Ein neues Kapitel für eine Ikone

Sonic-Youth-Ikone Kim Gordon gibt gerne zu, dass sie nie gelernt hat, zu singen oder ein Instrument zu spielen. "No Home Record" ist die Brücke zwischen dem puren Ausdruck ihrer Experimentalmusik und dem großen Album, das man sich vom Herbst ihrer Karriere erhofft.

Sonic-Youth-Ikone Kim Gordon gibt gerne zu, dass sie nie gelernt hat, zu singen oder ein Instrument zu spielen. "No Home Record" ist die Brücke zwischen dem puren Ausdruck ihrer Experimentalmusik und dem großen Album, das man sich vom Herbst ihrer Karriere erhofft.

Wenn Kim Gordon sagt, dass sie sich nicht als Musikerin, sondern als Künstlerin versteht, ist das keine Wichtigtuerei. Neben ihrer Arbeit mit Sonic Youth hat sie viel gezeichnet, performt und Installationen entworfen, und nach der Auflösung ihrer legendären Noise-Rock-Band (2011) wurde nur noch deutlicher, dass Gordon auch die Musik schlicht als ein Mittel zum künstlerischen Ausdruck versteht. Ihr letztes neues Musikprojekt Body/Head (2011 gestartet) ist oftmals nur das minutenlange Gejammer und Gefiepe einer übersteuernden verzerrten Gitarre und erinnert ein wenig an den Drone-Metal der Band Sunn O))).

Allzu große Aufregung darum, dass "No Home Record" nun offiziell Kim Gordons erstes Solo-Album darstellt, ist also nicht nötig. Die 66-jährige war immer umtriebig und unberechenbar. "No Home Record" ist aber eine Rückkehr zu halbwegs geradlinigem Songwriting, zur Verwendung von Gesang und in gewisser Weise zu den Produktionsmethoden der frühen 80-er: Da ist nur Gordon, ihr Gitarrenequipment und ein Drumcomputer.

Der Spirit des "No Wave", der sie damals faszinierte und zur Gründung von Sonic Youth führte, ließ sie nie los, und auch auf "No Home Record" zerstört sich der wahrlich überstrapazierte Sound der Rockgitarre wieder und wieder selbst und löst sich in Rauschen und Feedback-Geräusche auf. Hinzukommen neuere Stilmittel der Avantgarde-Musik: Auf "Sketch Artist" sind elektronische Glitches und Industrial-Drums zu hören. "Paprika Pony" erinnert an den Lo-Fi-HipHop, der in den frühen 90-ern in Memphis produziert wurde. Auf dem Schlussstück "Get Yr Life Back" ist Gordons Stimme teilweise nur noch ein Hauchen zwischen metallischem Geklirr, übersteuernden Gitarren und dem allgegenwärtigen Rauschen.

Zugänglich und doch komplex

Der Titel des Albums ist eine Anlehnung an "No Home Movie", den letzten Film der 2015 verstorbenen Regisseurin Chantal Akarman. Das Wohnen und die Heimat sind aber tatsächlich die zentralen Motive in Gordons gewohnt fragmentierten Texten. Das "Airbnb" war wohl in den letzten Jahren ein häufiger Rückzugsort für Gordon, ein Tapetenwechsel und trotzdem eine Komfortzone, günstig noch dazu - der ideale Ort für kreative Arbeit. "Murdered Out", ein weiterer Songtitel, bezeichnete ursprünglich den Look eines Autos, das vollständig mit schwarzem Lack besprüht ist. Inzwischen wird der Begriff auch für die Vermarktung von Kleidung, Nagellack und sogar Kaffee verwendet. Gordon beschäftigt sich mit Konsumkultur als einem Ort, an dem alles Private unweigerlich politisch wird, und sie tut das, ohne jemals selbst der Slogan- und Bilder-reichen Sprache dieser Konsumkultur zu verfallen.

Für Erwartungshaltungen oder ihren eigenen Ikonen-Status hat Kim Gordon vermutlich nicht mehr als ein Schulterzucken übrig. Trotzdem ist "No Home Record" ihr wohl zentralstes musikalisches Werk seit geraumer Zeit und ein gelungener Einstieg in das Solo-Kapitel. Es ist zugänglicher als die Experimentalmusik der letzten Jahre und doch zu jedem Zeitpunkt komplex und überraschend.

Kim Gordon - Sketch Artist