"Ich hatte das Gefühl, ich schulde es Chester"

Mit Linkin Park wurde Chester Bennington berühmt, seine ersten musikalischen Gehversuche aber machte er mit der Band Grey Daze. Drei Jahre nach Benningtons Tod veröffentlichen seine einstigen Kollegen Neuaufnahmen alter Songs. Dabei ging es nicht ums Abkassieren, wie Schlagzeuger Sean Dowdell verrät, sondern vielmehr darum, Frieden zu schließen.

Am 20. Juli 2017 wurde Chester Bennington tot in seinem Haus bei Los Angeles gefunden. Der damals 41-jährige Sänger der US-amerikanischen Nu-Metal-Band Linkin Park hatte den Freitod gewählt. Bennington hinterließ seine Frau und sechs Kinder. Die Musikwelt war geschockt. Fast genau drei Jahre später erscheint nun posthum ein neues Album mit Benningtons Gesang: "Amends" enthält neu eingespielte Songs seiner ersten Band Grey Daze. Abkassieren auf dem Rücken eines Toten? Nein, darum gehe es definitiv nicht, sagt Schlagzeuger Sean Dowdell am Telefon. Tatsächlich war die Veröffentlichung dieses Albums schon vor Benningtons Tod geplant. Doch der Reihe nach.

Bennington war gerade einmal 17 Jahre alt, als er Sänger von Grey Daze wurde. "Unser Gitarrist Chris und ich wollten damals unsere erste Band gründen und suchten einen Sänger. Chris meinte, er kenne da diesen Typen, der mit seinem kleinen Bruder Musik macht. Als Chester zur ersten Probe kam, dachte ich, das kann nicht wahr sein", erinnert sich Dowdell. "Er wog 45 oder 50 Kilo, hatte lockige Haare, trug eine Brille - er war der totale Nerd und sah überhaupt nicht aus wie ein Rockstar. Aber dann sang er 'Alive' von Pearl Jam und Mann, der Typ konnte singen! Wir fingen an, zusammen zu proben, und Chester und ich wurden bald enge Freunde."

Grey Daze machten sich in ihrer Heimat Phoenix, Arizona, schnell einen Namen: Ihre Songs wurden im Radio gespielt, sie gaben ausverkaufte Konzerte und ihr selbst veröffentlichtes zweiten Album "... No Sun Today" (1997) verkaufte sich 10.000 Mal. "Unser Bassist Mace hatte damals allerdings ein ziemliches Drogenproblem", erklärt Dowdell. "Eines Tages gerieten wir nach einer Show in einen großen Streit und gingen getrennte Wege." Bennington schloss sich daraufhin der Band Zero an, die sich später in Hybrid Theory umbenannte und später als Linkin Park weltberühmt wurde. "Chester und ich sprachen zwei Jahre nicht miteinander", erinnert sich Dowdell. "2002 wurde bei unserem Gitarristen Bobby dann ein Gehirntumor diagnostiziert, und die Prognose war nicht gut. Als Chester davon hörte, rief er mich an. Wir entschuldigten uns beide und knüpften da an, wo wir aufgehört hatten."

"Wie konnte mir entgehen, dass er sich so fühlte?"

Gemeinsam bauten Dowdell und Bennington die Tattoostudio-Kette "Club Tattoo" auf, und irgendwann hatte Bennington auch wieder Lust, mit seinem alten Kumpel Musik zu machen. "2016 rief er mich an und schlug vor, dass wir Grey Daze wieder zusammenbringen", erzählt Dowdell. "Er meinte, er vermisse es, mit mir zu spielen. Anfang 2017 kündigten wir eine Reunion-Show an und begannen, Songs unserer ersten beiden Alben neu aufzunehmen."

