Letzte Ausfahrt Abbey Road

Vor 50 Jahren erschien "Abbey Road", das erfolgreichste Beatles-Album und zugleich das letzte, das die Band gemeinsam aufnahm. Zum Jubiläum dürfen sich die Fans der Fab Four nun auf eine extrem hochwertige Jubiläums-Edition freuen.

"Abbey Road" sollte zunächst "Everest" heißen, frei nach dem höchsten Berg der Erde. Warum auch nicht, denn Ende der 60er-Jahre hatten es The Beatles wahrlich bis ganz nach oben geschafft. Über ihnen war nichts mehr, sie waren die größte Band des Planeten - indes jedoch heillos zerstritten und demotiviert von den desolat verlaufenen Aufnahmen zur Musik und zum Film von "Let It Be".

Doch für "Abbey Road" rafften die Fab Four sich noch einmal zusammen und entdeckten von Neuem ihre Lust am Musizieren. Der elfte Langspieler wurde schließlich das erfolgreichste Beatles-Album, umrankt von Mythen und Sensationen. Das berühmte Zebrastreifen-Cover, das nur in ein paar Minuten vor dem Studio fotografiert wurde, mauserte sich zum bekanntesten LP-Motiv der Musikgeschichte. 50 Jahre nach der Veröffentlichung von "Abbey Road" wird dieses Meisterwerk der Liverpooler nun mit einer opulenten Neuauflage gefeiert.

Diesbezüglich liegt die Messlatte allerdings ziemlich hoch. Denn die bisher veröffentlichten 50-Jahre-Jubiläumseditionen von Beatles-Alben - zu "Sgt. Pepper" und dem selbstbetitelten weißen Album - waren mustergültige Wiederveröffentlichungen, die wahren Mehrwert für die Fans beinhalteten. Sowohl die Abmischungen als auch die Bonusmaterialien waren vorbildlich in ihrer Aufbereitung. Dass fünf Dekaden altes Material mit so viel Wucht und Verve erklingen kann, begeisterte viele Hörer - dem technischen Fortschritt sei Dank.

Und ja, die dritte groß gefeierte Wiedergeburt eines Beatles-Opus lohnt sich ebenso wie seine beiden Vorgänger. "Abbey Road", das Werk, das die Fab Four als letzte gemeinsame Teamarbeit in sechsmonatiger Studioarbeit zusammenbastelten, ertönt majestätisch in einem neuen Stereo-Mix und lässt audiophile Herzen sofort höher schlagen. Die Begriffe "Wärme" und "Tiefe" schwirren beim Hörgenuss durch die Synapsen. Das Songmaterial, das von Februar bis August 1969 in den ehrwürdigen Londoner EMI Recording Studios (die nach dem Erfolg des Albums in "Abbey Road Studios" umbenannt wurden) aufgenommen wurde, erschallt wie eine quicklebendige Neuaufnahme.

Das Bonusmaterial klingt verständlicherweise nicht immer so makellos, da es sich eben nur um Entwürfe und nicht um ausproduziertes Material handelt. Doch auch die alternative Takes und Demos klingen unterm Strich erstaunlich lebendig und luftig. Giles Martin, der Sohn des legendären Beatles-Stammproduzenten George Martin, und Tonmeister Sam Okell stellen hier einmal mehr ihr gesamtes Können unter Beweis.

Noch spannender als der aufgepimpte Sound dürfte für viele Hörer aber der inhaltliche Mehrwert sein, den die bisher nicht erhältlichen Tracks aus den "Abbey Road"-Sessions bieten: Der düstere Blues-Proto-Goth-Rock von "I Want You (She's So Heavy)" etwa hört sich im alternativen Take herrlich verschwurbelt an, weil man hier mehr von Studio-Orgler Billy Preston hört - psychedelische Klänge auf der Höhe der damaligen Zeit. Ebenso erfreulich ist, dass George Harrisons sündhaft teurer Moog-Synthesizer im Bonusmaterial mehr Kapriolen schlägt als auf dem Original-Album. Paul McCartneys fragile Akustik-Suite "Goodbye" geht ans Herz, und die nicht auf dem Album enthaltene Single "The Ballad Of John And Yoko" wirkt, um einige Kilo abgespeckt, richtig sexy. Der berühmte Hidden Track "Her Majesty" darf in "The Long One" (das Medley auf der zweiten LP-Seite) ein paar Positionen nach vorne rücken und macht sich dort richtig gut.

Die ungestüme Seite von "Abbey Road"

Insgesamt wirken die Boni des Jubiläums-Pakets wie ein "Abbey Road" von einer alternativen Erde, auf der es roher und ungestümer zugeht. Gleichzeitig dokumentieren die zusätzlichen Tracks, dass die Beatles auch kurz vor ihrem Ende noch hervorragend als Band funktionierten - die vielen Good Vibes sind unüberhörbar.

Neben den regulären CD- und Vinyl-Ausgaben und einer Doppel-CD-Variante mit zusätzlichen 17 Outtakes in der originalen Song-Reihenfolge des Albums sticht vor allem die limitierte Deluxe-Edition heraus: Sie umfasst den Stereo-Mix auf CD sowie zwei weitere Silberlinge mit insgesamt 23 bislang unveröffentlichten Takes und Demoaufnahmen aus diversen Sessions. Ein Hardcover-Buch mit 100 Seiten enthält alles, was man als Fan über "Abbey Road" wissen muss und noch vieles mehr. Obendrauf gibt es eine Audio-Blu-ray mit den "Abbey Road"-Abmischungen in Dolby Atmos, 96 kHz / 24 Bit High-Res Stereo und 96 kHz / 24 Bit DTS-HD Master Audio 5.1.