Elektrosägen für Kunststudenten

Unter den Künstlern des einflussreichen Hamburger Labels Audiolith findet sich neuerdings das Duo Shi Offline. Deren Debütalbum "Golaya" ist eine Collage elektronischer Stile, die entgegen dem Bandnamen sehr nach Internet klingt.

Unter den Künstlern des einflussreichen Hamburger Labels Audiolith findet sich neuerdings das Duo Shi Offline. Deren Debütalbum "Golaya" ist eine Collage elektronischer Stile, die entgegen dem Bandnamen sehr nach Internet klingt.

Sängerin Alisa Tsybina trägt ihre Texte auf Englisch und Russisch vor. Oft wechselt sie innerhalb eines Songs unmerklich die Sprache. Ihr hoher und niedlicher Gesang steht im Kontrast zu dem düsteren Rave-Pop von Produzent Gordian Gleiß. Vor allem das Spiel mit diesem Kontrast handelte Shi Offline bislang viele Vergleiche mit Die Antwoord ein. Was kaum im Interesse des Hamburger Duos sein kann, das früher Other Shi hieß und nun mit "Golaya" sein Debüt unter neuem Namen veröffentlicht: Die Antwoord entlarven sich immer und immer wieder nicht nur als inhaltlich stumpf, sondern auch als homophob. Shi Offline dagegen scheinen sich etwa in "Masculinity" und dem dazugehörigen Musikvideo gegen normative Geschlechterbilder und dazugehörige Schönheitsideale auszusprechen.

"Show me some masculinity", fordert die in Russland geborene Tsybina in verschiedenen pastellfarbenen Plastikoutfits, während Plastikbrüste an ihr Knie operiert werden. Auch die manchmal so Cartoon-artig eingesetzte weibliche Stimme kommt nur kindlich daher, um dann damit zu brechen, indem geschrien wird oder die Stimme durch Verfremdungseffekte eine unklare Geschlechtlichkeit erhält. Dieses Stilmittel findet sich in ähnlicher Form auch bei alternativen Elektropop-Sängerinnen wie Poppy oder Grimes.

Sprachen: Russisch, Englisch, Internet

Produzent Gordian Gleiß bedient sich vor allem bei der elektronischen Tanzmusik der 90-er. Den SuperSaw, einen knarzenden und leicht dissonant wirkenden Synthesizer-Klang, der einst typisch war für Trance und Hardcore Techno, treibt er auf die Spitze, bis die Synthesizer wirklich wie Elektrosägen klingen. Manche Passagen erinnern an die Rave-Ikonen Faithless. Es ist aber kein bloßer 90er-Sound, den man auf "Golaya" hört: Die lieblichen Melodien von "Krill" könnten auch von Popikone Robyn stammen, die verfremdeten Vocals klingen an anderer Stelle auch mal nach der Schule des zeitgenössischen Londoner Labels PC Music. Im Gegensatz zum Hardcore Techno ist das Tempo bei Shi Offline gleichbleibend langsam, sodass die vielen schrägen Klänge Platz haben, sich zu entfalten.

Shi Offline selbst nennen ihren Stil "Artcore" - so als hätten sie ihre vermeintlich niederkulturellen Einflüsse mit in die Kunsthochschule genommen und dann etwas Neues geschaffen. Wie dieser Begriff klingt leider auch das Album stellenweise etwas prätentiös. Auf Großbuchstaben wird in der Eigenschreibweise der Songs und des Bandnamens ("shi offline") verzichtet, der Titel des zweiten Songs ist ein Emoji - "Goyala" spricht nicht nur Russisch und Englisch, sondern auch fließend Internet. Und jongliert dazu mit Einflüssen aus den letzten 30 Jahren elektronischer Tanzmusik. Was davon jetzt Shi Offline ausmacht und auszeichnet, wird noch nicht ganz klar. Es ist aber eine kurzweilige Suche.

Shi Offline - Masculinity