Lindemann und Co. senden Tanzmusik: Das neue Album Track für Track

Schon der Titel kommt mit dadaistischer Wucht: "Rammstein" heißt das neue Album von Rammstein. Kann das Werk die unendlich hohen Erwartungen erfüllen?

Mögen die Spiele beginnen: Am 27. Mai, zehn Tage nach Veröffentlichung des neuen Albums, starten Rammstein in Gelsenkirchen ihre große Stadiontour, und der Ticketwahnsinn stellte diesmal wirklich alles Dagewesene in den Schatten. In Rekordzeit, so ließ der Anbieter Eventim am Tag des Vorverkaufsstarts angesichts vorübergehend kollabierender Server wissen, habe man 800.000 Eintrittskarten für die Europa-Konzerte abgesetzt. Zur monströsen Erwartungshaltung, mit der die vielen Millionen Rammstein-Fans aus aller Welt dem ersten Studioalbum seit "Liebe ist für alle da" (2009) entgegensehen, muss man also nicht mehr viel sagen. Allerdings mischte sich in die Hysterie zuletzt auch Skepsis: Schließlich war die Band fast zehn Jahre lang zwar sehr erfolgreich mit der Pflege des eigenen Mythos beschäftigt, jedoch weniger mit der Veröffentlichung neuer Musik. Überhaupt: Ist das schlicht "Rammstein" betitelte neue Werk nicht zwangsläufig zum Scheitern verdammt, wenn alle nicht weniger als das totale Spektakel und den ganz großen Wurf erwarten?

Ein Teil der Spannung, die seit Monaten auch von der bandeigenen Marketingmaschinerie via Social Media bis zur Schmerzgrenze und auch ein bisschen darüber hinaus befeuert wurde, entlud sich schon vor einigen Wochen. Das erste musikalische Lebenszeichen seit einer gefühlten Ewigkeit, es hieß "Deutschland" - wer mit weniger gerechnet hat, ist selber schuld.

Sicherlich gibt es bessere und griffigere Rammstein-Songs als diesen. Doch noch nie gab es einen derart monumentalen Film dazu. Bereits erste vorab veröffentlichte Sequenzen, welche die Mitglieder der Band als KZ-Häftlinge vor der Hinrichtung zeigten, sorgten allenthalben für Entrüstung. "Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch", erklärte direkt der Zentralrat der Juden. Na, bitte.

Rammstein lieferten wie bestellt, und wer trotzdem noch lachen konnte, mochte sich vorstellen, wie sich die Musiker zu Hause, also in irgendeinem Loft gewordenen Maschinenraum, genüsslich das Popcorn reichten, um die im höchsten Erregungszustand tobende Debatte um das Spannungsfeld von Kunst und Provokation mitzuverfolgen. In jedem Fall war "Deutschland" ein trefflicher Vorgeschmack aufs siebte Studioalbum: Die Songs auf "Rammstein" reichen an etlichen Stellen allemal aus, um von künstlich echauffierten Boulevardschreibern als verstörend bis gefährlich gebrandmarkt zu werden.

Rammstein bleiben Rammstein

Doch in Wahrheit schließen die elf Tracks inhaltlich und auch musikalisch lediglich logisch an das bisherige Schaffen der Band an. Seit jeher changieren Rammstein zwischen Horror-Poesie, Schlager-Pathos und erotischem Schmierentheater, zwischen düsterem Industrialrock und brachialem Riffmetal - und sie taten das nie auf die feinsinnige Art, aber immer mit einem gewissen Augenzwinkern. Wer zum Lachen in den Keller muss, hatte bei Rammstein noch nie etwas verloren.

Auf "Rammstein" erfindet sich die Combo weder neu, noch reichen die phrasenhaften Texte aus, um über Gebühr politische Bezüge hineinzudeuten. Also ist es, wie es immer war: Die Band, die ihren Stil einst selbst "Tanzmetall" nannte, haut die fetten Brocken im Stakkato raus - der Hörer muss sie alleine verdauen. Erklärungen und Interviews, zumal über Inhalte, geben die sechs Berliner schon lange nicht mehr. Journalisten, die das Album vorab zu Gehör bekamen, wurde ein Embargo auferlegt - auf dass nur nicht zur Unzeit am Mythos gekratzt wird.

Bis das Kruzifix von der Wand kippt

Los geht's mit eben jenem neuen "Deutschland"-Lied. "Deutschland, mein Herz in Flammen. Will dich lieben und verdammen", heißt es da. Und auch: "Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben." Von wegen böse Nazis. Aber wer will, kann sich selbst seinen Reim darauf machen. Viel Spielraum zur Interpretation bleibt nicht.

