"Es gibt sehr viele Verunsicherte, die man zurückgewinnen kann"

"Guten Tag, mein Name ist Schroeder, ich komme aus dem Mainstream ... " - So begann der denkwürdige Auftritt des Satirikers Florian Schroeder auf der jüngsten "Querdenker"-Demo gegen die Corona-Maßnahmen in Stuttgart. War das nun skurril, genial, verrückt oder einfach nur mutig? Im Interview erklärt Schroeder, was dahintersteckt.

"Verhindert die Diktatur, in dem ihr vernünftig seid: Maske auf, Abstand halten. Nachdenken!" - Für sich genommen mag einem ein solcher Appell nicht sonderlich exotisch erscheinen. Die Aussage dürfte abseits der Sozialen Medien und der Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen im Bereich der Banalität und des Mindestkonsens liegen. Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn man sich, wie der Satiriker und Kabarettist Florian Schroeder (40) am Samstagnachmittag in Stuttgart, mit derart flammender Rede auf einer Kundgebung vor Hunderten von selbsternannten "Querdenkern" auf die Bühne stellt. Was als Kunstaktion gedacht war, geriet zum veritablen Aufreger: Die einen werten Schroeders krassen Auftritt als skurril, andere feiern ihn für seinen Heldenmut - auf der Bühne gab es erst Applaus, weil man glaubte, der nächste Promi sei vom vermeintlich vom "System" aufoktroyierten Glauben abgefallen, doch dann, als klar war, dem ist nicht so, hagelte es Pfiffe und Buhrufe. Was hat den Mann, der seine kleine Ansprache mit den Worten "Guten Tag, mein Name ist Schroeder, ich komme aus dem Mainstream" begann, da nur geritten?

teleschau: Herr Schroeder, auf Ihrer Facebookseite finden sich unter dem Video vom Samstag Stand jetzt bereits über 14.000 Kommentare ... Über 70.000-mal wurde der Beitrag gelikt, 66.000-mal geteilt. Wie geht es Ihnen mit dieser überwältigenden Resonanz?

Florian Schroeder: Danke, mir geht es gut. Wenn ich in Menschen mit meiner Arbeit Emotionen auslöse, habe ich mein Ziel erreicht.

teleschau: Kannten Sie solche Dimensionen bis dato?

Schroeder: Ja. Ähnliches habe ich vor einigen Jahren erlebt, als ich einmal in 50 Sekunden die Frau von heute beschrieben habe. Das wirkt aus heutiger Perspektive natürlich unendlich fern - wie so vieles andere auch. Von damals kenne ich die pandemische Dynamik des Internets.

teleschau: Worauf hatten Sie sich diesmal schlimmstenfalls eingestellt?

Schroeder: Dass ich, noch bevor ich etwas sagen kann, von der Bühne gepfiffen werde. Das wäre doch sehr schade gewesen. Man hätte sich gefragt: Was will er da? Ist er übergelaufen und gelingt ihm nicht einmal mehr, das auch über die Rampe zu bringen?

teleschau: Worum ging es Ihnen in Stuttgart wirklich?

Schroeder: Ich wollte die Situation gerne nutzen, um den Demonstrierenden ohne Beleidigung und Herablassung zu begegnen und sie nicht in Schubladen stecken, sondern mit ihnen über das reden, was sie vordergründig mit mir verbindet: das Interesse an Meinungsfreiheit - um dann die Grenzen dieser Freiheit auszutesten.

teleschau: In Ihrer Rede sagen Sie: "Freiheit heißt, Respekt haben" - und dass eine Freiheit, die sich nur als Verantwortungslosigkeit zeigt, das Ende der Freiheit sei ...

Schroeder: Ja, denn Freiheit ist ja nicht nur die Freiheit von - also die Freiheit von Zwang und so weiter. Das ist zunächst nur negative Freiheit. Die positive Freiheit beginnt erst mit der Freiheit zu - also der Freiheit, sich zu entscheiden für etwas: für den Urlaub, die Vernunft und manchmal auch für die Notwendigkeit. Das ist dann nicht mehr Passivität, sondern Aktivität. Wenn ich aber nur gegen etwas bin, gegen Masken, gegen das, was ich einschränkend finde, so bin ich in letzter Konsequenz verantwortungslos, weil ich das Leben anderer gefährde und im Grunde nicht gestaltend wähle.

"Schon kam die Einladung, weil ich angeblich ein Erleuchteter war"

teleschau: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie als Redner eingeladen wurden?

