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Sachsen

"Man muss nur '9/11' sagen, schon brechen Dämme"

"Ich entschied mich einst aus guten Gründen, Journalist zu werden, und dieser Tag hat all das, was in diesem Beruf aus meiner Sicht zählt, zusammengeführt": Peter Kloeppel erinnert sich im Interview an den 11. September 2001.

9/11 - das Datum steht für eine Zäsur in der Weltpolitik und ist für alle Zeiten mit zutiefst verstörenden Bildern verbunden: von Flugzeugen, die in Wolkenkratzer fliegen, von einstürzenden Türmen, brennenden Trümmern und von in den Tod springenden Menschen. 9/11 war der blanke Horror. "So etwas lässt einen nie los. Jeder weiß noch, was er damals, am Tag der Terroranschläge von New York, gemacht hat", glaubt Peter Kloeppel. Was der bereits damals sehr bekannte Fernsehjournalist am unseligen 11. September 2001 tat, weiß die ganze Nation: Kloeppel war es, der vor 20 Jahren den Zuschauern in Deutschland als Erster die fast surreal wirkenden Livebilder aus Manhattan zeigte, der mit seiner Redaktion die richtigen Worte finden musste, um die ersten massiven Eindrücke, die sich an jenem Dienstagnachmittag ins kollektive Gedächtnis einbrannten, ohne Netz und doppelten Boden einzuordnen. "Ich werde oft gefragt, wie ich das bewältigt habe", sagt der 62-jährige Chefmoderator der RTL-Nachrichtensendung "RTL aktuell", der damals fraglos auch ein Kapitel deutscher TV-Geschichte schrieb.

teleschau: Herr Kloeppel, wann waren Sie zuletzt in New York?

Peter Kloeppel: Erst vor wenigen Monaten. Mein letzter Besuch an Ground Zero, also an der Gedenkstätte und dem neuen One World Trade Center, liegt aber schon ein paar Jahre zurück. Es ist immer wieder beeindruckend, wenn man sieht, was sich da in zwei Jahrzehnten getan hat. Ich habe ja noch die Bilder meines ersten Ground Zero-Besuchs im Frühjahr 2002, ein halbes Jahr nach den Anschlägen, vor Augen.

teleschau: Wie erlebten Sie die Stimmung in New York bei Ihrem jüngsten Besuch?

Kloeppel: Natürlich wirkt 9/11 in New York immer noch nach. In Manhattan trifft man auf so viele Menschen, die sofort einen persönlichen Bezug, eine eigene Geschichte dazu parat haben. Das Thema kommt früher oder später bei fast allen Begegnungen zur Sprache. Man muss nur "9/11" erwähnen, sofort brechen Dämme. Aber die Amerikaner wären nicht Amerikaner, wenn sie nicht auch nach vorne schauen würden. Man spürt jetzt die Erleichterung, dass der Afghanistan-Einsatz, der ja die unmittelbare Folge von 9/11 war, endlich beendet ist. Gerade wegen der großen Opfer: Dieser Krieg hat weit über eine Billion US-Dollar verschlungen und viele Soldaten das Leben gekostet.

"Die Welt ist durch den Einsatz nicht unbedingt friedlicher geworden"

teleschau: 20 Jahre 9/11 - müssen Sie gerade etwas öfter an jenen geschichtsträchtigen Tag denken?

Kloeppel: Ja, unter anderem weil sich die Anfragen von Journalisten häufen, die zum Jahrestag mit mir über das Thema sprechen wollen. Auch die dramatischen Ereignisse, die sich in den vergangenen Wochen zum Ende des 20 Jahre währenden Einsatzes der NATO-Truppen in Afghanistan abspielten, rückten 9/11 für mich wieder stärker in den Fokus. Aus politischer und journalistischer Sicht ist festzustellen, dass die Analyse der Folgen von 9/11 noch lange nicht abgeschlossen ist. Also: Die Erinnerung an diesen Tag und natürlich auch an meine siebeneinhalbstündige Moderation von damals ist mir sehr präsent - wobei die Bilder ja immer da waren, so etwas lässt einen nie los. Ich denke, jeder weiß noch genau, was er damals, am Tag der Terroranschläge von New York, gemacht hat.

teleschau: Welche entscheidenden Fehler wurden im Afghanistan-Einsatz gemacht?

