Im Alter, da perlen die Synthesizer

Hört man das neue Album des 80er-Jahre-Kultsongwriters Lloyd Cole, könnte man denken, die Pet Shop Boys hätten sich mal wieder zu einem neuen Hit-Track zusammengefunden. Aber stand Cole nicht für 1a-Lyrik zu Indiegitarren, Folk und Rock'n'Roll? Was ist passiert?

Mit "Rattlesnakes" veröffentlichten Lloyd Cole und seine Band The Commotions 1984 ein Debütalbum, das bis heute als eines der besten der 80er-Jahre gefeiert wird. Der Engländer sang schon als damals 23-Jähriger Texte, die lyrisch so ausgefeilt, wortreich, aber auch zweifelnd waren, dass man ihm sein junges Alter kaum abnehmen wollte. Was wird aus so jemandem - im Alter? Zunächst einmal ein liebevoller Familienvater. Seit fast 30 Jahren lebt Lloyd Cole an der amerikanischen Ostküste. Mit seiner Frau hat er zwei Söhne großgezogen. Die sind inzwischen erwachsen, und die Eltern dürften wieder alleine zu Hause sitzen. Einige Songs auf dem neuen Album "Guesswork" scheinen von diesem "empty nest" zu erzählen. Sie sind ein wenig traurig, aber auch liebevoll, stolz und nachdenklich. So kennt man den kultivierten Grübler Llyod Cole.

Alte Fans dürfte jedoch das Soundgewand verblüffen, das Cole für sein erstes Songwriter-Werk seit 2013 wählte: sparsamer Synthie-Pop, der so retro klingt, als wäre er eine verlorene 80er-Aufnahme von den The Human League oder Tears for Fears. Für Lloyd Cole, den großen Kraftwerk-Fan, der in seinem Dachboden-Studio in Massachusetts ein Jahr lang einsam an den Synthesizern für das Album schraubte, ist dieser Sound einer, von dem er lange träumte. Eigentlich, so sagt er, habe er schon zu Beginn seiner Karriere elektronische Musik machen wollen, aber für seine Band The Commotions empfahl sich dann doch ein Gitarren-Modell, weil sie so gemeinsam am besten klangen.

Kein lustiger 80er-Jahre-Pop

Nun hat Cole sich also mit 58 Jahren den Traum eines Synthie-Popalbums erfüllt, und beim oberflächlichen Hören kann man "Guesswork" leicht unterschätzen. Auf sphärischen Alters-Elegien wie "The Over Under" oder "The Afterlife" ist Cole textlich schlichtweg brillant. Er seziert Lebenserfahrungen und Entwürfe und dichtet zu sparsamen Elektronik-Klängen erstaunliche Erkenntnisse: "Your guess, I guess / Is as good as mine / We could pool together / And be half right all of the time". Es sind Texte, die eine reife Liebe feiern, nachdem die Kinder aus dem Haus sind. Und eine Sicht auf das Leben, welche die Schönheit der Ungewissheit akzeptiert. Wissen wir denn mehr, wenn wie älter werden, oder spekulieren wir einfach nur weiter?

"Ich glaube", sagt Lloyd Cole im Interview, "wir häufen mehr Daten an. Und wir haben mehr, über das wir uns Gedanken machen. Aber es wird immer schwerer mit dem Alter, zu eindeutigen Antworten zu gelangen. Also ja, da ist mehr 'Guesswork'". Bei weitem nicht alle der acht neuen Lloyd-Cole-Songs klingen synthetisch-elegisch. Im Gegenteil: Ein Ohrwurmtitel wie das sehr Pet-Shop-Boys-artige Stück "Violins" oder der großartige Song "Night Sweets" bestehen aus perlenden Synthesizern, künstlichen Geigen und scheinbar unverrückbar stampfenden Drum-Computern. Man muss schon mitlesen oder -hören, um zu erkennen, dass hier kein lustiger 80er-Jahre-Pop gemacht wird (der damals inhaltlich auch nicht immer lustig war): Das hier sind ernsthafte, diffizile Alters-Überlegungen zum einstigen Sound der Jugend. Stilistisch ist das ziemlich clever, auch wenn es nicht allen alten Fans des "Gitarrenmannes" Lloyd Cole gefallen wird.

Lloyd Cole - Violins