"Ich war erschöpft und ausgebrannt"

Nach mehr als drei Jahrzehnten vor der Kamera hatte Naomie Harris die Lust an der Schauspielerei verloren. Doch dann bekam die Britin eine Rolle, die sie nicht ablehnen konnte.

Nach mehr als drei Jahrzehnten vor der Kamera hatte Naomie Harris die Lust an der Schauspielerei verloren. Doch dann bekam die Britin eine Rolle, die sie nicht ablehnen konnte.

Seit ihrem neunten Lebensjahr arbeitet Naomie Harris als Schauspielerin. Aber erst 2012, als die Britin als Miss Moneypenny im James-Bond-Film "Skyfall" zu sehen war, gelang ihr auch der internationale Durchbruch. Eine Hauptrolle spielt sie aber erst jetzt: In "Black and Blue" (Kinostart: 14. November) verkörpert die 43-Jährige eine Polizistin, die sich gegen korrupte Kollegen zur Wehr setzen muss. Im Interview in New York erzählt Naomie Harris, warum sie für diesen Film ihre Auszeit von der Schauspielerei unterbrach - und warum sie nie ein Bond-Girl spielen würde.

teleschau: Sie haben sich zuletzt eine längere Auszeit von der Filmbranche genommen. Wieso?

Naomie Harris: Ich bin seit meinem neunten Lebensjahr Schauspielerin und hatte noch nie einen anderen Job. Ich bin quasi seit knapp drei Jahrzehnten in der Filmbranche tätig und hatte das Gefühl, dass ich schlichtweg eine Pause brauchte. Um ganz ehrlich zu sein: Ich war erschöpft und ausgebrannt.

teleschau: Was war passiert?

Harris: Einen Film zu drehen ist harte Arbeit. Doch damit ist es ja noch nicht getan. Hinterher muss man den Film monatelang promoten, dann kommt die Award-Saison, rote Teppiche und der ganze Glamour drumherum - das ist nicht der Grund, wieso ich Schauspielerin geworden bin. Klar gehört es zu meinem Job, aber diese Veranstaltungen laugen einen aus. Ich bin eher schüchtern als kontaktfreudig. Ich wünschte, ich hätte einen Zwilling, der für mich die Interviews machen und zu Filmpremieren gehen könnte (lacht). Dann würde ich mich nur um meinen eigentlichen Beruf, die Schauspielerei, kümmern. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige Schauspielerin bin, die sich das wünscht.

teleschau: Für "Black and Blue" haben Sie Ihre Auszeit unterbrochen.

Harris: Ich hatte mein Management-Team gebeten, mir ein ganzes Jahr freizuhalten. Acht Monate später kontaktierten sie mich trotzdem, um mir von dem Drehbuch zu "Black and Blue" vorzuschwärmen. Obwohl ich mich zuerst dagegen wehrte, da ich ja theoretisch noch vier Monate Urlaub hatte, haben sie mich vom Gegenteil überzeugt. Zum Glück! Denn in dem Moment, in dem ich das Drehbuch in den Händen hielt, wurde mir sofort klar, dass ich genau von dieser Rolle seit dem Beginn meiner Karriere geträumt habe: eine Frau in der Hauptrolle, die nicht wegen ihres Aussehens oder ihrer Reize glänzt, sondern aufgrund ihrer moralischen Stärke und ihres Mutes. Solche Rollenangebote gibt es nicht viele.

teleschau: War das Ihnen als farbiger Frau besonders wichtig?

Harris: Bevor ich eine Rolle annehme, denke ich immer über diesen Aspekt nach. Mir ist es wichtig, farbige Frauen in einem positiven Licht darzustellen. Ich finde, dass Frauen im Generellen, aber vor allem farbige Frauen, in der Filmbranche noch immer unterrepräsentiert sind. Genau das versuche ich zu ändern, soweit ich die Macht dazu habe. Ich wurde von einer starken, unabhängigen, äußerst intelligenten farbigen Frau erzogen, die unter Frauen aufwuchs, die so waren sie wie. Aber weder im Fernsehen noch im Kino bekamen wir solche Frauen zu sehen. Irgendwie fühle ich mich dazu auserkoren, diesen Job zu übernehmen, um genau dafür zu sorgen. Meine Mutter hat mir dabei sehr geholfen. Sie sagte zu mir: "Verkaufe dich nie unter Wert und versuche nie eine Rolle anzunehmen, an die du nicht glaubst!"

teleschau: Verlangen Sie mittlerweile in Hollywood das gleiche Gehalt wie Ihre männlichen Kollegen?

