"Ich bereue gar nichts"

Man mag es kaum glauben: Iris Berben vollendet in diesem Sommer ihr 70. Lebensjahr. Im Interview spricht die junggebliebene Schauspielerin über einen Geburtstag in Corona-Zeiten, ihre neuen Filme - und die ewige Diskussion um ihr Alter und Aussehen.

Corona hat auch ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eigentlich sollte der runde Geburtstag, wie auch die vorherigen, ein großes Fest werden. Iris Berben, die Grande Dame des deutschen Films, vollendet in diesem denkwürdigen Sommer, am 12. August, tatsächlich schon ihr 70. Lebensjahr - und musste pandemiebedingt alle Partypläne über den Haufen werfen. Alles jedoch lässt sich die Jubilarin nicht vom Virus verderben: Auf eigenen Wunsch empfängt sie die Journalisten persönlich - und mit gebührendem Abstand - in einem Berliner Luxushotel, um ihre beiden neuen Filme vorzustellen. Zum Ehrentag hat ihr das Erste mit "Mein Altweibersommer" (Mittwoch, 12.8. 20.15 Uhr) ein liebevolles Best-Ager-Drama gewidmet, im Zweiten spielt Berben unter dem Titel "Nicht tot zu kriegen" (Montag, 10.8., 20.15 Uhr) gar eine alternde Filmdiva, die sich wehmütig im früheren Ruhm suhlt - wobei die freche Hommage zahlreiche echte Szenen legendärer Berben-Filme aus den vergangenen Jahrzehnten einbaut. Und dabei gebührend rekapituliert, wie die gebürtige Düsseldorferin dem deutschen Fernsehen kosmopolitisches Flair, zeitlose Eleganz und selbstironischen Humor verlieh. Doch wie sieht sich die Post-68er-Ikone selbst, wenn sie ihr früheres Ich anschaut? Ein Gespräch über Selbstbilder und den Blick von außen, über jährliche Preise, Corona und die ewige Diskussion um ihr Alter und Aussehen.

teleschau: Wie fühlt es sich für Sie an, nach der langen Corona-Pause wieder unterwegs zu sein und über Ihre neuen Filme "Nicht tot zu kriegen" und "Mein Altweibersommer" zu sprechen?

Iris Berben: Zum einen ist es schön, dass ich einen Teil meines Berufs wieder ausüben kann - für meine Filme zu werben und mit Leuten in Kontakt zu kommen. Zum anderen kann man sich zumindest ein bisschen in der Illusion wiegen, dass es weitergeht. Wir wissen alle, dass es noch lange dauern wird und wir unter anderen Umständen werden arbeiten müssen.

teleschau: Sie sind eine unter normalen Verhältnissen sehr beschäftigte und aktive Frau. Wie haben Sie denn die vergangenen Monate verbracht?

Berben: Fragen Sie lieber nicht (lacht)! Ich habe sämtliche Serien durchgestreamt, außerdem lese ich sehr gerne. Dadurch tauchte ich in so viele andere Welten ein - das tut mir gut. Ein paar Lesungen sowie Produktionen für Kinder gab es aber auch, zudem einen Spot für Flüchtlinge mit den Vereinten Nationen. Es war gut, ein paar Aufgaben zu haben. Umso mehr ist mir jedoch klargeworden, wie sehr die Kultur und die Kunst fehlen.

"Das Geplante ist nicht möglich, also haken wir das ab"

teleschau: Immerhin brachte die ansonsten brachliegende Szene neue Formen der Kultur im Netz hervor. Kann man daraus zumindest etwas Positives ziehen?

Berben: Es war wunderbar zu beobachten, welche neuen Wege und kreativen Möglichkeiten in dieser Zeit entdeckt wurden. Man hatte das Gefühl, dass eine Hemmschwelle durchbrochen wurde, dass Menschen sich auch für Formen von Kultur öffnen, vor denen vorher ein wenig Scheu herrschte. Das fand ich spannend, aber es darf nicht die Norm werden. Denn man weiß, was dabei alles auf der Strecke bleibt.

teleschau: Apropos: Mussten Sie hinsichtlich Ihres 70. Geburtstages in diesem Jahr viel umplanen oder absagen?

