• Corona-News
  • Sachsen
  • Chemnitz
  • Erzgebirge
  • Mittelsachsen
  • Vogtland
  • Westsachsen

"Ich konnte nicht eine Drogensüchtige nach der anderen spielen"

Im historischen ARD-Dreiteiler "Ein Hauch von Amerika" spielt die 27-jährige Elisa Schlott eine junge Deutsche, die sich kurz nach dem Krieg in einen schwarzen amerikanischen Soldaten verliebt. Eine heikle Beziehung, die selbst gegenwärtige Fremdenfeindlichkeit ein Stück weit erklären hilft.

Elisa Schlott spielt, seit sie zwölf ist. Erst waren es Kinderrollen, dann wuchs die blonde Berlinerin ziemlich wuchtig in große und von der Kritik hochgelobte Hauptrollen hinein. Aufsehen erregte ihr Part in einem "Tatort" von 2014. In "Borowski und der Himmel über Kiel" spielte Elisa Schlott eine junge Drogensüchtige so extrem, aber auch anrührend, dass in der Folgewoche halb Deutschland über sie sprach. Auch mit der Nachkriegszeit, die nun im Dreiteiler "Ein Hauch von Amerika" (ab Mittwoch, 1. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) Thema ist, sammelte die 27-Jährige bereits Erfahrung. Vor anderthalb Jahren war sie in sehr erfolgreichen Literaturverfilmung "Unsere besten Jahre" ebenfalls als junge Deutsche kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. Ein Gespräch über die Probleme deutscher Männer und die Frage, was der Rassismus von damals mit jenem von heute zu tun hat.

teleschau: "Ein Hauch von Amerika" beschreibt das Aufeinanderprallen zweier Kulturen, als hunderttausende US-Soldaten Anfang der 1950er-Jahre in der pfälzischen Provinz stationiert wurden. Was hat Sie am meisten überrascht an diesem Stoff, zu dem es ja auch eine Dokumentation gibt, die Sie selbst eingesprochen haben?

Elisa Schlott: Zunächst hat mich an der Doku beruhigt, dass ich unsere fiktionalen Geschichten dort wiedergefunden habe. Offenbar liegen wir mit unserem Film nahe an der Realität von damals. Dass schwarze GIs aus dem westlichen Nachkriegsdeutschland in die DDR abgehauen sind, um dort zu leben, fand ich zunächst ziemlich unwahrscheinlich. Doch tatsächlich - auch diese Fälle gab es. Anfänglich fühlten sich viele schwarze GIs im westlichen Nachkriegsdeutschland wohl, weil sie dort geachteter und freier leben konnten, als in ihrer Heimat.

teleschau: Und doch hörte der Spaß für deutsche Eltern auf, wenn sich ein Mädchen mit einem Schwarzen einließ, oder?

Elisa Schlott: Ja, so weit ging der Respekt vor den Besatzern oder Befreiern dann doch nicht. Eigentlich bin ich aus Berlin, aber meine Großeltern stammen aus Brandenburg, der ehemaligen russischen Besatzungszone. Doch auch in der DDR hat man gespürt, dass Schwarze von den meisten Leuten weniger respektiert wurden als weiße Menschen. Da hat das System keinen großen Unterschied ausgemacht.

Gab es in der DDR überhaupt Schwarze ...?

teleschau: Ihre Familie kommt aus dem Osten. In der Nachkriegs-DDR dürfte es nur sehr wenige Schwarze gegeben haben ...

Elisa Schlott: Absolut. In unserem familiären Umfeld überhaupt nicht, soweit ich aus Erzählungen weiß. Aber gerade Menschen, die etwas nicht kennen, ängstigen sich davor am meisten - oder haben zumindest größere Vorurteile. Das sieht man ja auch heute. Oft sind jene Orte in Deutschland am fremdenfeindlichsten, wo es besonders wenig Berührungspunkte mit dem vermeintlich "Fremden" gibt.

teleschau: Nach "Unsere wunderbaren Jahre" spielen Sie zum zweiten Mal in einem Mehrteiler über die unmittelbare Nachkriegszeit. Fühlen Sie sich schon als Expertin?

