Harald Krassnitzer: "Zukunft kann auch Spaß machen!"

"Tatort"-Fans atmen auf! Aber auch wenn nun der erste neue "Tatort" im Ersten gezeigt wird, bedeute das noch lange keine Rückkehr zu Normalität - weder für die TV-Branche noch für die Gesellschaft, weiß Schauspieler Harald Krassnitzer. Für ihn sei die heutige Zeit der Beginn von "massiven Veränderungen".

Die Coronakrise hat in den letzten Monaten auch die Fernsehlandschaft auf den Kopf gestellt. Doch es geht aufwärts: Nun zeigt die ARD den ersten neuen "Tatort" nach der XXL-Sommerpause: Am Sonntag, 6. September, 20.15 Uhr, ermitteln Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) in "Pumpen" wieder in Wien und Umgebung. Eine Rückkehr zur Normalität bedeute dies jedoch bei Weitem noch nicht, ist sich Krassnitzer sicher. "Die Pandemie hat unsere Gesellschaft erschüttert, und wir sind noch mittendrin. Wir haben außergewöhnliche Maßnahmen gesetzt, die sind richtig, wichtig und gut. Aber ich habe schon die Angst, dass selbst diese Maßnahmen zu kurz greifen für das, was uns noch bevorsteht", äußert er seine Bedenken jetzt im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau.

Wie so viele hat auch der Schauspieler, der am 10. September seinen 60. Geburtstag feiert, großen Respekt vor einer möglichen zweiten Welle. "Manche, die jetzt in Kurzarbeit sind, werden dann keine Arbeit mehr haben", befürchtet Krassnitzer. Doch es gibt seiner Ansicht nach durchaus auch positive Aspekte der Krise: "Auch wenn ausgerechnet mein Heimatland Österreich sich fatalerweise den sogenannten sparsamen Ländern angeschlossen hat, finde ich gut, dass man sich auf europäischer Ebene auf die milliardenschweren Hilfsfonds geeinigt hat. Denn künftig wird es viel mehr darum gehen müssen: um die europäische Solidarität."

Denn Corona sei ja nicht das einzige Problem, das es zu bewältigen gäbe, so der Schauspieler, der sich immer wieder auch politisch engagiert. "Diese Zeit ist für mein Gefühl nur das Vorspiel: Es kommen nicht zuletzt durch die Digitalisierung massive Veränderungen auf uns zu - die wir jetzt noch mitgestalten können", ist sich Krassnitzer sicher.

Menschen, die sich im Internet oder auf Demonstrationen nur pöbelnd gegen die Veränderungen oder Corona-Maßnahmen stellen würden, seien ihm "zuwider", erklärt er im teleschau-Interview, er äußert zugleich aber auch Verständnis für die Beweggründe: "So etwas passiert immer dann, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass etwas im Begriff ist zu erodieren. Mein Eindruck ist, dass es besonders heftig ist, weil die Debatte komplett mit Angst belegt ist. Ständig hängt das Damoklesschwert der Verunsicherung, der Erosion über allem."

"Da muss es ein radikales Umdenken geben"

Harald Krassnitzer ist überzeugt, dass man mehr über die Chancen der Zeit sprechen müsse. Er zitiert im teleschau-Interview den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der in seiner berühmten Rede vom 11. April sagte, "dass es die Normalität vielleicht nie mehr geben wird, dass vieles in der kommenden Zeit sicher nicht einfacher wird, aber dass wir an dieser Lage auch wachsen können". In Krassnitzers Augen solle dies "der Duktus" sein, zu dem auch das fiktionale Programm der öffentlich-rechtlichen Sender einen Beitrag leisten müsse: "Wir können Geschichten erzählen, die das Leben in dieser Zeit der Veränderung, die die Realität abbilden und Hoffnung machen."

In seiner Heimat Österreich hat er sich zuletzt stark für das sogenannte Klimavolksbegehren eingesetzt. "Und zwar mit großer Freude", wie Krassnitzer unterstreicht. "Ich durfte in dieser Zeit viele wahnsinnig kluge, energievolle junge Menschen kennenlernen, die sich für ihre Zukunft einsetzen. Der Anspruch und der Willen, die Gesellschaft zu gestalten, hat mich tief beeindruckt und mir nachhaltig die Augen geöffnet: Mir ist klar geworden, dass ich einen Großteil meines Lebens aus dem Vollen schöpfen konnte, ohne mir Gedanken zu machen, was die Zukunft der Welt angeht."

Das Credo des "Tatort"-Schauspielers: "Zukunft kann auch Spaß machen!" Es sei "an der Zeit, dass wir ein Land betreten, das Utopie heißt. Dort wird vieles anders sein als heute, aber nicht schlechter." Es gebe zwar die Jugend, die sich äußert und gerade im Klimaschutz stark engagiert, allerdings fehle es sonst an "Persönlichkeiten, die vorangehen", befindet Harald Krassnitzer im Interview.

Sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Landwirtschaft habe sich immerhin zuletzt einiges getan. "Aber es ist nun mal eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit - da sind wir alle, nicht zuletzt auch als Konsumenten mit unseren alltäglichen Kaufentscheidungen, in der Pflicht", appelliert der Schauspieler in seiner durchaus scharfen und tiefgreifenden Gesellschaftsanalyse. "Die Ökonomie hat im Angesicht der Globalisierung aufgehört, sich an die Regeln zu halten, und sich mehr und mehr um die Interessen der Shareholder gekümmert. Da muss es ein radikales Umdenken geben."