Kloeppel: Vom Krieg gegen den Terror, gegen al-Qaida, wie er von den Amerikanern ausgerufen und bis hin zu Osama bin Ladens Tötung im Jahr 2011 zunächst auch praktiziert worden war, ist man irgendwann zum Versuch des "Nation-Building" übergegangen, also Afghanistan einen Übergang in die Demokratie zu ermöglichen. Man hat die afghanische Armee ausgestattet und trainiert, in der Hoffnung, dass sie sich, wenn es darauf ankommt, bewähren würde. All das ist zu einem Fiasko geraten. Das Nation-Building hat nicht funktioniert, die gut ausgestattete Armee hat nicht das getan, was die westliche Welt von ihr erwartet hat, nämlich im entscheidenden Moment die Taliban zurückzuhalten. Der erste Teil der Mission, die Bekämpfung des Terrorismus, war nach meiner Einschätzung in weiten Teilen erfolgreich. Aber das heißt nicht, dass wir die Gefahr des islamistischen Terrors beseitigt hätten - es gibt, wie wir wissen, längst Gruppierungen, die sich in anderen Regionen formiert haben. Und wie es künftig in Afghanistan weitergeht, weiß man nicht. Die Bedrohungslage besteht nach wie vor. Die Welt ist durch den Einsatz nicht unbedingt friedlicher geworden.

"Die Ereignisse haben dafür gesorgt, dass ich es bewältige"

teleschau: Sie waren am 11. September 2001 der erste deutsche TV-Journalist, der versucht hat, das Unfassbare zu beschreiben. Kurz nach 14.45 Uhr deutscher Zeit kommentierten Sie bei RTL Bilder von einem Flugzeug, das in das World Trade Center flog. Was dachten Sie in diesem Augenblick?

Kloeppel: Bei den allerersten Bildern noch nicht an einen Terroranschlag. Wir waren uns in der Redaktion aber gleich einig, dass wir es mit einer Größenordnung von Unglück zu tun haben, die es rechtfertigt, in den nächsten Augenblicken eine Sondersendung zu beginnen. Als ich dann wenige Minuten darauf in der Maske saß, sah ich auf einem Bildschirm, wie die zweite Maschine in den Südturm flog. Ich dachte erst, das kann nicht real sein, das muss ein Film sein. Aber schon einen Sekundenbruchteil später war mir klar, dass das nicht gestellt sein konnte; ich begriff, dass es sich tatsächlich um einen Anschlag handeln musste, von dessen weitreichenden Folgen wir noch keine Ahnung haben konnten. Genau dieser Augenblick, diese erste Viertelstunde, ist mir noch sehr bewusst.

teleschau: Was wohl alle Zuschauer von damals noch vor Augen haben, ist, wie gefasst Sie wirkten ...

Kloeppel: Nun, ich hatte mich darauf konzentriert, meine Arbeit zu machen: ohne Wertung das zu beschreiben, was man sieht, Informationen einzuordnen und weiterzugeben, Hintergründe zu vermitteln. Aber natürlich lässt einen das nicht unangefasst, auch ich war betroffen. Außerdem erinnere ich mich, dass ich, wie wohl jeder in diesen Stunden, in großer Sorge war, die Terroranschläge könnten weitere Kreise ziehen, auch andere Städte, andere Länder bedrohen. Ich habe mir gesagt: "Du musst jetzt ruhig bleiben! Es geschehen Dinge, die dich und die Zuschauer schockieren. Aber deine Aufgabe ist, die Menschen darüber zu informieren, was da gerade passiert." Ich werde oft gefragt, wie ich das bewältigt habe. Meine Antwort ist immer gleich: Die Ereignisse haben dafür gesorgt, dass ich es bewältige, ich hatte keine Wahl. Es passierte in diesen siebeneinhalb Stunden so viel, das beschrieben werden musste, über die journalistische Dimension konnte ich mir da keine Gedanken machen.

teleschau: Trotzdem fragt man sich, wie man das Adrenalin so gut unter Kontrolle hält ...

Kloeppel: Das ist wohl mein Naturell. Ich bin einfach eher der ruhigere Typ. Wenn es mal hektisch wird, bleibe ich grundsätzlich gefasst.

"Ich habe ja nur meine Arbeit gemacht"

teleschau: Wie ist das eigentlich, wenn der eigene Name für immer mit einem derartigen schrecklichen Ereignis verbunden ist?