Elisa Schlott: Das sicher nicht, dazu ist der Fokus der beiden Projekte zu unterschiedlich. In "Unsere wunderbaren Jahre" ging es um Kriegsschuld und Wirtschaftswunder. In "Ein Hauch von Amerika" werden die großen politischen Themen der Zeit im Kleinen verhandelt. Wir erzählen am Beispiel der Pfalz den Kosmos jener kleinen Garnisonsstädte, in denen damals Welten aufeinander geprallt sind. Da geht es auch darum, dass Regionen, die sehr rückständig waren, sich plötzlich zu "Boomtowns" entwickelten.

teleschau: Haben Sie abseits des Films Erfahrung mit solchen Orten?

Elisa Schlott: Ja, ich bin aus privaten Gründen öfter in Kaiserslautern gewesen. Ein Ort, der früher eine solche von den Amerikanern geprägte "Boomtown" war. Man merkt richtig, dass in solchen ehemaligen Garnisonsstädten etwas fehlt. Dass da eine ganze Kultur und ein Teil des Stadtbildes einfach verschwunden sind. Zwar kommen noch ein paar Amerikaner von der Ramstein Air Base zum Partymachen in die Stadt - aber das ist wahrscheinlich kein Vergleich zu früher.

"Viele deutsche Männer waren gebrochen"

teleschau: In der Doku zum Dreiteiler fallen aus dem Munde damals junger deutscher Frauen immer wieder Sätze wie: "Die Amerikaner waren so anders als deutsche Männer. Viel aufmerksamer und lockerer." Warum war das so?

Elisa Schlott: Ich denke, der Faschismus, der Krieg und natürlich auch die Niederlage haben natürlich etwas gemacht mit den deutschen Männern. Jeder, der im Krieg war, kommt traumatisiert, verhärtet oder zumindest irgendwie verstört daraus zurück. Viele deutsche Männer waren gebrochen. Das war bei den Amerikanern ein bisschen anders. Sie erlebten zwar auch den Krieg, aber sie sind zu Hause nicht im Faschismus groß geworden, sie kämpften für die Befreiung, und sie haben auch noch gewonnen.

teleschau: Sind deutsche Männer darüber hinaus anders?

Elisa Schlott: Ich würde das nicht nur auf deutsche Männer eingrenzen. Wir Deutsche merken ja auch heute noch, dass wir in vielen Dingen zurückhaltender, ernsthafter und auch teilweise unlockerer sind als viele Menschen aus anderen Ländern. Amerikaner sind meistens lauter. Sie nehmen sich den Raum, sie haben ein anderes Selbstverständnis. Ich glaube, ein bisschen ist das humorlose deutsche Wesen heute immer noch präsent (lacht). Es ist wirklich interessant, wie lange sich so etwas in unserer globalisierten Welt hält.

teleschau: Kommen wir zu Ihnen, Sie spielen schon lange. In "Die Frau vom Checkpoint Charlie" waren sie vor 15 Jahren die Tochter von Veronica Ferres. Fühlen Sie sich schon als deutsches Fernseh-Inventar?

Elisa Schlott: Nein, das klingt jetzt auch nicht nach einem Titel, den ich anstrebe. Ich habe mich mit zwölf Jahren im Internet bei einer Schauspiel-Agentur angemeldet. Es war einfach so eine Idee von mir. Ich hatte Lust, in einem Film mitzuspielen. Da habe ich das gegoogelt.

teleschau: Sie haben sich also eigenmächtig beworben?

Elisa Schlott: Ja, ich habe mich selbst beworben. Irgendwann kam dann die Einladung zu meinem ersten Casting. Und dann ging das immer so weiter ...

