"Konkurrenz ist etwas für junge Männer und Idioten"

Ausnahmegitarrist Don Felder, lange Mitglied der Eagles und Kopf hinter dem Song "Hotel California", ist mit einem Album zurück, auf dem er die besten Gitarristen der Welt versammelt. Was die Rockgitarre den Menschen von heute noch zu sagen hat, erklärt er im Interview.

The Eagles schwebten ein Leben lang in fast schon eigenen Sphären des Erfolgs. 160 Millionen Tonträger verkaufte die 1971 in Los Angeles als Super-Group gegründete Präzisionsmaschine mit ihrem perfekten Satzgesang und mehrstimmig perlenden Gitarren. Unter der wohl nicht immer leichten Autokratie der beiden Köpfe Don Henley und Glenn Frey (Frey verstarb 2016) schuftete man bis 1980 und dann wieder ab Mitte der 90-er am Verkauf des amerikanischen Westcoast-Sound-Traums. Eines der eher unbekannteren Mitglieder war Ausnahmegitarrist Don Felder, der mit dem Song "Hotel California" jedoch für den größten Hit der Eagles und ein Pop-ikonisches Gitarrensolo sorgte. Nun hat Felder mit Anfang 70 mal wieder ein Album aufgenommen. Darauf spielen, als hielte der US-amerikanische Sechssaiten-Guru eine Fachaudienz, einige der besten Gitarristen aller Zeiten als Gäste mit. Im Interview zu "American Rock'n'Roll" (digital ab 5. April erhältlich, physisch ab 26. April) sucht Don Felder nach der Essenz des Rock'n'Roll und spekuliert darüber, was er der Welt heute noch bringen kann.

teleschau: Sie sind 71 Jahre alt und veröffentlichen Ihr drittes Album. Hatten Sie vorher keine Lust auf Platten, auf denen Ihr eigener Name steht?

Don Felder: Nein. Mein Leben verlief einfach so, dass ich erst jetzt dazu komme. Als sich die Eagles 1980 das erste Mal auflösten, hatte ich eine Familie gegründet. Ich habe vier Kinder, um die ich mich dann intensiv kümmerte. Schließlich war ich die zehn Jahre davor fast ununterbrochen "on the road" gewesen. Ich hatte Lust, "Mister Mom" zu sein. Ich machte morgens Frühstück, packte Essen in die Schulranzen, gab den Chauffeur. Am Nachmittag arbeitete ich dann als Baseball- und Fußball-Trainer, ebenfalls mit Kindern. Ich wollte einfach nur ein Vater sein. Nebenbei schrieb ich Soundtracks und arbeitete ein bisschen fürs Fernsehen. Hauptsache, es war in Los Angeles - so lautete der Plan.

teleschau: Und als die Kinder größer waren, da bekamen Sie wieder Lust auf Rock'n'Roll?

Felder: Ja, so kann man es sagen. 2012 veröffentlichte ich nach einer ewigen Pause mein zweites Soloalbum, und das kam sehr gut an. Der Song "You Don't Have Me" war für zehn Wochen Nummer eins in den amerikanischen Classic-Radio-Rock-Charts. Es folgte eine lange Tour, und danach arbeitete ich zwei bis drei Jahre an diesem neuen Album. Ich bin sozusagen wieder im Rock tätig (lacht).

"Nach Woodstock war alles anders"

teleschau: Ihr neues Album heißt "American Rock'n'Roll" und zeigt Ihre berühmte "Hotel California"-Gitarre vor der amerikanischen Flagge. Ist das ein Hauch von Ironie oder tatsächlich ernst gemeint?

Felder: Es gibt einen gleichnamigen Song auf dem Album. Da erzähle ich, wie es für mich als damals 21-jähriger Musikfan 1969 beim Woodstock-Festival war. Ich sah Jimi Hendrix, Carlos Santana, Janis Joplin und all die anderen live. Es war die größte Freisetzung von Rock'n'Roll-Energie, die die Welt bis dahin und auch danach gesehen hat. Wahrscheinlich war es die Atombomben-Explosion des Rock schlechthin, wenn man die Wirkung dieses Konzertes betrachtet. Nach Woodstock war alles anders. Es katapultierte diese Energie in die Stratosphäre, und der Fallout des Rock'n'Roll regnete überall herab und veränderte die Welt. Natürlich im positiven Sinne (lacht).

teleschau: Aber was hat das nun mit dem Song "American Rock'n'Roll" zu tun?