Was folgt, ist "Radio": das wohl schlagerhafteste, auf jeden Fall unterhaltsamste Rammstein-Stück seit "Engel", ebenfalls begleitet von einem aufwendigen Video - strotzend vor 30er-Jahre-Ästhetik. "Achtung, Achtung, hier ist Berlin-Königs Wusterhausen und der Deutsche Kurzwellensender. Wir senden Tanzmusik", heißt es im knarzigen Intro. Und es stimmt: Rammstein-Marschmetal trifft auf Kraftwerk-Synthies - die Melodie fährt dem armen Hörer gnadenlos ins Ohr und ins Gebein. Ein fieser Hit!

Wer es härter braucht, dem wird beim dritten Song geholfen. "Zeig dich!" beschäftigt sich im aggressiv vorwärts rockenden Powermetal-Stil mit dem Thema Kirche. Also wird es nach einem Kirchenchor-Intro schmutzig: "Verheißung! Vermehren! Verbrennen! Verstecken!" - Sänger Till Lindemann feuert dem Allmächtigen die Alliterationen und Worthülsen entgegen, bis das Kruzifix von der Wand kippt.

Angst essen Puppe auf

Phrasengedresche galore erwartet den Zuhörer auch bei "Ausländer". Von Sextourismus bis Gigolo- und Antänzer-Gehabe dreht sich hier alles um Auswüchse der Liebe in Urlaubsländern - ziemlich schmerzbefreit wird einem zum Marschrhythmus ein "Mi amore - mon Cheri" zum Mitgrölen serviert. Vollbedienung für die Fans, aber auch erschreckend dadaistisch und ein bisschen peinlich. Rammstein-Anhänger hat solcherlei bei "Laichzeit" oder "Feuer und Wasser" aber auch nicht gestört. Wobei anno 2019, das muss man sagen, die lyrische Gewitztheit vergangener Tage gerade bei den augenzwinkernd gemeinten Songs kaum erreicht wird. Das nächste Beispiel folgt auf dem Fuß: In "Sex" (Nomen est Omen) heißt es schlicht: "Wir leben nur einmal". Spaß macht auch diese schnelle Nummer allemal.

"Puppe" hingegen ist einer der intensiveren Songs auf "Rammstein". Das diabolische Midtempostück erzählt von einem Jungen, dessen Schwester sich im Zimmer nebenan im horizontalen Gewerbe verdingt. Rammstein wären nicht Rammstein, wenn dabei die totale Eskalation lange auf sich warten ließe: "Und dann reiß' ich der Puppe den Kopf ab. Dann reiß' ich der Puppe den Kopf ab. Ja, ich beiß' der Puppe den Hals ab. Es geht mir nicht gut." Der Wahnsinn greift um sich: Angst essen Puppe auf!

Mit wieder deutlich weniger Schaum vorm Mund trägt Lindemann in "Was ich liebe" ziemlich klassische Alltagssorgen nach außen. "Ich mag es nicht, wenn ich was mag. Was ich liebe, das wird verderben. Was ich liebe, das muss auch sterben." Der Song erinnert mit seinen Ambivalenzen ein wenig an "Keine Lust" (2004). "Weit weg" schlägt in die gleiche Kerbe. Schließlich ist es die selbe Sache und das alte Leid: Wir wüssten alle gerne, wo wir gerade stehen im Leben und in der Liebe. "Ganz nah - so weit weg von dir", lamentiert Lindemann. Der Refrain ist unwiderstehlich, aber an den wuchtigen Genius früherer Glaubenssätze à la "Sex ist eine Schlacht, Liebe ist Krieg!" reichen auch diese Zeilen nicht heran.

Die Ode des Triebtäters

Hat jemand auf eine Ballade gewartet? Rammstein liefern sie mit "Diamant". Larmoyant singt (!) Lindemann über die Liebe - und er tut das, wie einst in "Ohne dich", erstaunlich intensiv. Tiefer geht nur "Hallomann": die molllastige Ode des Triebtäters an ein schönes Mädchen. "Tanz für mich, komm tanz - blondes Haar und Rosenkranz." Falcos "Jeanny" in düster? Jedenfalls geht kein Song auf "Rammstein" mehr unter die Haut als dieser Blick in eine abgründige Seele.

Es sei denn, man nimmt das Thema "Haut" wörtlich. In "Tattoo" zerlegen Rammstein auf ihre ureigene Art den Trend unserer Zeit: "Zeig mir deins, ich zeig dir meins. Wenn der Schmerz das Fleisch versaut. Wenn das Blut die Tinte küsst ... " Undsoweiter - es ist die typische Poesie eines Albums, mit dem Rammstein keineswegs scheitern - auch wenn das alles schon mal aufregender war. Wie fulminant die Band wirklich zurückkommt, wird sich ohnehin erst zeigen, wenn Lindemann und Co. die Stadien rocken. Die Wahrheit ist auf dem Platz. Bei keiner Band stimmt die Kicker-Plattitüde mehr als bei Rammstein.

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