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"Im Kampf gegen Rassismus fehlt es bei FIFA und UEFA an Initiative"

Die Champions League hat ein neues Zuhause: Amazon zeigt ab dieser Saison Spiele der Königsklasse live. Zum Team gehört auch Shary Reeves, die einst Frauen-Bundesliga spielte. Ein Gespräch über Typen im Fußball, rassistische Vorfälle und das besondere Erbe ihrer Mutter.

Mit Shary Reeves ist eine ganze Generation von Fernsehzuschauern aufgewachsen. Als Moderatorin der KIKA-Sendung "Wissen macht Ah!" prägte sie zwischen 2001 und 2017 unzählige Kinder und Jugendliche. Doch die Kölnerin ist so viel mehr. In ihrer Karriere stand sie für die ARD-Soap "Marienhof" vor der Kamera, in den 1990er-Jahren sorgte sie mit ihren Brüdern in der Soulband 4 Reeves für Furore - und nicht zuletzt war Reeves Fußballprofi in der Frauen-Bundesliga und auf dem Sprung in die deutsche Nationalmannschaft. In der neuen Fußballsaison schließt sich dahingehend ein Kreis, wenn die 52-Jährige als Reporterin für Amazon Prime Video in der Champions League im Einsatz ist. Gleich die erste Partie am Dienstag, 14. September, hat es in sich: Der FC Bayern München trifft auf den FC Barcelona. Amazon startet die Berichterstattung um 19.30 Uhr, Reeves ist als Reporterin am Spielfeldrand des Camp Nou im Einsatz.

teleschau: Was erwarten Sie von der neuen Saison in der Königsklasse?

Shary Reeves: Wir haben das große Glück, dass wir vier deutsche Teams dabei haben. Auch wenn ich kein Fan von einer der Mannschaften bin, hoffe ich, dass sie weit kommen - vielleicht sogar bis ins Finale.

teleschau: Auf wen tippen Sie als Champions-League-Sieger?

Reeves: In der Champions League halte ich zu Chelsea, und das wird auch immer so bleiben. Das liegt daran, dass der ehemalige Chelsea-Spieler Claude Makelele einer meiner absoluten Lieblingsspieler war. Deshalb ist der Tipp einfach: Chelsea. Mit Thomas Tuchel als Trainer ist der Titelgewinn nicht so unrealistisch.

teleschau: Sie werden für Amazon sowohl als Moderatorin im Studio als auch als Reporterin im Stadion eingesetzt. Auf welche Gesprächspartner hoffen Sie?

Reeves: Wenn ich mir einen Spieler aussuchen dürfte, wäre es auf jeden Fall Paul Pogba. Ich finde ihn als Typ super und als Spieler genial. Das Tor bei der EM gegen die Schweiz war unglaublich. Und ich weiß auch, dass er während der WM 2018 der Spieler war, der die Kabinenansprachen gemacht hat. Das war maßgeblich ein Grund dafür, dass die Franzosen Weltmeister geworden sind, weil sie als Team ganz eng zusammengehalten haben. Als Typ finde ich Pogba besonders, auch wenn er bei Manchester United als Spieler nicht so glücklich ist. Ich glaube aber, dass er ein sehr großes Herz hat.

teleschau: Vor einigen Jahren haben Sie in einem Interview kritisiert, im Fußball gebe es zu wenig Typen. Wer zählt außer Paul Pogba derzeit für Sie in diese Riege?

Reeves: Virgil van Dijk von Liverpool finde ich sehr interessant. Bei ihm kann ich mich an eine Situation erinnern: Bei einem Spiel der Niederlande gegen Deutschland 2018 pfiff ein Schiedsrichter, der in der Halbzeit vom Tod seiner Mutter erfuhr. Am Ende des Spiels hat der Schiedsrichter geweint, und van Dijk ist als einziger hingegangen und hat ihn in den Arm genommen. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Das ist eine Charaktereigenschaft, die ganz deutlich zeigt, wie menschlich die Spieler sind und wie rücksichtsvoll sie miteinander umgehen. Dieses Bild ist bei mir absolut hängengeblieben.