Felder: Jahre und Jahrzehnte später stellte ich fest, dass viele erfolgreiche und wichtige Musiker damals auch in Woodstock im Publikum standen. So entstand die Idee für den Song. Er ist eine Art "Rockumentary" über jene Rock'n'Roll-Helden, die von Woodstock beeinflusst wurden. Leute, die nun auch auf diesem Album zu hören sind, wie zum Beispiel Mick Fleetwood, Peter Frampton, Sammy Hagar, Joe Satriani, die Red Hot Chili Peppers oder Slash.

teleschau: Nur wenige Ereignisse sind so mythenverhangen wie das Woodstock-Festival von 1969. Spürte man damals tatsächlich "live" im Publikum, dass gerade Geschichte geschrieben wird?

Felder: Ja, das tat man definitiv. Es gibt eine Zeile im Song "Hotel California", die lautet: "We haven't had that spirit here since 1969". "Hotel California" wurde 1976 veröffentlicht, sieben Jahre später. Aber diese Zeile bezieht sich direkt auf Woodstock.

teleschau: Spüren Sie diese Kraft noch? Viele Leute sagen, der Rock und all seine Posen wären heute längst zum Klischee verkommen.

Felder: Ich spiele Rock'n'Roll, seit ich zehn Jahre alt bin. Das sind schon ein paar Jahrzehnte. Ich habe gesehen, wie sich Rock veränderte und zu anderen Stilen wie Country Rock oder Grunge mutierte. Die Kraft, die in der verzerrten Gitarre und den alten Riffs liegt, hat es jedoch geschafft, immer wieder neue Generationen zu begeistern. Man spürt, wenn man auf der Bühne steht, dass die Menschen sehr direkt und emotional auf diese Energie reagieren. Rock löst etwas im Menschen aus, das man nicht beschreiben kann: ein Gefühl der Freiheit und der Kraft. Ein Gefühl, dass alles möglich ist. Natürlich gibt es auch eine Menge Klischees bei einem mittlerweile so alten Kulturgut, wie es der Rock ist. Aber der Kern ist nach wie vor: pure Kraft.

"Don Henley regte sich furchtbar auf"

teleschau: Steht Ihre berühmte Double-Neck-Gitarre, auf der Sie "Hotel California" spielten, heute immer noch bei Ihnen zu Hause?

Felder: Nein, nein. Die befindet sich in der "Rock and Roll Hall of Fame". Sie verleihen sie nun aber an das Metropolitan Museum of Modern Art in New York City. Anfang April eröffnet dort eine Ausstellung, die "Play It Loud" heißt. Da sind berühmte Gitarren der Rockgeschichte zu sehen. Instrumente von Jimi Hendrix, Keith Richards, Jimmy Page und eben auch diese Gitarre von mir.

teleschau: Das "Hotel California"-Solo, bei dem Sie mit Joe Walsh zusammenspielten, ist eines bekanntesten der Rockgeschichte. Wussten Sie damals, dass Sie etwas sehr Besonderes erschaffen hatten?

Felder: Joe Walsh und ich kannten uns schon lange vor den Eagles. Wir hatten in anderen Formationen zusammengespielt, und auch diese Sache mit den sich duellierenden Gitarren hatten wir schon öfter gemacht. Lustig ist, dass wir 80 Prozent des "Hotel California"-Parts bereits ein Jahr lang fertig hatten, bevor wir mit den Eagles ins Studio gingen. Joe und ich hatten eine Demoaufnahme des Liedes gemacht, und Don Henley von den Eagles kannte sie. Als wir dann ins Studio gingen, wusste ich jedoch nicht mehr, was wir damals beim Solo gespielt hatten - und wir machten etwas anderes. Da regte sich Don Henley furchtbar auf ...

teleschau: Der Umgangston bei den Eagles soll ja immer etwas rauer gewesen sein ...

Felder: Ja, es war eine dieser typischen Streitereien. Ich wusste es eben nicht mehr, und Henley bestand darauf, dass wir das lange Solo am Ende genau so spielen wie auf dem Demo. Wir nahmen das Eagles-Album damals in Miami auf. Also rief ich meine Haushälterin in Malibu an und bat sie, das Tape zu suchen und es mir über Telefon vorzuspielen. Gott sei Dank hat das geklappt. Henley hatte das Demo etwa 100-mal gehört und wollte es exakt so haben, wie er es kannte. Aus heutiger Sicht muss man wohl sagen: Es war eine gute Entscheidung.

teleschau: "Hotel California" ist einer der größten Hits der Musikgeschichte. Dabei war der Song extrem unkommerziell ...

