischen Zwischentönen, der zumindest erahnen lässt, wie Tim Bergling sich in seinen letzten Monaten und Wochen fühlte.

Die Lieder entstanden oft ähnlich: Avicii setzte sich mit den Künstlern zusammen und redete mit ihnen über das Leben. "In den ersten Tagen haben wir nur gesessen und geredet. Wir teilten Lebenserfahrungen. Es wurde ein bisschen wie ein Tagebuch", erinnert sich Produzent Albin Nedler, der gemeinsam mit Avicii an dem Stück "SOS" gearbeitet hatte.

Keine Frage: Dieses posthum fertiggstellte Album unterstreicht noch einmal deutlich, welch Genie Avicii war. Zerrissen von inneren Kämpfen lebte er die Musik, die er so gerne produzierte, und blieb dabei bis zuletzt ein Visionär. Er kombinierte für die Songs auf "Tim" neue, originelle Synthesizer-Klänge, setzte orientalische und fernöstliche Sounds ein, mischte HipHop-Elemente unter, ließ eingängige Gitarren- und Klavierakkorde einfließen - und am Ende, so wie man es jetzt hört, passt alles perfekt zusammen.

Avicii- SOS