Schroeder: Ich hatte im NDR, der mein Programm aufgezeichnet hatte, eine Nummer gemacht, in der ich einen Verschwörungsideologen spiele. Das hat man in diesen Kreisen ernstgenommen. Und schon kam die Einladung, weil ich angeblich ein Erleuchteter war.

teleschau: Wie ging es Ihnen dann vor Ort, auf der Bühne? Kann man diese Momente auch in irgendeiner Form genießen - immerhin haben Sie als Satiriker und Kabarettist einen echten Coup gelandet?

Schroeder: Na sicher, ab dem Moment, als ich die Bühne betreten hatte, war ich sicher, dass das gut laufen wird. Ich wurde ja frenetischer begrüßt als viele Jahre in meinen eigenen Liveshows, für die die Zuschauer aber Eintritt bezahlt hatten. Ich musste aufpassen, dass ich nun nicht einfach eine ganz normale Show mache. In diesem Zusammenhang war auch das Ausgebuhtwerden eine große Bestätigung. Allerdings muss ich gestehen, dass ich auch damit Erfahrungen habe.

teleschau: Worauf spielen Sie an?

Schroeder: Mit Anfang 20 trat ich in der Sneak Preview eines Kinos auf - nachts um 11. Vor mir 700 Angetrunkene, die mich ausbuhten und Dosen warfen. Da war ich nach zwei Minuten von der Bühne.

teleschau: Am Ende der Rede rufen Sie den Zuhörern zu: "Verhindert die Diktatur, in dem ihr vernünftig seid: Maske auf, Abstand halten. Nachdenken!" - Wie kommt es, dass man über einen derart banalen Mindestkonsens geteilter Meinung ist? Wo hat die Mehrheitsgesellschaft diese Leute verloren?

Schroeder: Es gibt sicher einen Anteil unter den selbsternannten Querdenkern, die sich selbst verloren haben, die nicht mehr erreichbar sind, die sich in ihrem Weltbild eingerichtet haben wie in einer Gefängniszelle. Hier funktionieren Verschwörungsideologien wie Sekten. Dann gibt es wahrscheinlich einen renitenten Anteil, der gegen alles ist, was mit Autorität und gefühlter Einschränkung zu tun hat. Die Gruppe ist vielleicht noch erreichbar durch Aufklärung. Und dann gibt es sehr viele Verunsicherte, die man zurückgewinnen kann, indem man sie argumentativ überzeugt und nicht herablassend behandelt und als Aluhüte in den Sack haut.

"Es war eine Art walk of shame"

teleschau: Was passierte am Samstag unmittelbar nach Ihrem Auftritt? Kamen Sie mit den Leuten ins Gespräch, oder wurden Sie nur wüst beschimpft?

Schroeder: Nein, ich bin dann gegangen und erntete auf dem Weg enttäuschte, wütende und schockierte Blicke. Es war eine Art walk of shame. Beschimpft wurde ich gar nicht.

teleschau: Natürlich findet sich auch in den Kommentaren auf Ihrer Facebookseite die vielzitierte Spaltung der Gesellschaft wieder: Einige schreiben, dass sie ein Kind von Ihnen wollen - andere attestieren Ihnen, in den Allerwertesten des Systems zu kriechen ... - Sind die Sozialen Medien die Wurzel allen Übels?

Schroeder: Das Problem ist die dunkle Seite des Internets: die Geschäftsmodelle von YouTube, Facebook und anderen Netzwerken. Es geht hier nie um ethische Maßstäbe - die Algorithmen lassen Sie sehen, was andere häufig gesehen haben. In der Konsequenz bedeutet das: Sie können sich im Internet ohne jeden Gatekeeper eine Parallelwirklichkeit aufbauen, in der Sie von nichts gestört werden, was Ihr Weltbild infrage stellen könnte. Und das kann fatale Konsequenzen haben, wenn Sie verunsichert sind - in extremen Fällen bis hin zum Terrorismus, wie die Täter von Hanau und Christchurch gezeigt haben.

teleschau: Was wäre Ihre Meinung nach zu tun?

Schroeder: Die Debatte können wir nur entzerren, indem wir ohne Heroisierung auf der einen und Herablassung auf der anderen Seite mit Ruhe und einem genauen Blick versuchen, einander zuzuhören, um dann in der Sache hart, im Ton verbindlich zu argumentieren.