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"Ich begann, von Heroin zu träumen"

Sie ist die neue Christiane F. - und ziemlich sicher ein kommender Shootingstar: Jana McKinnon über ihre Hauptrolle in der Amazon-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", erschreckend realistische Herointräume und den Umgang mit Drogen damals und heute.

Kaum eine bundesrepublikanische Jugend kam ohne "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" aus. Das auf den wahren Berichten einer Heroinabhängigen basierende Buch der "Stern"-Autoren Kai Hermann und Horst Rieck von 1978 wurde zum gigantischen Erfolg, ebenso Uli Edels Verfilmung drei Jahre später. Christiane F., so der Name der Protagonistin, galt ganzen Generationen als Chiffre für Drogen. Absturz und Junkieleben. Umso größer die Herausforderung, jenes bedeutungsschwangere Schlagwort heute mit neuem Leben zu füllen. Die junge Schauspielerin Jana McKinnon ist das Wagnis eingegangen - und das in ihrer ersten großen Hauptrolle: In der Amazon-Serie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (ab Freitag, 19. Februar, verfügbar), die den Klassiker neu interpretiert, verkörpert die gebürtige Wienerin die Figur der Christiane F. Mit gerade einmal 21 Jahren scheint die Tochter einer Österreicherin und eines Australiers auf bestem Weg zum neuen Nachwuchsstar.

teleschau: Was wussten Sie über Christiane F., bevor Sie das Drehbuch lasen?

Jana McKinnon: Kurz bevor ich zum Casting eingeladen wurde, zog ich von Wien nach Berlin. Um einfach mal aus meiner Heimatstadt rauszukommen, etwas anderes zu erleben. Und wo ich schon einmal dort war, so dachte ich, könnte ich auch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" lesen. Das hatte ich vorher noch nicht getan - und das Buch fesselte mich extrem. Schon da überlegte ich, wie krass es wäre, so eine Rolle zu spielen. Zwei Wochen später wurde ich zum Casting eingeladen.

teleschau: Also ein ziemlicher Zufall?

McKinnon: Ja, ich konnte das nicht glauben. Als ich zum Casting ging, war ich voll in der Geschichte und konnte sehr gut nachvollziehen, was darin passiert. Die Szene, die ich dann spielen sollte, kam sehr ähnlich auch im Buch vor. Für mich war alles noch frisch - das half sicher.

teleschau: Kannten Sie auch die Verfilmung schon?

McKinnon: Die schaute ich dann zur Vorbereitung. Für mich war es sehr interessant, die Hauptdarstellerin Natja Brunckhorst genau zu beobachten. Sie war beim Dreh damals ja wirklich erst 13 - also wahnsinnig jung. Zu sehen, wie sie die Welt betrachtet, fand ich spannend. Ich würde mich freuen, sie irgendwann mal persönlich kennenzulernen.

teleschau: Wie bereiteten Sie sich noch vor?

McKinnon: Neben dem Buch und dem Film gab es hunderte Seiten Drehbuch zu lesen - und ich wurde recht kurz vor Drehbeginn besetzt. Zur Vorbereitung schaute ich auch Filme und Dokus. Gerade das Thema Heroin beschäftigte mich wahnsinnig.

teleschau: Inwiefern?

McKinnon: Ich war in den Tiefen des Internets unterwegs, schaute mir Blogs und Foren an, in denen Leute über ihre Sucht sprechen. Ich begann sogar von Heroin zu träumen. Einmal träumte ich sehr intensiv, dass ich die Droge genommen hätte - und spürte das in meinem ganzen Körper.

teleschau: Klingt nach einer besonderen Erfahrung ...

McKinnon: Im selben Traum erlebte ich auch noch den Entzug! Wenn man sich so sehr damit beschäftigt, nimmt einen das auf eine spezielle Weise ein.

"Auf verstörende Art war man als Heroinabhängiger hip"

teleschau: Sprachen Sie zum Thema Drogensucht auch mit Experten?

McKinnon: Wir hatten einen Drogenberater, dem wir einen Tag lang ohne Hemmungen Löcher in den Bauch fragen durften. Der war ein ehemaliger Abhängiger und brachte uns auch bei, wie man sich selbst Spritzen setzt.

teleschau: Wie lief das ab?

McKinnon: Ich hatte zuvor fast schon eine Spritzenphobie - und einen richtigen Ekel davor. Beim Blutabnehmen war ich immer eine richtige Memme. Das musste ich dann überwinden. Der Berater zeigte mir, wie und in welchem Winkel man eine Spritze ansetzt und sich etwas injiziert. Gefüllt mit harmloser Kochsalzlösung natürlich. Beim Dreh selbst benutzten wir dann allerdings stumpfe Nadeln.

teleschau: Glauben Sie, dass eine derart realistische Darstellung in einer Serie zur Drogenaufklärung beitragen kann?

McKinnon: Was die Serie angeht, kann ich das ehrlich gesagt nicht einschätzen. Was ich aber bei der Beschäftigung mit dem Buch mitbekam: Jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, hatte dazu eine ganz persönliche und intime Anekdote. Die eine schlich sich ins Zimmer von ihrem Cousin, um das Buch zu klauen; ein anderer erzählte von einer Bekannten, die es las und danach Heroin probierte. Andere wiederum verstörte es so sehr, dass sie nie Drogen nehmen wollten. Die Geschichte löst ganz unterschiedliche Reaktionen aus - oft sehr emotionale.

teleschau: Zeitweise war "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" das meistgelesene Buch Deutschlands ...