Felder: Ich war auch überrascht, dass Henley diesen Titel als Single haben wollte. Ich meine, der Song ist über sechs Minuten lang. Am Anfang dauert es ewig, bis der Rhythmus einsetzt, in der Mitte bricht der Song komplett zusammen, und am Ende wird ewig auf der Gitarre gedudelt. Das Radio spielte damals eigentlich nur Stücke, die zweieinhalb bis dreieinhalb Minuten lang waren. Aber irgendwie schlug das Ding ein, und alle liebten es.

Das Geheimnis des "Hotel California"

teleschau: Eines der Erfolgsgeheimnisse von "Hotel California" bestand darin, dass die Menschen bis heute beim Hören darüber rätseln, was der Song bedeutet. Haben Sie es je verstanden?

Felder: Nein (lacht), ich weiß auch nicht, was uns Henley mit diesen Lyrics sagen wollte. Es gibt viele Theorien darüber. Einige gehen in die Richtung, dass der Song von einer gewissen Müdigkeit und Enttäuschung über den Lebensstil des kalifornischen Rock-Set-Jet jener Zeit berichtet.

teleschau: Sie spielen auf Ihrem neuen Album, ähnlich wie beim berühmten "Hotel California"-Duell mit Joe Walsh, mit unzähligen berühmten Gitarristen. Geht es da nie um die Frage: Wer ist eigentlich der Beste von uns?

Felder: Nein, ich habe mich nie in Konkurrenz zu anderen Musikern gesehen. So etwas gibt es meiner Meinung nach unter Gitarristen nicht. Wir sind ja keine Sportler, sondern wir lieben Musik. Sehen Sie, auf meinem letzten Solo-Album spielte ich alle Gitarren selbst. Ich hatte, glaube ich, nur einen Gitarren-Gast bei einem Stück - Steve Lukather. Ich vermisste den Spaß, den ich dabei empfinde, mit anderen Gitarristen Musik zu machen. Deshalb war das neue Album eine tolle Erfahrung: Joe Satriani, Richie Sambora, Sammy Hagar, Slash. Ich freute mich auf jeden einzelnen dieser tollen Musiker, um mit ihnen die leeren Spuren meines Albums zu füllen. Ich ließ extra viel Raum für sie in den Arrangements. Konkurrenz ist etwas für junge Männer und Idioten.

teleschau: Haben Sie bei all den Stars und Gitarren-Ikonen, die Sie kennen, einen persönlichen Helden?

Felder: Ich bin in Gainesville, Florida, aufgewachsen. Duane Allman von den Allman Brothers war damals mein Held. Er wurde leider nur 24 Jahre alt. Duane, der damals auch in der Nähe lebte, brachte mir bei, wie man Slide Guitar spielt. Er und sein Bruder Gregg waren damals immer in irgendeiner Band in unserer Gegend aktiv, als ich noch ein junger und unbekannter Gitarrist war. Ich schaute immer zu ihnen auf. Egal, in welcher Band sie spielten - sie gewannen jeden "Battle of the Bands"-Wettbewerb, der damals veranstaltet wurde. Irgendwann brachte mir Duane auf dem Fußboden seines Farmhauses sitzend ein paar Sachen bei, die ich später bei einer Session mit den Eagles einsetzte. Danach engagierten sie mich als festes Mitglied. Ohne Duane Allman als Gitarrenlehrer wäre das mit den Eagles vielleicht nie passiert.

teleschau: Sie arbeiteten als Gitarrist für das Who's who der Popgeschichte. Für Michael Jackson, Barbra Streisand, Elton John oder Joni Mitchell beispielsweise. Erinnern Sie sich noch an Ihren schwierigsten Job?

Felder: Hm, ich glaube, richtig schwierig wurde es immer dann, wenn die Bee Gees anriefen. Sie hatten diese Eigenart, alle Spuren fünf- oder sechsmal synchron aufzunehmen und dies alles im fertigen Mix abzuspielen. Auch ihren Gesang natürlich. So entstand der besondere Bee-Gees-Sound. Es sind die Dupletten des gleichen Parts, die ihren Klang so groß und mächtig machen. Leider wollten sie genau das auch von mir hören! Bei einem Album verlangten sie von mir, dass ich meine Gitarrenspur 20-mal exakt gleich wiederholen sollte. Ich habe selten so etwas Anstrengendes gemacht. Aber ich glaube, am Ende klang es okay.