"Es ist schwierig, sich ständig mit Rassismus auseinanderzusetzen"

teleschau: Gleiches gilt leider auch für die rassistischen Anfeindungen, die die englischen Fehlschützen nach dem EM-Finale ertragen mussten. Wie sehr hat Sie das getroffen?

Reeves: Ich habe im Anschluss in die Black Community reingehört. Jeder einzelne Mensch mit dunkler Hautfarbe, der das Spiel gesehen hat, hatte in dem Moment den gleichen Gedanken: Bitte, lieber Gott, lass ihn diesen Elfmeter verwandeln, weil wir genau wussten, was kommt. Es war dann auch so - und es ist traurig genug, dass man das im Vorfeld schon weiß. Das hat mich nicht sehr überrascht, aber emotional trotzdem sehr getroffen. Am Ende des Tages fragt man sich immer, warum es so ist. Es trägt jemand etwas in mein Leben hinein, wonach ich nicht gefragt habe. Es ist schwierig, sich ständig damit auseinanderzusetzen.

teleschau: Sie setzen sich seit Jahren gegen Rassismus ein. Vor Olympia gab es erneut einen rassistischen Angriff auf den deutschen Spieler Jordan Torunarigha. Spüren Sie manchmal Resignation?

Reeves: Ich persönlich habe es schon als junger Mensch gewusst, dass ich eine große Veränderung nicht mehr erleben werde. Alles, was ich mache, mache ich für die Generationen, die nach mir kommen. Deshalb ist es für mich ganz wichtig, jeden Tag aufzustehen und stark zu bleiben. Ich stamme mütterlicherseits von den Chagga ab - das ist ein Volksstamm aus Tansania. Das sind Businessleute, man nennt sie auch die Aufrechtgehenden.

teleschau: Welche dieser Eigenschaften bemerken Sie an sich?

Reeves: Ich habe eine unfassbare Resilienz von meiner Mutter geerbt. Deswegen ist es für mich klar, jeden Tag aufzustehen und zu kämpfen, wenn es um dieses Thema geht. Es geht leider darum, dass eines Tages jemand die Idee hatte, diesen Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen zu machen. Ich glaube, wichtig dabei bleibt, dass wir versuchen müssen zu verstehen, was die Ursache von Diskriminierung und Rassismus ist und wir uns nicht zu lange mit der Wirkung aufhalten.

"Man muss zeigen, dass man mit Solidarität etwas erreichen kann"

teleschau: Wie bewerten Sie das Handeln von FIFA und UEFA im Kampf gegen Rassismus?

Reeves: Es fehlt an Initiative. Ich finde Anti-Diskriminierungskampagnen gut und wichtig, weil sie aufmerksam machen und zeigen, dass es eine klare Haltung gibt. Aber man muss die Konsequenzen viel deutlicher definieren, denn nur Konsequenzen bringen eine Veränderung. Vielleicht können es die Verantwortlichen bei der FIFA oder UEFA aber auch einfach nicht besser.

teleschau: Was müsste sich ändern?

Reeves: Vielleicht sitzen die entscheidenden Menschen nicht mit am Tisch, wenn Kampagnen geplant werden. Es ist aber total wichtig, Betroffene mit an Bord zu nehmen, die beschreiben können, wo es hakt. So wie es aktuell gehandhabt wird, reicht mir das nicht aus. Mir reicht auch nicht aus, dass die deutsche Mannschaft mit T-Shirts aufläuft, wo Human Rights draufsteht.

teleschau: Gesten wie der Kniefall vor den Spielen oder Leon Goretzkas Herzjubel beim EM-Spiel gegen Ungarn als Symbol für Toleranz sieht man mehr und mehr. Was können solche Gesten bewirken?

Reeves: Ich glaube, dass es immer wichtig ist, dass du Vorbilder hast, die solche Gesten machen. Diese Gesten sind nicht für die verbohrten Leute, sondern für die Menschen, die vielleicht gar nicht wissen, dass das Thema diskutiert wird. Die kann man damit gleich mit auf den richtigen Weg nehmen und ihnen zeigen, dass man mit Solidarität etwas erreichen kann. Es geht darum, dass man gerade bei jungen Menschen schon früh solche Charaktereigenschaften prägt.