Berben: Absolut, ja. Es sollte ein Fest sein. Ich bin schließlich vom Sternzeichen Löwe, und das mit allen Konsequenzen. Das heißt, ich feier gerne - vor allem aber, weil ich es schön finde, Menschen um mich herum zu haben, die gute Begleiter meines Lebens sind. Den 50. und den 60. feierte ich groß. Diesmal ist das anders: An meinem 70. Geburtstag drehe ich.

teleschau: Sie wollen an Ihrem Ehrentag arbeiten?

Berben: Ich habe mir in den Vertrag reinschreiben lassen, dass ich am 12. August nicht arbeite. Meinen Geburtstag werde ich frei gestalten: Vielleicht sitze ich da alleine - und das wird mich nicht traurig machen, weil ich in meinem Leben schon so viel gefeiert habe. Dann denke ich darüber nach, was für ein tolles Leben ich bis jetzt hatte. Dieses Jahr wird Freestyle. Ich schaue, was so kommt und mache mir keinen Druck.

teleschau: Sich weniger Druck zu machen: Das sahen einige auch als Chance während der Corona-Pandemie ...

Berben: Ja, das Geplante ist nicht möglich, also haken wir das ab und widmen uns dem Neuen. So ist doch auch unser Leben. Besser, so damit umzugehen, als zu viel Energie in Trauer zu stecken.

"Es gibt nichts, was ich anders gemacht hätte"

teleschau: Das Erste und das ZDF widmen Ihnen zum Geburtstag jeweils einen Film. Die ZDF-Produktion ""Nicht tot zu kriegen" handelt von einer Schauspielerin, die sich wehmütig Ausschnitte aus ihren alten Rollen anschaut. Es handelt sich dabei um echte Szenen aus Ihren früheren Filmen. Haben Sie sich schon zuvor manchmal ältere Produktionen angeschaut, in denen Sie mitspielten?

Berben: Das habe ich so nie gemacht. Ich würde nie auf die Idee kommen, einen alten Film rauszuholen, um mir anzuschauen, wie ich mit 40 oder 20 gespielt habe. Allerdings schaue ich mir meine Arbeit sehr intensiv an, kurz nachdem ich gedreht habe. Das Resultat interessiert mich natürlich.

teleschau: Heißt das, Ihre frühen Filme sahen Sie nun im Rahmen des Drehs zu "Nicht tot zu kriegen" erstmals nach langer Zeit?

Berben: Das war das erste Mal, dass ich wieder Filme mit mir gesehen habe, die 30 oder gar 50 Jahre alt sind. Einiges davon schaute ich gemeinsam mit Regisseurin Nina Grosse, die allerdings viel mehr Ausschnitte sah und bereits vorsortierte. Als sie mich dann bat, selbst nach altem Material Ausschau zu halten, fiel mir die ein oder andere Kassette ein ...

teleschau: Wie war es, das Material zu sichten?

Berben: Manchmal kam ein bisschen Wehmut auf, manchmal dachte ich aber auch: "Na, da hast du dich aber durchgemogelt" oder "Gott sei Dank hast du was dazugelernt" (lacht)! Vor allem wird einem aber bewusst, wie viel Leben man schon gelebt hat, wie viel man gearbeitet hat.

teleschau: Kommen derlei Erinnerungen gerade an einem runden Geburtstag wieder?

Berben: Eigentlich bin ich jemand, der recht analytisch durchs Leben geht. Ich brauche keine Zahl, um die Erinnerungen abzurufen. Das zu hinterfragen, ist sicher meiner 68er-Zeit geschuldet.

teleschau: Inwiefern?