Kloeppel: Es ist, wie es ist. Ich habe ja nur meine Arbeit gemacht - und in der kollektiven Wahrnehmung wurde unsere Berichterstattung ganz überwiegend als angemessen und fundiert bewertet. 9/11 ist keine Belastung, sondern ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich entschied mich einst aus guten Gründen, Journalist zu werden, und dieser Tag hat all das, was in diesem Beruf aus meiner Sicht zählt, zusammengeführt.

teleschau: Bei RTL bilden Sie auch Journalisten aus, junge Leute, die 2001 noch kleine Kinder waren. Wie geht diese Generation mit dem Thema 9/11 um?

Kloeppel: Den Menschen mit Anfang, Mitte 20 ist absolut bewusst, dass damals etwas wirklich Schlimmes passiert ist, etwas, das die Welt verändert hat. Konkret erinnern sich viele in etwa in der Art an die Ereignisse, wie meine Generation sich erinnert, wo sie im Kindesalter war, als John F. Kennedy erschossen wurde. Ansonsten hat der Nachwuchs auch großes Interesse an der journalistischen Herausforderung. Sie fragen mich, genau wie Sie: "Wie macht man das?" Wir nutzen das natürlich auch für die Ausbildung und erklären anhand jenes Tages, welche Voraussetzungen man als TV-Journalist mitbringen muss, was es braucht, um in einer solchen Situation zu bestehen.

teleschau: Zumindest ein bisschen hat die Art, wie Sie damals stundenlang über die Ereignisse berichteten, auch den TV-Journalismus verändert ... Nicht umsonst wurden Sie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Kloeppel: Nun, richtig ist, dass es bis dato keinen terroristischen Anschlag dieser globalen Dimension gab. Da haben wir womöglich, weil wir an diesem Tag sofort live draufgegangen und drangeblieben sind, Pionierarbeit geleistet. Aber stundenlange Livestrecken konnte das Fernsehen natürlich auch schon lange vor dieser Zeit. Denken Sie an den Mauerfall oder auch an die Mondlandung - da saßen die Deutschen ebenfalls stundenlang gebannt vor dem Fernseher.

"Wir müssen die Wahrheit berichten!"

teleschau: Wie würde die 9/11-Berichterstattung heute, in Zeiten von hochauflösenden Handy-Kameras und Smartphones, aussehen?

Kloeppel: Schwer zu sagen, jede Breaking-News-Strecke hat ihre eigene Dynamik. Auf jeden Fall wäre es nicht leichter als vor 20 Jahren. Wie wir vor fünf Jahren beim Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum in München gesehen haben, ist der Tempodruck enorm, die Gefahr von Falschmeldungen ist nicht kleiner geworden. Es ist eine neue journalistische Herausforderung, Informationen und Bilder, die unsere Redaktionen per Social Media erreichen, einzuordnen und zu verifizieren. Andererseits sind Tempo und Vielfalt an Bildern natürlich auch ein großer Gewinn für die Berichterstattung. Am Ende ist es heute wie vor 20 Jahren dieselbe Aufgabe: Wir müssen die Wahrheit berichten.

Sehr zufrieden nach dem "Triell" bei RTL und ntv

teleschau: Die nächste große Stunde der Wahrheit schlägt am 26. September bei der Bundestagswahl. Sie führten mit Pinar Atalay am 29. August durch das erste große "RTL/ntv Wahl-Triell" der drei Kanzlerkandidaten. Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf?

Kloeppel: Ja, sehr. Weil es uns gelungen ist, die Kandidaten immer wieder zu klaren Stellungnahmen zu ihren politischen Zielen zu bewegen und sie auch ins Streitgespräch zu bringen. Wir haben fast zwei Stunden ausschließlich mit Themen zugebracht und sehr viele Zuschauer dafür interessieren können. Der Quotenverlauf zeigt, dass die Leute bis zum Schluss dabeiblieben. Besonders freue ich mich über den mit fast 40 Prozent außergewöhnlich hohen Marktanteil bei den 18- bis 29-jährigen Zuschauerinnen und Zuschauern. Das zeigt, wie sehr junge Menschen heute an der politischen Kultur und an den Zielen der Parteien interessiert sind. Mir gibt das eine große Zuversicht: Die jungen Leute wollen sich einbringen, sie informieren sich, und sie wollen mitbestimmen.

(Peter Kloeppel ist am Donnerstag, 9. September, 22.35 Uhr, bei RTL in "stern TV Spezial: 9/11 - Der Tag, der die Welt veränderte" zu Gast.)