Harris: Um ehrlich zu sein, kümmere ich mich überhaupt nicht darum und weiß auch nicht, wer wie viel verdient. Ich denke, es war purer Zufall, dass Jennifer Lawrence, von der die Debatte ausging, überhaupt herausgefunden hat, wie viel ihre männlichen Kollegen bekamen. Jemand hat etwas ausgeplaudert, das er nicht hätte verraten dürfen, ansonsten würden wir das nie wissen. Ich habe noch nie die Frage gestellt, was mein Co-Darsteller verdient. Aber ich möchte betonten, dass meine Agenten Frauen sind und sehr stark an Gleichberechtigung glauben. Ihnen vertraue darauf, dass sie dafür kämpfen, dass ich angemessen bezahlt werde.

Keine Lust auf Bond-Girl

teleschau: In "Black and Blue" spielen Sie nun Ihre erste Hauptrolle. Wieso hat das so lange gedauert?

Harris: Weil ich bisher nie einen Film allein tragen wollte. Ich hatte Angst vor dieser Last und vor dem Druck, für das Abschneiden des Films an den Kinokassen verantwortlich zu sein. Außerdem bin ich dann in jeder Szene zu sehen und muss jeden Tag zum Set - ich war mir nicht sicher, ob ich das wollte. Ich habe festgestellt, dass die gesamte Filmindustrie ein gewaltiges Adrenalin-Geschäft ist. Immer im Stress und immer unter Druck. Genau aus diesem Grund habe ich Hauptrollen immer abgelehnt, aber bei diesem Film konnte ich nicht anders.

teleschau: Hat Ihnen Ihre Auszeit dabei geholfen?

Harris: Ich glaube ja. Ich war nicht mehr verliebt in meine Arbeit, nicht mehr verliebt in diese Branche. Diese acht Monate haben mir die Augen wieder geöffnet und mir die Liebe für meinen Job zurückgegeben (lacht). Schauspielerin zu sein ist mein Schicksal.

teleschau: Seit "Skyfall" spielen Sie in allen James-Bond-Filmen die Rolle der Miss Moneypenny. Was ist der größte Unterschied zu kleineren Produktionen wie "Black and Blue"?

Harris: Das Geld (lacht)! Bei einem Film mit kleinerem Budget kann ich als Schauspielerin meine Ideen mit einfließen lassen. Je größer der Film, desto kleiner das Mitspracherecht. Hinter James Bond steckt eine riesige Produktion, überwältigend groß.

teleschau: An "Keine Zeit zu sterben", dem 25. Bond-Film, sind diesmal besonders viele Frauen beteiligt ...

Harris: Das Drehbuch wurde wieder vor allem von Robert Wade und Neal Purvis geschrieben. Pheobe Waller-Bridge war allerdings diesmal auch dabei und hat dem ganzen noch einen weiblichen Schliff gegeben. Natürlich hilft es auch, eine Produzentin, Barbara Broccoli, mit im Boot zu haben.

teleschau: Wie kam Sie eigentlich zur Rolle der Miss Moneypenny?

Harris: Ich muss gestehen, dass ich mich extrem darüber gefreut habe, als ich zum Vorsprechen für "Skyfall" eingeladen wurde, gleichzeitig aber auch gemischte Gefühle hatte, weil ich dachte: "Ich bin kein typisches Bond-Girl". So eine Rolle hätte ich nie mit mir vereinbaren können. Als ich dann erfuhr, dass ich gar kein Bond-Girl, sondern Miss Moneypenny verkörpern sollte, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Ich wollte die ganze Welt umarmen. Irgendwann war mit dann auch klar: Miss Moneypenny stirbt nicht in "Skyfall", was für mich bedeutete, dass ich fester Teil der Bond-Filme werden würde. Ich konnte mein Glück wochenlang gar nicht fassen!