Berben: Diese Zeit hat mich politisiert - und sie gab mir mit, mich den Dingen zu stellen. Deshalb dachte ich nie darüber nach: Was wird sein, wenn? Was in einem bestimmten Alter sein wird, ob ich noch Filme drehen werde. Darüber bin ich auch erstaunt. Gleichzeitig bin ich wütend darüber, dass ich erstaunt bin. Das sollte längst eine Selbstverständlichkeit sein.

teleschau: Bereuen Sie manche Dinge?

Berben: Natürlich hat man dazugelernt. Im Nachhinein haben wir alle mehr Erfahrung und wissen, wie es gehen könnte. Aber in diesem einen Moment, als ich dieses bestimmte Alter hatte, habe ich jene Entscheidung getroffen, zu der ich fähig war. Diese Entscheidungen führten in der Summe dazu, wie ich jetzt bin. Es gibt nichts, was ich anders gemacht hätte. Ich bereue gar nichts.

"Wie geht man mit Alter um, und welche Quintessenzen zieht man daraus?"

teleschau: In den beiden Filmen, die das Erste und Zweite um Ihren Geburtstag zeigen, geht es um zwei sehr unterschiedliche Frauenfiguren: Die eine hat ein wildes Leben hinter sich, die andere glaubt, etwas vom Leben verpasst zu haben.

Berben: Da ist einerseits, bei Simone in "Nicht tot zu kriegen", die Sehnsucht danach, noch gesehen zu werden, und die Frage, was das Alter mit dir macht. Es ist ja tatsächlich so, dass man als Frau oft einfach verschwindet. Bei Ebba im "Mein Altweibersommer" herrscht aber ebenfalls eine Sehnsucht.

teleschau: In "Mein Altweibersommer" spielen Sie eine Frau, der es eigentlich gut geht. Und doch sucht sie nach mehr.

Berben: Die Partnerschaft funktioniert, die Tochter ist aus dem Haus, sie hat sich noch einmal in eine neue Arbeit gestürzt. Obwohl alles gut ist, fragt sie sich, ob in ihr irgendetwas schlummert, das sie noch nicht kennt. Diese Fragen in ihr lauten: Ist es das? Ist da etwas, das geweckt werden will, das ein anderer vielleicht sieht? Es geht, wie bei Simone, um die Suche, um das Gesehenwerden und Dabeibleiben. Und: Wie geht man mit Alter um, und welche Quintessenzen zieht man daraus? Drehbuchautorin Beate Langemaack hat eine unglaubliche Feinheit für die Figuren, die sie schafft - das sieht man auch an Ebba. Das fand ich toll.

"Es reichen die Abgründe, die ich selbst in mir sehe"

teleschau: Die Frage nach dem Alter kommt bei Ihnen seit Jahren auf. Nervt es, dazu immer Stellung beziehen zu müssen?

Berben: Ich versuche, das möglichst souverän und lustig zu beantworten, manchmal vielleicht etwas genervt. Ich weiß auch, dass ich längst nicht mehr auf ein Äußeres reduziert werde. Aber: Als junge Frau war ich zu hübsch, heute bin ich als alte Frau immer noch zu attraktiv (lacht), was für ein Problem. Da heißt es dann: Was ist ihr Geheimnis? Oder: Wie macht sie das?

teleschau: Als Projektionsfläche gelten Sie noch immer ...

Berben: Dabei spare ich ja nicht daran, im Film das gelebte Leben zu zeigen - das sieht man nun auch wieder bei beiden Figuren. Immer wieder beweise ich, dass ich kein Problem damit habe, mit dem Alter umzugehen. Das ist für andere viel wichtiger als für mich.

teleschau: Haben Sie für sich selbst Strategien entwickelt, mit jenem Blick von außen zurechtzukommen?

