König der Ambivalenz

Szenisches Geschichtenerzählen auf der einen Seite, dreckige Bildsprache auf der anderen: Mit seinem 15. Release, einem Doppelalbum, setzt der Berliner Star-Rapper Friedrich Kautz seinen beiden Alter Egos Prinz Pi und Prinz Porno ein ganzheitliches Denkmal.

Szenisches Geschichtenerzählen auf der einen Seite, dreckige Bildsprache auf der anderen: Mit seinem 15. Release, einem Doppelalbum, setzt der Berliner Star-Rapper Friedrich Kautz seinen beiden Alter Egos Prinz Pi und Prinz Porno ein ganzheitliches Denkmal.

Fünf Top-Ten-Alben hat Prinz Pi in seiner über 20-jährigen Karriere schon angesammelt. Dreimal stand er sogar an der Chartspitze. Friedrich Kautz, so sein bürgerlicher Name, ist einer der erfolgreichsten Rapper des Landes. Allerdings hat der studierte Kommunikationsdesigner aus Berlin-Zehlendorf auch eine bewegte Vergangenheit in der Berliner HipHop-Szene. Nachdem er als Graffiti-Sprüher im frisch wiedervereinigten Berlin begonnen hatte, wurde Kautz unter dem Künstlernamen Prinz Porno Ende der 90-er mit Rap-Songs wie "Keine Liebe" oder "Du Hure" schnell zur Ikone; erst später machte er sich auch als Prinz Pi einen Namen. Zudem gilt Kautz als früher Förderer so unterschiedlicher Rap-Superstars wie K.I.Z., Casper und Kollegah. Kurzum: Friedrich Kautz ist ein Grenzgänger.

Den zwei prägenden Gesichtern seines musikalischen Ausdrucks (Kautz verwendete noch einige andere Pseudonyme) zollt er mit seinem 15. Album Tribut. Die Doppel-LP "Wahre Legenden / Mit Abstand" vereint erstmals beide Alter Egos (Prinz Pi mit "Wahre Legenden", Prinz Porno mit "Mit Abstand"). Während "Wahre Legenden" sich im gewohnten Soundbild mit eingängigen Piano-Pop-Beats und intimem Storytelling nahe am Ansatz bewegt, der schon auf den Vorgängern "Im Westen nix Neues" (2016) und "Nichts war umsonst" (2017) zu hören war, ist "Mit Abstand" als eine Hommage an die hiesige HipHop-Landschaft anzusehen - ohne Ambitionen, das ganz große Publikum erreichen zu wollen.

Mit Gastauftritten von unter anderem Ruhrpott-Rap-Legende Manuellsen und dem aktuellen Straßenrap-Shootingstar Samra sowie Produktionen von Young Kira (Sierra Kidd, Moneyboy) und Lucry (Apache 207, Capital Bra, Miami Yacine) hat sich Kautz hier eine Besetzung ins Studio geholt, die mit zeitgeistigem Neo-Trap und schrägem Autotune-Einsatz als Status Quo des derzeitigen Deutschrap-Sounds durchgeht. Es ist eine Facette, die Kautz als Prinz Porno, der schnodderigen Seite seines Künstlerprofils, bislang nicht nach außen trug und die ihm auch nur zeitweise wirklich gut steht.

Mission erfüllt

Denn als Pi und auch als Porno ist Kautz in erster Linie ein Rapper, der für eine emotionale Bildsprache steht, weniger für expressive Stimm- oder Gesangsexperimente. "Du bist von der Street, ich bin von der Wallstreet / Jeder ist hier seines eigenen Glückes Goldschmied", zeichnet Kautz etwa auf dem düsteren Porno-Track "Eau de Provence" binnen nur einer Textzeile ein Metaphern-Universum nach, das wahlweise angeberisch oder eben sozialkritisch gelesen werden kann. Auf der anderen LP stehen Songs wie "Heimweg", die mit sonnenwarmen Moll-Akkorden die Schönheit einer Vater-Sohn-Beziehung in den Pop-Rap-Olymp tragen sollen. Letzteres ist ein Ansatz, für den Pi schon vormals immer wieder kritisiert wurde. Zu plakativ, zu vorhersehbar, zu sehr auf Konsumierbarkeit seien jene Lieder produziert.

Zeitweise ist auf den beiden Alben, wie zum Beispiel bei der postapokalyptischen Wiederauferstehungs-Ode "Gelb" von "Wahre Legenden", nicht klar zu unterscheiden, wo die Grenze zwischen der unverblümt-derben Prinz-Porno-Seite und der pop-poetischen Prinz-Pi-Seite liegt. Allerdings: Mit diesem Doppelalbum setzt Kautz dennoch etwas um, das amerikanische Rap-Kollegen seit Jahren pflegen, nämlich die Ambivalenz als Konzept. Pop-Stücke für die große Bühne stehen neben verkopften Konzeptsongs mit Schachtelreimen für Rap-Analysten. Pi/Porno beherrscht beides. Wenngleich sich in der Fülle von insgesamt 30 Anspielstationen sicher auch ein paar musikalische Notlösungen wie etwa "König vom KaDeWe" oder "Laserstrahlen" verstecken, ist unbestreitbar, dass ""Wahre Legenden/ Mit Abstand" die innere Zerrissenheit dieses Künstlers zusammenbringt wie bisher keine andere Veröffentlichung von Kautz. Die kreative Mission dieses Doppel-Albums wurde damit also mehr als erfüllt.