HipHop, Harmonie und Herz

Das Solodebüt "Habibi" des ehemaligen SXTN-Mitglieds Nura ist ein sinnliches, humorvolles und selbstbewusstes Statement einer jungen Frau, die Pop-Deutschland erklärt: Es kommt nicht darauf an, wo du herkommst, sondern darauf, wo du hinwillst.

Ob freiwillig oder nicht, Nura ist eine Symbolfigur. Für HipHop, für die deutsche Pop-Kultur und für vieles, was die junge Gesellschaft aktuell bewegt. Die Tochter eines Saudi-Arabers und einer Eritreerin erarbeitete sich als Teil des weiblichen Rap-Duos SXTN binnen weniger Monate einen Erfolg und eine Anerkennung, die selbst Rap-Ikone Sabrina Setlur nie erreichte. Nura ist derzeit eine der gefragtesten Rap-Künstlerinnen des Landes. Für eine schwarze Frau in Deutschland ist das leider auch 2019 immer noch etwas Besonderes. Doch ihr Solodebüt "Habibi" steht nicht im Zeichen von Kampf und Selbstbehauptung. Es geht um Dankbarkeit, Liebe und das Miteinander.

Auch wenn sich Nuras musikalische Ergüsse bis vor ein paar Jahren noch auf Hobby-Level bewegten, etwa im Berliner Kneipenchor oder als Teil des Electropunk-Kollektivs The Toten Crackhuren im Kofferraum: "Habibi" ist ein extrem harmonisches Album und natürlich hochprofessionell. Zeitgenössische Dancehall-Beats und leichtfüßige Calypso-Rhythmen dominieren das Soundbild. Immer wieder geht es um Zweisamkeit auf diesen luftigen Dancefloor-Pleasern, die trotz aller Eingängigkeit nie ihre Wurzeln im Berliner Straßenrap leugnen. Das steht auch nicht im Widerspruch zu dem beschwipsten Ständchen "Wuppertal" im hinteren LP-Drittel, das mitgröhl-tauglich eine große Verbundenheit zu der Stadt demonstriert, in der Nura ihre Kindheit und Jugend verbrachte.

Eine Kämpferin mit Herz, Ängsten und Sehnsüchten

Nura kokettiert spielend mit ihrem Image als pöbelnde Großstadtgöre, wenn sie humorvolle Ansagen wie "Steppe ich ans Mic, kriegen Nutten Konkurrenzangst" (aus dem Song "Was ich meine") neben Zeilen wie "Keiner sieht mein Geheimnis, mir ist es peinlich" ("Kein Bock") stellt. Die Entwicklung von Nura beeindruckt und war so auch nicht zwingend zu erwarten: Die aufmüpfige Rapperin, die bisher vor allem mit Schimpfwortkaskaden von sich reden machte, ist einer lieblichen Sängerin gewichen, zumindest ein Stück weit.

Melodien und Sensitivität prägen ihr Auftreten, nur in Nebensätzen blitzen noch die üblichen Aufschneidereien aus dem HipHop-Baukasten auf. So nennt sich Nura zwar "Boss-Bitch" und zahlt für "Mama jetzt die Miete", doch sie braucht auch mal "Hilfe, weil ich lost bin". Auch in der Pferde-Stehlen-Hymne "Babebabe" oder dem sinnlichen Zweisamkeitsgefühl von "Habibi" wird das maskulin aufgeladene Bild der rappenden Powerfrau elegant ausgehebelt. Gerade im intensiven Abschluss "Babe", einem Song, der sich mutmaßlich um Nuras überraschend verstorbenen Beziehungspartner Sam (ebenfalls Rapper, hier mit Gastauftritt auf "Babebabe") dreht, offenbart sich eine Verletzlichkeit, die dieser Musik und dieser Künstlerin guttut. Klar, Nura ist immer noch eine Kämpferin, aber eben auch ein Mensch mit Herz, Ängsten und Sehnsüchten. Das zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass sie ihr erstes eigenes Album mit dem arabischen Wort für "Liebling" ("habibi") betitelt.

Nura - Sativa