Berben: Es gibt Schlimmeres, mit dem man umgehen lernen muss. Solange ich meine Vorstellungen umsetzen kann und ich von tollen Menschen umgeben bin, kann ich gut damit leben. Manchmal ist es auch witzig. In einer Frauenzeitschrift stand neulich: "Wie macht sie es, seit 30 Jahren wie 45 auszusehen?" Daraufhin rechnete ich mal nach - eine klare Beleidigung (lacht)! Da hätte ich fast einen Leserbrief geschrieben.

teleschau: Geehrt werden Sie indes allerorten. Ist Ihnen bewusst, dass Sie seit 20 Jahren durchgehend jährlich mindestens einen Preis erhalten haben?

Berben: Ja, aber: Davor war ich bestimmt schon 25 Jahre in diesem Beruf - und hatte keinen einzigen Preis bekommen. Da kamen die Gedanken: Genügt man nicht, schafft man es nicht? Damals sagte mir ein guter Bekannter: "Ihre Zeit kommt noch, darüber dürfen Sie nicht nachdenken". Als dann die ganzen Preise kamen, schrieb er mir immer: "Na, genug jetzt?" (lacht).

teleschau: In diesem Jahr sind es unter anderem die Goldene Kamera, der Grimme-Preis, der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen sowie der "Orden wider den tierischen Ernst" vom Aachener Karnevalsverein. Schauspiel, Engagement, Humor - spiegelt sich in dieser Dreiteilung Ihr professionelles Leben?

Berben: Ich habe ja nicht die Möglichkeit, mich so zu sehen, wie mich die Außenwelt sieht. Das ist auch vielleicht besser so, es reichen die Abgründe, die ich selbst in mir sehe (lacht). Der Verdienstorden, den ich ja auch vom Land Bayern bekam, hängt sicher mit der Beständigkeit in gewissen politischen Fragen zusammen. Ich weiß das einzuschätzen: So ein Orden hat sehr viel mehr damit zu tun, auf Themen aufmerksam zu machen.

"Natürlich bin ich wütend"

teleschau: Ärgert es Sie als jemand, der sich seit Jahrzehnten gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung engagiert, dass dies heute dringlicher denn je ist?

Berben: Natürlich bin ich wütend. Seit 40 Jahren widme ich mich diesem Thema - und hätte gedacht, dass das irgendwann mal abgebaut werden würde. Heute müssen wir mehr denn je viele, viele Komplizen finden, die uns unterstützen. Das macht zwar wütend - aber nicht müde, sondern sehr wach.

teleschau: Auch der Karnevalsorden zielte darauf, dass Sie nicht aufgehört haben, mit Humor den Finger immer wieder in die Wunde zu legen. Welche Beziehung haben Sie denn zum Karneval?

Berben: Damit habe ich nur insofern zu tun, als dass mein Vater Düsseldorfer ist. Ich habe Fotos von meinem Vater bei Karnevalssitzungen. Beim Karneval denke ich immer ans Verkleiden. Und ich verkleide mich ja mindestens 90 Tage im Jahr, wenn man so will. Auch angesichts der meiner Preisträger-Vorgänger, etwa Helmut Schmidt, freute mich sehr, wie mein Leben bei der Ordensverleihung interpretiert wurde - auch wenn ich mich fragte, ob ich dem gerecht werde.

teleschau: Wie ist es bei den Filmpreisen?

Berben: Die "Goldene Kamera" ist sicher nah an Dominik Grafs Film "Hanne", dessen Drehbuchautorin Beate Langmaack auch "Mein Altweibersommer" schrieb. Das war noch einmal eine Markierung in meinem beruflichen Leben. Endlich existieren nun Möglichkeiten, die Geschichten solcher Frauen zu erzählen. Und: Die "Goldene Kamera" war mein allererster Preis überhaupt - damals mit Diether Krebs für "Sketchup". Auch wenn es damals nur die "Bronzene" war (acht). Ich fand das schön, dass sich da so ein Kreis schließt.