Ein Punk vor unserer Zeit

Die alten Punk-Pop-Hasen von Blink-182 haben immer noch den Schalk im Nacken und gönnen sich Quatsch-Videos mit "Fortnite"-Referenzen, als wären sie selbst gerade volljährig geworden: Das neue Album "Nine" ist Balsam für die zuletzt geschundene Fan-Seele.

Ein ganzer Regenbogen von Neonfarben leuchtet dem Betrachter vom Cover des neuen Blink-182-Albums "Nine" ins Gesicht. Das wird vor allem diejenigen Fans verzücken, die um die Jahrtausendwende musikalisch sozialisiert wurden. Man erinnert sich an nackte Männer, die durch die Straßen laufen, an Backstreet-Boys-Parodien und an jede Menge Rebellentum im Kleinen. Und an Musik für Kids, die sich in der Pubertät zu schade waren für den "Scheiß aus dem Radio".

Blink-182 sind Punk-Pop-Essentials, und wer das nicht wahrhaben will, der muss zumindest anerkennen, dass "What's My Age Again?" (1999) und "All The Small Things" (2000) zwei der besten Karaoke-Songs aller Zeiten sind. Das alles ist allerdings schon 20 Jahre her. Die kalifornische Band hat mit dem Ausstieg von Tom DeLonge (2015) eines ihrer Gesichter verloren, und nicht alle Fans waren mit Ersatz Matt Skiba (Alkaline Trio) und dem letzten Album "California" (2016) zufrieden.

Doch was Leadsänger/Bassist Mark Hoppus, Ausnahmedrummer Travis Barker und Neu-Blinker Skiba (Gitarre) auf "Nine" veranstalten, dem zweiten Album in der jetzigen Konstellation, dürfte viele Fans wieder versöhnlich stimmen. Von Anfang an prügelt man munter drauflos, und die Band schubst den Hörer mit "The First Time" zurück in eine Zeit, als "Jackass" gerade populär wurde und MTV noch das Leitmedium einer Generation war. Mit "Happy Days" folgt eine klassische Underdog-Hymne mit Hall auf der Stimme und einem noch höheren Nostalgiefaktor.

Pop-Punk in Reinform

Allerdings klingen auch die Texte automatisch nach Teenie-Metaphorik, wenn Blink-182 auf der Suche nach der eigenen Schuld singen: "Angel wings at the bus stop, halos left on top of the bar / heaven doesn't want me now". Das ist ähnlich dramatisch wie eine heulende Schülerin, die die Tür hinter sich zuschlägt und sich dann auf ihr Bett wirft. Den Schuldigen dafür macht die Band aber gleich selbst aus, wenn sie auf "Blame It On My Youth" entschuldigend von 1999 singt.

Nicht entschuldigen muss sie sich für die Single "Darkside", einen Pop-Punk-Song in Reinform, der sich sehnsüchtig und schmachtend in den dunklen Abgrund der Liebe fallen lässt. "Run Away" will daran anknüpfen, erinnert mit angerappten Passagen aber eher an einige schlimme Auswüchse der Nu-Metal-Era. Zum Glück darf Matt Skiba danach in "Black Rain" mit verzerrten Gitarren beweisen, wie gut er sich in die Band eingefunden hat, und zur Feier des Tages schmeißen Blink-182 noch eine Runde Synthesizer. "I Really Wish I Hated You" ist dann einer der wenigen echten Durchhänger, wenn Hoppus singt "I don't really like myself without you, everytime I sing is still about you" - diesen Song haben tausend andere Musiker schon besser geschrieben.

Neue Hits für die Karaoke-Playlist

Einen etwas irritierenden Eindruck hinterlässt das Stück "On Some Emo Shit", das man als ironische Selbstkritik verstehen könnte, was bei einer humorvollen Band wie Blink-182 nicht weit hergeholt wäre. Allerdings parodieren sie damit auch einen großen Teil der Songs und Klischees der ersten Albumhälfte und singen "maybe I'm better off dead" - ist das noch meta oder kann das weg? So oder so ist der Song schnell vergessen, zumal mit dem Rausschmeißer "Remember To Forget Me" noch ein echtes Highlight folgt. Blink-182 täuschen zunächst ein akustisches Stück mit Klavier an, um sich dann auf synthetische Drums zu stützen und zum epischen Finale komplett aufzudrehen - da wird manch alter Punk-Popper eine Träne des Glücks verdrücken.

"Nine" ist ein Album, das ein bisschen zu aufgeräumt und zu ordentlich wirkt, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Trotzdem haben Blink-182 sie immer noch: die Sing-Alongs, die Mut machen und ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Und für die Karaoke-Playlist findet sich auch der eine oder andere Hit.

Blink-182 - Darkside