Friede, Freude, Waldbühne

Das sollte alle Parteien wieder versöhnen: Neben Anton Corbijns mitunter skeptisch rezipiertem Dokumentarfilm enthält das "Spirits In The Forest"-Paket von Depeche Mode unter anderem auch einen wunderbaren Live-Mitschnitt von der Berliner Waldbühne.

Im Sommer 1988 saß Dave Gahan, übermannt von seinen Gefühlen, hinter der Bühne und weinte. Die Emotionen des soeben beendeten Konzerts im riesengroßen kalifornischen Pasadena Rose Bowl flossen durch den Körper des völlig erschöpften Frontmanns von Depeche Mode. Was soll da noch kommen, fragte er sich wohl, besser kann es nicht mehr werden. Doch, es wurde noch besser. Die Gewissheit, dass Depeche Mode gut 30 Jahre später immer noch zu den erfolgreichsten Acts der Welt gehören würden, hätte ihn in jenem Augenblick sicher sehr glücklich gemacht. Doch dazwischen gab es einige Tiefs - Zwist in der Band, Drogen, Alkohol, Trennungen. Aber trotz aller Hürden: Es ging immer weiter und weiter für Depeche Mode. Nach der Auferstehung Mitte der 90-er sind sie längst im Pop-Olymp angekommen.

Zeit also für eine genaue Betrachtung des Ist-Zustands. Was ist Depeche Mode und warum wird diese Band weltweit so sehr verehrt? Damals, 1988, war die Antwort darauf: Party! Der Zeitgeist, die Die-Hard-Fans, die Devotees, hinterfragten ihr Tun nicht. Man war dabei und man war jung, das allein zählte. Festgehalten wurde dieser Spirit in der immer noch sehr beliebten Tour-Dokumentation "101" (1989), die Fans und Band gleichberechtigt beobachtete.

Das Leben ist nun ein anderes

Im 40. Jahr ihres Bestehens horchen Depeche Mode nun ein wenig tiefer in sich hinein. Das Leben ist nun ein anderes, die Anhänger und ihre Band sind älter geworden und viele junge beziehungsweise jüngere Hörer sind hinzugekommen. Genau an diesem Punkt wird die Geschichte von und mit Depeche Mode auf "Spirits In The Forest" weitererzählt. Im Zuge der Veröffentlichung ihres letzten Albums "Spirit" (2017) wurde die treue Online-Community zu ihrer Band befragt. Aus zahllosen Schilderungen und Botschaften extrahierte man schließlich ein halbes Dutzend Geschichten, die unter der Ägide von Depeche Modes Haus- und Hof-Regisseur Anton Corbijn (U2, Joy Division) auf Film gebannt wurden.

Corbijns Talent, den Augenblick schnörkellos und mit einer unaufdringlichen, latent aufhellenden Ästhetik einzufangen, begegnet man auf "Spirits In The Forest" immer wieder. Sechs völlig verschiedene, über den Globus verstreute Lebenslinien erzählen von Leidenschaft und Hingabe (nicht nur mit Blick auf die Band), jedoch auch von Krankheiten und familiären oder gesellschaftlichen Barrieren. Der Dokumentarfilm streift 82 Minuten lang behutsam durch die privaten Räume dieser Menschen, deren Leben Depeche Mode aus unterschiedlichen Gründen maßgeblich beeinflusst haben. Am Ende treffen sie sich alle zum finalen Konzert der "Global Spirit"-Tour 2018 auf der Waldbühne Berlin und feiern das Leben.

Ein Filetstück für die Fans

Nicht jedem Mode-Anhänger schmeckte das Konzept dieses wunderbaren Films. Als im letzten Herbst ausgesuchte Kinos den Streifen für ein paar Tage ins Programm nehmen durften und das Kunstwerk kurz darauf auch als Stream verfügbar war, gab es gemischte Reaktionen und durchaus auch deutliche Kritik: zu wenig Musik, zu ernst, zu privat, keine Interaktion mit der Band und so weiter. Dass der Film nun gemeinsam mit dem begleitenden, bisher unveröffentlichten Konzertmitschnitt "Live Spirits" erscheint, dürfte alle Parteien wieder versöhnen. Das Live-Dokument ist ein echtes Filetstück für jene Fans, die sich lieber auf die Band als auf das Drumherum konzentrieren.

"Live Spirits" ist nicht besser oder schlechter als die zahlreichen anderen Konzertfilme der Engländer, denn Depeche Mode waren immer schon gute Live-Performer, und sie sind es auch heute noch. Im Studio oder auf der Bühne - Depeche Mode liefern ab, bei den "Live Spirits" sowieso. Alte, ältere und neue Songs werden stimmig in das Abendrot hineinmusiziert. Sogar zwei Überraschungen gibt es inmitten der austarierten Routine: David Bowies "Heroes" wird gecovert und das ewig nicht mehr live gespielte Stück "I Want You Now" aus "Music For The Masses" (1987) darf bejubelt werden. So vergehen die zwei Konzert-Stunden auf der wunderschön lauschigen Waldbühne dann auch wie im Flug. Und es ist, wie es immer war: Der geborene Entertainer Dave Gahan wickelt die Massen um den Finger, während seine beiden Bandkollegen sowie die zusätzlichen Live-Musiker das Bild im Hintergrund vervollständigen. Die Stage-Crew schwitzt und arbeitet hart; Andrew Fletcher verweilt indes entspannt hinter den Keyboards, und der kreative Nukleus Martin Gore hält alles zusammen - angestrengt, aber glücklich. Ein Genie darf es eben nicht zu leicht haben.

Der Fan hat die Wahl: Neben einer Streaming- und Download-Variante kann er sich die beiden Filme als DVD- oder Blu-ray-Version in sehr guter Bild- und Tonqualität in den Schrank stellen. Die Audio-Version des Waldbühnen-Konzerts liegt den physischen Paketen jeweils als Doppel-CD bei, die jedoch auch einzeln ohne Filmbeigaben erhältlich ist.