• Corona-News
  • Sachsen
  • Chemnitz
  • Erzgebirge
  • Mittelsachsen
  • Vogtland
  • Westsachsen

"Für mich gibt es nichts, was zu abgrundtief ist"

In der ZDF-Krimireihe "In Wahrheit" ist Christina Hecke als Hauptkommissarin Judith Mohn mit Fällen konfrontiert, die oft tragischer kaum sein könnten. Wie sie damit umgeht, erzählt die Schauspielerin im Interview.

Das Opfer erinnert sich nicht genau, männliche Ermittler zweifeln, der Frau wird nicht geglaubt: Der fünfte Film der Reihe "In Wahrheit: In einem anderen Leben" spielt durch, was bei einem Verdacht auf Vergewaltigung noch immer viel zu häufig geschieht. Christina Hecke ist in ihrer Rolle als Hauptkommissarin Judith Mohn eine der wenigen, die der misshandelten Frau Gehör schenkt. Was im Krimi (Samstag, 21. August, 20.15 Uhr, im ZDF) kaum zu ertragen ist, ist bis heute Diskussionsgegenstand der "MeToo"-Debatte, die nun bereits seit vier Jahren geführt wird. Im Interview spricht die gefragte Charakterdarstellerin Christina Hecke, geboren 1979 in Stuttgart, über ihren Blick auf die Bewegung und erzählt, welche Erfahrung am Filmset sie in ihrer Haltung geprägt hat.

teleschau: "In Wahrheit: In einem anderen Leben" erzählt von einer Frau, der nach einer Vergewaltigung nicht geglaubt wird - ein viel diskutiertes Thema innerhalb der "MeToo"-Bewegung. Hat sich in Ihrem Umfeld etwas verändert, seit 2017 die Debatte angestoßen wurde?

Christina Hecke: Letzten Endes ist mit der "MeToo"-Debatte nur etwas sichtbar geworden, das vorher schon da war. Das Problem ist nicht weg, nur, weil es angesprochen wurde. Es gibt viele Phänomene, die unter der Hand akzeptiert werden - häusliche Gewalt zum Beispiel. Da sagt ja auch niemand: Wir schaffen häusliche Gewalt jetzt ab. Stattdessen baut man Frauenhäuser. Es ist wichtig, dass Frauen eine Anlaufstelle haben, aber eigentlich ist das vollkommen schräg. Es löst ja nicht das grundlegende Problem. Ähnlich ist es mit "MeToo".

teleschau: Heißt, da ist noch Luft nach oben?

Hecke: Natürlich gibt es jetzt einen anderen Fokus. Es gibt Institutionen. Es gibt Beschwerdestellen. Es gibt alles Mögliche, das sich der Sache annimmt. Die Frage ist nur, ob das nicht letztlich genauso wie bei Mord und Totschlag ist. Da gibt es immerhin auch die Polizei, die für Recht und Ordnung sorgt. Letztendlich ist das aber nur ein reaktiver Umgang mit einem Problem.

"Das war ein absoluter Übergriff"

teleschau: Was wäre denn eine Alternative?

Hecke: Man müsste Werte wie Eigenverantwortung und Respekt lehren - vielleicht als Grundschulfach. Man könnte, statt immer nur an Problemen rumzuschrauben, mal die Grundlage dieser Probleme adressieren. Am Set hat sich einiges geändert, da gibt es eine größere Obacht, eine größere Vorsicht. Trotzdem bin ich der Meinung, dass das alles nach wie vor ein Thema ist. Weltweit sind Frauen immer noch gegen Geld zu kaufen. Wir halten global eine Geschlechterdifferenz aufrecht, die in meinen Augen völliger Blödsinn ist. Mann und Frau sind physisch vielleicht unterschiedlich, aber die Qualitäten, die wir einnehmen können - männlich und weiblich - sind absolut gleich.

teleschau: Haben Sie sich in Ihrem Job bereits in einer Situation befunden, in der Sie sich nicht sicher gefühlt haben?

Hecke: Bei einem der ersten Filme, die ich gedreht habe, musst ich eine negative Erfahrung machen, die mich gleichzeitig aber auch gestärkt hat. Da war ich als blutige Anfängerin in einer Situation, in der ein Regisseur vor der Kamera, bei laufendem Betrieb und vor versammelter Mannschaft etwas von mir verlangt hat, das wir vorher anders besprochen hatten. Es ging darum, mich körperlich auszustellen. Das war ein absoluter Übergriff.

"Es gibt eine bestimmte Art Rollen, für die ich einfach gar keine Angebote bekomme"

teleschau: Was haben Sie getan?

Hecke: Ich dachte damals noch, ich muss das jetzt machen, immerhin weiß ein Regisseur ja, was er da tut. Aus der Angst eines Berufsanfängers heraus habe ich es gemacht. Total bescheuert. Nach diesem Drehtag dachte ich mir aber: Das passiert mir nie wieder. Die Kostümbildnerin fand damals die passenden Worte: "Das war wirklich eine absolut degradierende, peinliche Situation." Da habe ich für mich erkannt: Es gehören zu einem Übergriff immer zwei. Einer, der versucht, einen Übergriff zu starten, und einer, der mitmacht. Ich habe damals mitgemacht.

teleschau: Wie gehen Sie heute mit so etwas um?