McKinnon: Dass so ein Bericht von so vielen Menschen gelesen wurde, besaß zudem ein sehr politisches Momentum: Dieses Randthema rückte plötzlich in die Mitte der Gesellschaft. Das war vorher anders: Ich lernte Horst Rieck kennen, der damals die Gespräche mit Christiane F. führte und im "Stern" veröffentlichte. Gemeinsam mit Kai Herrmann suchte er einen Verlag, um das Ganze als Buch herauszubringen. Oft hätte es geheißen: Dafür interessiert sich doch niemand.

teleschau: Heute scheinen Drogen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viele konstatieren, dass in Ihrer Generation zumindest MDMA und Co. sehr verbreitet sind. Beobachten Sie das auch?

McKinnon: Laut Statistik haben in Deutschland fast die Hälfte aller Befragten über 18 schon mal illegale Drogen konsumiert. Ich würde sagen, der Umgang mit Drogen ist in meiner Generation recht sorglos. Vielleicht gerade, weil man weiß, dass es die paar schlimmen Drogen gibt, die man nicht nehmen sollte - und dann ist man "fein raus". Heute sind ja gewisse Substanzen modern, die es damals noch gar nicht gab.

teleschau: Wurde Heroin damals sorgloser konsumiert?

McKinnon: Eines darf man nicht vergessen: Zur Zeit von Christiane F. wusste man nicht genau, welche Auswirkungen Heroin-Konsum hat. In den 70er-Jahren gab es all die grässlichen Heroinjunkie-Bilder noch nicht, mit denen wir aufwuchsen. Heroin war in Mode, ein popkulturelles Phänomen. Auf verstörende Art war man als Heroinabhängiger hip.

teleschau: Das lag auch an Stars wie David Bowie, der das damalige Westberlin mal als "Welthauptstadt des Heroins" bezeichnet haben soll. In der Serie kommen er und seine Musik viel vor. Konnten Sie insgesamt mit dem popkulturellen Kontext und der 70er-Jahre-Mode etwas anfangen?

McKinnon: Klar, es machte viel Spaß, im 70er- und 80er-Stil angezogen zu werden. Und Bowie höre ich persönlich auch sehr gern.

"Ich stehe nicht so wahnsinnig gern im Mittelpunkt"

teleschau: In "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" spielen Sie erstmals eine Hauptrolle in einer großen Produktion. Wie fühlt es sich an, im Rampenlicht zu stehen und den Medien Auskunft zu geben?

McKinnon: Auf jeden Fall ein bisschen verrückt. Es ist noch einmal ein ganz anderer Aspekt der Arbeit, den ich in der Form noch nicht kannte.

teleschau: Kann es auch anstrengend sein, die zentrale Figur zu sein?

McKinnon: Ich stehe nicht so wahnsinnig gern im Mittelpunkt. Es ist aber okay, solange es um die Arbeit geht. Aber es war schon eine Herausforderung, Name und Gesicht der Serie zu sein - bereits beim Dreh. So eine Hauptrolle zu bekommen, ist einerseits extrem toll. Andererseits verspürt man einen viel größeren Druck. Man hat das Gefühl, alles hängt an einem selbst. Auch, wenn das natürlich nicht stimmt. Damit musste ich umgehen lernen. Denn natürlich arbeiten ein paar hundert Leute an dem Projekt, und es hängt nicht von mir allein ab, wie es wird.

teleschau: Gibt es erfahrene Vertraute, die Ihnen mit Rat zur Seite stehen?

McKinnon: Ja, ich habe Leute, mit denen ich gern zusammenarbeite. Es gibt zudem einen sehr lieben Freund, mit dem ich an meinen Texten arbeite. Wichtig waren aber auch die fünf anderen, wir unterstützten uns gegenseitig sehr. Wenn einer schlappmachte, haben die anderen ihn mitgetragen. Wir sind alle wirklich gute Freunde geworden - da herrschte eine große Zärtlichkeit untereinander. Es ist ein Geschenk, diese Leute jetzt in meinem Leben zu haben.

teleschau: Sie sagten einmal, dass es noch nicht sicher sei, ob Sie den Schauspielberuf professionell ausüben wollen. Wäre das hiermit nun entschieden?

McKinnon: Ich bin jetzt 21, und ich werde noch viele Dinge in meinem Leben machen. Manche davon werden mit Schauspiel zu tun haben, viele auch nicht. Ich bin da relativ entspannt.

teleschau: Woher schöpfen Sie diese Ruhe?

McKinnon: Die Schauspielerei war nie mein großer Kindheitstraum. Ich bin schon sehr früh eher reingeschlittert. Es macht mir großen Spaß, aber wenn man sich immer wieder davon frei macht, verschafft das eine gewisse Freiheit. Ich versuche, meinen Selbstwert nicht ans Schauspielen und Drehen zu koppeln, und finde es wichtig, sich als Schauspielerin auch dann als wertig zu empfinden, wenn man nicht arbeitet. Sonst geht man kaputt.

teleschau: Was planen Sie in näherer Zukunft?

McKinnon: Ich bin wieder in meine Heimatstadt gezogen, um meine Familie und Freunde öfter sehen zu können. Gerade nehme ich mir eine kleine Auszeit vom Drehen - und will mich auf mein Studium konzentrieren.