Benningtons Tod wenige Monate später kam für Dowdell völlig überraschend. "Ich wusste, dass Chester seine Dämonen hatte und eine gequälte Seele war. Ich wusste von dem Missbrauch in seiner Kindheit. Aber ich dachte, er hätte all das hinter sich gelassen", sagt er. "Wir hatten gerade eine neue Filiale von 'Club Tattoo' aufgemacht, arbeiteten an einer Klamotten-Linie und der Grey-Daze-Reunion. Ich habe zwei Tage vorher noch mit ihm gesprochen, und es gab keine Anzeichen", erzählt Dowdell. "Aber so etwas lässt sich eben nicht vorhersagen. Man weiß einfach nie, was andere durchmachen. Und natürlich fragt man sich: Was habe ich übersehen? Wie konnte mir entgehen, dass er sich so fühlte? Warum habe ich meinen Freund im Stich gelassen?" Etwa ein halbes Jahr nach Benningtons Tod zog Dowdell erstmals in Erwägung, das Projekt Grey Daze trotzdem fortzuführen. "An einen Plattenvertrag oder Radioplay dachte ich damals nicht. Ich wollte zu Ende bringen, was ich mit einem Freund begonnen hatte", sagt er. "Ich hatte das Gefühl, ich schulde es Chester."

Zweieinhalb Jahre arbeitete die Band an der Platte. Von den Original-Aufnahmen blieb nur Benningtons Gesang übrig - aufgenommen, als er 17 beziehungsweise 21 Jahre alt war. Die Musik dazu spielten Grey Daze (ohne Gitarrist Bobby Benish, der 2004 verstarb) komplett neu ein. "Unser Ziel war es, Chester und seine Stimme in den Vordergrund zu stellen - und nicht etwa ein cooles Gitarren- oder Schlagzeugsolo. Es sollte klingen wie sein Soloalbum", erläutert Dowdell die musikalische Ausrichtung von "Amends". "Wir wählten elf Songs aus, von denen wir das Gefühl hatten, dass sie ein gemeinsames Thema haben, und zwar Traurigkeit, Angst, Wut." Stilistisch sind die Songs eindeutig in den 90-ern verwurzelt, doch die Produktion klingt modern.

"Einen neuen Sänger zu suchen, kann ich mir nicht vorstellen"

Zu den Aufnahmen luden Grey Daze zahlreiche Gastmusiker ein, mit denen Bennington befreundet war. Neben Brian "Head" Welch und James "Munky" Shaffer von Korn sind auf "Amends" auch Page Hamilton (Helmet), Jasen Rauch (Breaking Benjamin), Ryan Shuck (Orgy), Marcos Curiel (P.O.D.), Chris Traynor (Bush) und die Sängerin LP zu hören. Außerdem steuerte Benningtons Sohn Jamie die Backingvocals für den Titel "Soul Song" bei. "Für mich und die Jungs ist dieses Album eine Art Wiedergutmachung. Deswegen heißt es auch 'Amends'", erklärt Dowdell. "Für uns war es ein Weg, mit dem, was passiert ist, abzuschließen."

Dass es trotzdem Leute geben wird, die die Veröffentlichung als Geldmacherei verurteilen, ist Dowdell bewusst - aber auch herzlich egal. "Ich bin Multimillionär. Ich hatte mehr Geld als Chester, als er starb. Ich habe 120.000 Dollar in dieses Album gesteckt, ich mache das nicht für Geld", sagt er. "Jeder, der das denkt, da bin ich ganz ehrlich, kann sich verpissen. Leute, die so etwas sagen, haben keine Ahnung, wovon sie reden. Chester war mein bester Freund."

Ein Teil der Albumerlöse soll an Benningtons Kinder gehen. Und wie geht es für Grey Daze weiter? Hat die Band eine Zukunft? "Mal sehen, wie das Album angenommen wird. Falls die Leute Spaß daran haben, hätten wir auf jeden Fall noch genug Material für ein weiteres Album, wenn nicht sogar zwei", verrät Dowdell. "Aber da habe ich keine Eile. Einen neuen Sänger zu suchen, kann ich mir nicht vorstellen. Das fühlt sich nicht richtig an. Aber da wir ständig gefragt werden, ob wir auch live spielen: Vielleicht machen wir ein paar Shows mit Gastsängern, eine Art Tribut an Chester."