Hecke: Transparenz ist das A und O. Ich trete jedem Kollegen, jeder Kollegin, jedem Regisseur und jeder Regisseurin von vornherein immer transparent gegenüber. Mir ist es wichtig, vorher zu besprechen, wie wir miteinander umgehen. Lieber ein ehrliches Wort, auch wenn einem etwas nicht passt, als irgendwelche Pseudo-Höflichkeiten, die dann zu Spannungen führen. Das ist für mich übrigens auch unabhängig vom Geschlecht. Es ist vollkommen egal, ob es sich da um einen Regisseur oder eine Regisseurin handelt. Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sind elementar.

teleschau: Gilt das auch vor Drehbeginn? Bekommen Sie oft Drehbücher vorgelegt, die Sie dann ablehnen, weil Ihnen die Rolle nicht zusagt?

Hecke: Angebot und Nachfrage bedingen sich ja in einem gewissen Maß. Es gibt eine bestimmte Art weiblicher Rollen, für die ich einfach gar keine Angebote bekomme. Zum Beispiel habe ich erst ein einziges Mal eine Frau gespielt, die sich sehr im Opferstatus befand und von ihrem Ehemann geschlagen wurde. Ich bekomme das normalerweise gar nicht angeboten. Ich glaube, das hat einfach damit zu tun, dass ich eine gewisse Präsenz mitbringe. Einige sagen dann vielleicht: Der glaubt man doch gar nicht, dass sie sich verprügeln lässt. Auf der anderen Seite wäre das ja eine Übertragungsleistung, ich bin ja Schauspielerin und kein eindimensionales Papier.

"Es verändert sich, in welchen Rollen ich besetzt werde"

teleschau: Trotzdem werden Sie meist in eher "starken" Rollen gecastet.

Hecke: Man möchte bei der Besetzung ja auch etwas Sicherheit. Da schaut man natürlich, was jemand bisher gemacht hat. Wenn man jemanden besetzen möchte, der ein rotes Schwein reiten kann, dann guckt man so lange Videos von Schauspielern, bis man jemanden gefunden hat, der bereits auf einem roten Schwein geritten ist. Eigentlich total begrenzt, aber es ist manchmal wirklich so kurz gedacht. Es gibt wenige, die sich die Zeit nehmen, weil es einfach immer Geld kostet, genauer hinzuschauen und sich zu fragen: Welches ist das Wesen, das am besten verkörpern kann, was wir brauchen? Es verändert sich aber auch, in welchen Rollen ich besetzt werde.

teleschau: Wie kommt es dazu?

Hecke: Das hat wohl mit meiner eigenen Veränderung zu tun, mit meiner zunehmenden Weichheit, Transparenz und Weiblichkeit. Ich lehne das ja nicht ab, so nach dem Motto: Schwache Frauen spiele ich nicht.

teleschau: "In Wahrheit" beruht auf wahren Geschichten. Macht es das schwerer, nach einem Drehtag abzuschalten?

Hecke: Nein. Für mich ist es tatsächlich gleichwertig. "In Wahrheit" hat ein wahnsinnig schönes Merkmal an sich - das, was auch mein Credo ausmacht: Transparenz. Die Wahrheit sagen, auch wenn die Wahrheit in ihrer Ehrlichkeit manchmal hässlich ist. Also zum Beispiel, auch aufzudecken, was einen Täter motiviert. Deswegen gibt es für mich nichts, was zu abgrundtief ist. Es ist manchmal gruseliger, von jemandem zu erzählen, der betrügt und Macht missbraucht und lügt, als von jemandem, der einer anderen Person vor Verzweiflung in die Schnauze gehauen hat.

"Mein Alltag ist für mich mein Training"

teleschau: Oft, wie bei "In einem anderen Leben", ist die Wahrheit ja aber doch sehr tragisch. Nimmt Sie das nicht mit?

Hecke: Mich berührt das Leben in allen Facetten. Aber es zu beobachten hilft, nicht schockiert zurückzubleiben. Den Film selbst zu drehen, ist dann nur eine Art Wettkampfmoment. Das ist die Belastungsprobe, die Stresssituation. Eigentlich ist mein Alltag für mich mein Training, immer wieder bei mir zu sein, mit mir zu sein, präsent zu sein, wach zu sein, aufmerksam zu sein, zu gucken, was es braucht. Das übertrage ich dann, wenn ich arbeite, ans Set. Mein Job ist es, auch da immer für mich zu sorgen. Wenn ich dann am Abend von einem Dreh heimkomme und erschlagen bin, dann habe ich unterwegs nicht auf mich aufgepasst.

teleschau: Konnten Sie das auch in der Pandemie aufrechterhalten?

Hecke: Mir ging es ehrlich gesagt prima. Ich sorge aber auch immer dafür, dass es mir super geht. Es gibt ja Leute, die sind schlecht gelaunt, wenn es regnet und gut drauf, wenn die Sonne scheint. Viele Menschen lassen solche äußeren Faktoren sehr großen Einfluss nehmen auf den eigenen Wohlfühlhorizont. Ich muss sagen, ich habe mich im vergangenen Jahr sehr fokussiert und gut organisiert. In den Zeiten, in denen ich nicht beschäftigt war, habe ich andere Dinge getan, zum Beispiel geschrieben oder unterrichtet. Ich habe einfach die Dinge getan, die sonst noch im Angebot waren. Ich glaube, dass das aus so einem inneren Reichtum kommt, dem Leben so entgegenzutreten, egal, welche Aufgaben einem gestellt werden.