"Ich möchte für diese Demokratie kämpfen"

Kinder an die Macht! Anlässlich seines neuen Films "Unheimlich perfekte Freude" erzählt Regisseur Marcus H. Rosenmüller, wieso er die derzeitigen Schulstreiks unterstützt und warum er nur ungern die Schulbank gedrückt hat.

Bei den vielen Filmpremieren, Promotouren und Interviews bräuchte der bayerische Regisseur Marcus H. Rosenmüller - in der Branche wird er liebevoll "Rosi" genannt - gerade selbst einen Doppelgänger. Nach dem packenden Drama um die Torwartlegende "Trautmann" startet jetzt der gelungene Kinderfilm "Unheimlich perfekte Freude" (ab 4. April). Darin schickt ein Zehnjähriger dank eines Zauberspiegels ein scheinbar perfektes Abbild von sich in die Schule, um als Einser-Schüler den Erwartungen von Eltern und Lehrern zu entsprechen. Die Sache hat natürlich mehr als einen Haken. Wie Rosenmüller selbst mit dem Thema Erfolgsdruck umgeht und wann es sich lohnt, mit allen Mitteln für etwas zu kämpfen, erzählt der 45-Jährige Bayer im Interview.

teleschau: Herr Rosenmüller, Sie haben mit "Unheimlich perfekte Freunde" ein Originaldrehbuch der beiden Autorinnen Simone Höfft und Nora Lämmermann verfilmt. Was hat Ihnen an der Geschichte gefallen?

Marcus H. Rosenmüller: Die Schule übt heute so einen Druck aus, dass die Kinder immer weniger Freizeit haben und immer uniformierter werden, um zu funktionieren. Das setzt sich bei den Erwachsenen fort, denn wer nicht mitmalocht, befürchtet, ausgesiebt zu werden. Dabei gehen die Freude am Sein im Jetzt, die Gaudi und Abenteuerlust verloren. Dinge eben, die in diesem System scheinbar nicht sinnvoll, aber vielleicht gerade deshalb sinnvoll fürs Gemüt sind. Ein Beispiel dafür ist ein wichtiger Sehnsuchtsort im Film, das stillgelegte Erlebnisbad Alpamare in Bad Tölz, in dem ich als Kind noch schöne Stunden verbracht habe.

teleschau: Was hat es damit auf sich?

Rosenmüller: Das Bad hat wirtschaftlich nicht funktioniert und wurde aussortiert. So geht das. Was sich nicht rentiert, muss weg, egal ob es eine wichtige Lücke füllt und Freude bringt. Natürlich geht es nicht immer so schwarz-weiß zu. Aber man muss schon aufpassen und dafür sorgen, dass Orte, die Freiheit bieten, nicht verloren gehen. In München sollte der Bolzplatz an der Glockenbachwerkstatt auch verschwinden. Dabei gibt es nichts Wertvolleres für Kinder als Orte, wo man laut sein und mit dem Ball rumbolzen darf. Eigentlich unglaublich, dass man umso etwas kämpfen musste.

teleschau: Sie selbst sind auf dem Land im bayerischen Hausham groß geworden. War es da anders?

Rosenmüller: Wir hatten schon viel Platz. Aber wenn ich mir das heute anschaue, sind nahezu alle Fußballplätze und Wiesen, auf denen ich gespielt habe, verbaut worden.

teleschau: Wie haben Sie als bayerischer Schüler den Druck erlebt?

Rosenmüller: Von zu Hause gab es gar keinen Druck. Und auch mit den Lehrern am Gymnasium hatte ich Glück, die waren mit wenigen Ausnahmen lustig und freundlich. Aber ich bin trotzdem nicht gern in die Schule gegangen und hab mich nicht für den Schulstoff interessiert. Das lag sicherlich viel an mir, aber auch am Lehrplan: Bei uns ging es mehr um das Auswendiglernen von Jahreszahlen als um das Emotionale hinter den Zahlen. Ich habe Schule nur als Pflicht, nicht als Chance gesehen. Das Interesse an den Inhalten kam leider erst später.

teleschau: Erfolgsdruck kann man auch als Erwachsener haben. Wie erleben Sie das als Regisseur?

Rosenmüller: Der Erfolg an der Kinokasse ist wichtig für mich, um neue Projekte zu finanzieren. Wenn zwei Filme hintereinander nicht laufen, kann das viel schwerer werden. Beim Drehen oder der Auswahl eines Drehbuchs ist aber mein Interesse an einer Geschichte wichtiger als die Überlegung, ob der Film später ein großes Publikum erreichen kann. Aber natürlich freut es mich, wenn der Film vielen gefällt.

"Ich finde es toll, dass die Kinder aktiv werden"

teleschau: Jetzt sind Sie selbst ein Lehrender als Professor an der Münchner Filmhochschule. Was wollen Sie den Studenten vermitteln?

Rosenmüller: Ich mache mir mit ihnen Gedanken über das Erzählen im Film. Die wichtigste Frage für mich ist dabei: Kommt am Ende das heraus, was ich auf der Leinwand sehen wollte? Und wenn nicht, warum ist das so - und stört mich das? Es gibt viele Wege, attraktive Filme für die Zuschauer zu inszenieren. Gut funktioniert dabei Individuelles, das mit dem Filmemacher in einer Verbindung steht und neue Blicke auf ein Thema ermöglicht.

teleschau: Das erinnert ein bisschen an Sie selbst und Filme wie "Wer früher stirbt ist länger tot" und andere Werke mit bayerischem Hintergrund ...

Rosenmüller: Wenn ich Drehbücher selber schreibe, spielt der Dialekt natürlich eine Rolle, dann ist die Sprache für mich authentisch und geerdet. Und bei manchen Filmen hat es gerade gut gepasst zum Thema. Der Heimatgedanke war mir aber nie so wichtig, das ist eher ein Beiwerk.

teleschau: In ihrem letzten Film "Trautmann" (läuft derzeit noch in den Kinos, d. Red.) haben Sie sich dann ja auch ganz weit vom "Neuen Heimatfilm" entfernt und ein Plädoyer gegen Hass und Vorurteile gedreht.

Rosenmüller: Dieser Film ist für mich eine Parabel dafür, dass sich Vorurteile durch individuelle Begegnungen abstellen lassen. Jeder ist als Person dafür verantwortlich, wie man von den anderen gesehen wird und wie die Gesellschaft, in der wir leben, aussieht. Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, über den Film nachzudenken, war uns nicht klar, wie fragil unsere freie Gesellschaft ist. Umso mehr ist es wichtig, zu kapieren, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, in so einer Gesellschaft zu leben. Ich möchte für diese Demokratie kämpfen und nicht die anderen Kräfte wieder ran lassen.

teleschau: Politische Aktionen wie die Schulstreik für mehr Klimaschutz finden also Ihre Zustimmung?

Rosenmüller: Auf jeden Fall. Ich habe kürzlich bei einer Veranstaltung eine Politikerin sagen hören: "Warum muss denn heute alles so politisch sein?" Da sage ich nur: Es muss so sein, da wir das Gefühl haben, dass die Politiker leider den Lobbyisten zu hörig sind und Sachen nicht umgesetzt werden, obwohl in unserer Gesellschaft jeder klar sieht, dass hier etwas unternommen werden muss. Ich finde es toll, dass die Kinder aktiv werden, wenn da von den Erwachsenen nichts kommt.