"Ich mag es nicht so gern, im Mittelpunkt zu stehen"

teleschau: Zweifelten Sie nie daran, ob das Ihr Weg ist? Gerade dann, wann man in jungen Jahren etwas sehr lange macht, überlegt man doch: "Ach, vielleicht wäre es doch besser, Medizin zu studieren ...?"

Elisa Schlott: Ja, diese Zeit gab es. Vor allem um das Abitur herum, da habe ich eigentlich nicht gedreht. Auch danach zweifelte ich erst mal, ob Schauspielerin ein Job für mich sein könnte. Ich meldete mich dann erst mal für ein Kunstgeschichte-Studium an. Das habe ich zwei Semester gemacht, doch ehrlich gesagt, habe ich mich gelangweilt. Deshalb bewarb ich mich dann doch an Schauspielschulen.

teleschau: Sie studierten in Leipzig Schauspiel und wurden richtig bekannt, als Sie in einem Kieler "Tatort" ein drogensüchtiges Mädchen spielten. Danach waren Sie immer die, die herausragend kaputte Jugendliche geben kann. Eine berufliche Falle?

Elisa Schlott: In unserer Branche gerät man sehr schnell in Schubladen. Wenn man das nicht will, muss man fest gegensteuern. Die "Tatort"-Rolle war toll, weil sie eine Schönheit, aber auch eine dreckige Seite hatte. Als der Film gesendet wurde, war ich gerade an der Schauspielschule und deshalb so ein bisschen raus aus dem Geschäft. Das Gute daran war: Ich konnte nicht eine Drogensüchtige nach der anderen spielen, weil ich mich auf mein Studium konzentrieren musste (lacht).

teleschau: Wie war es als Schauspielschülerin, eine große Hauptrolle im "Tatort" zu spielen, über den sehr viel gesprochen wurde. Waren die anderen auf der Schule neidisch auf Sie?

Elisa Schlott: Die ersten Wochen nach der Ausstrahlung waren etwas unangenehm. "Tatort" schaut gefühlt ganz Deutschland. Ich wurde ständig auf der Straße erkannt und angesprochen. Irgendwann war das dann wieder vorbei.

teleschau: Ist es Ihnen unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen?

Elisa Schlott: Ja, eigentlich schon. Ich mag es nicht so gern.

"Ich will nun erst mal vom historischen Drama weg"

teleschau: Jetzt haben Sie gar nicht auf die Frage geantwortet, wie Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler mit der prominenten Klassenkameradin umgegangen sind.

Elisa Schlott: Das war gar kein Problem. Wir hatten eine coole Klasse und haben übrigens auch den "Tatort" gemeinsam geschaut. Das war in einer Leipziger Bar, die immer solche "Tatort" Public Viewings machte. Es war ein sehr schöner Abend.

teleschau: Und Sie haben einen ausgegeben?

Elisa Schlott: Klar, das gehört dazu (lacht). Neid habe ich damals keinen gespürt. Na klar, es hätte mit einer anderen Klasse auch anders laufen können. Dass man da plötzlich als Außenseiterin und Sonderling hingestellt wird. Ich hatte aber einige Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls schon drehten. Insofern war ich keine absolute Exotin.

teleschau: Die Drogensüchtige haben Sie erfolgreich hinter sich gelassen. Müssen Sie jetzt aufpassen, dass man sie nicht zum deutschen Nachkriegsgesicht erklärt?

Elisa Schlott: Ich würde ein Projekt, das in die gleiche Richtung geht, jetzt erst mal ablehnen. Trotzdem war es toll, in den beiden Dreiteilern Figuren über eine so lange Strecke entwickeln zu dürfen. Die beiden Figuren waren ja auch sehr unterschiedlich und haben sich während des Spielens auch noch deutlich verändert. Wiederholt habe ich mich nicht! Trotzdem will ich nun erst mal vom historischen Drama weg.