"Ohne Unterhaltung gehen wir zugrunde"

Graue Haare, aber kein bisschen leise: Stand-Up-Pionier Michael Mittermeier ist immer noch da - und von großer Leidenschaft für seinen Beruf beseelt, wie er im Interview mit klugen Sätzen über den Zusammenhang von Haltung und Unterhaltung beweist.

"Ich wollte nur auf die Bühne gehen und spielen - mehr Plan war nicht", beteuert Comedian Michael Mittermeier. Als sich der Oberbayer vor über 30 Jahren, als der Begriff "Stand-Up" noch nicht zum Sprachgebrauch gehörte, erstmals auf die Bühne wagte, konnte keiner ahnen, dass er ein Jahrzehnt später so etwas wie ein Popstar sein würde - er am allerwenigsten. "Dass ich Künstler werde, war mir also schon in jungen Jahren klar - aber nicht, dass ich erfolgreich sein würde", erinnert sich der 53-Jährige. Was Mittermeier tatsächlich mit den Rock-Größen dieser Welt gemein hat, ist die Tatsache, dass er immer noch da ist. "Bei den Rockstars überleben auch nur die, die ihr Ding durchziehen", erklärt Mittermeier selbstbewusst im Interview, das er anlässlich seiner neuen Fernsehsendung gibt. Der Vorreiter der Stand-Up-Comedy widmet sich in "MITTERMEIER!" am Donnerstag, 4. Juli (23.30 Uhr, im Ersten; Freitag, 5. Juli, 22.10 Uhr, BR), monothematisch dem allgegenwärtigen Begriff der "Sicherheit" ...

teleschau: Herr Mittermeier, wenn man Sie auf der Bühne sieht, wirken Sie so agil wie in den 90er-Jahren. Nur die Haare sind ergraut.

Michael Mittermeier: Aber hallo! Das ist ein richtiges fucking George-Clooney-Grau, oder? Sie glauben nicht, wie viele Mädels, aber manchmal auch Männer, zu mir kommen und mir zu der coolen Farbwahl gratulieren. Ich sage dann immer ganz lässig: Dafür kann ich nichts - it's nature!

teleschau: Haben Sie mal überlegt, zu färben?

Mittermeier: Ich muss zugeben, dass ich jahrelang ganz schön gekleistert habe. Aber irgendwann ging mir das auf den Zeiger - ich habe mich selbst nicht mehr verstanden: Färben, tönen, verstellen, das bin ich doch überhaupt nicht. Aber so, wie es jetzt ist, finde ich's super. Das bin ich.

teleschau: Hilft das Grau, dass Sie nicht sofort überall erkannt werden?

Mittermeier: Lustigerweise war das noch nie mein Problem. Denn ich bin wirklich abseits von Kamera und Bühne ein sehr unauffälliger Typ. Mich bemerkt nie einer. Erst gestern saß ich in der Münchner U-Bahn - niemand sprach mich an, es gab nicht einen verstohlenen Blick. Ich muss unsichtbar sein. Sobald ich allerdings den Mund aufmache, ist es allen klar, wer neben ihnen steht. Die Tage sagte einer an einem Imbiss zu mir: "Wissen Sie, Sie klingen genau wie dieser Michael Mittermeier, der Kabarettist!" Verrückt, habe ich gesagt und musste dann lachen.

"Am Anfang wurde schon die Nase gerümpf"

teleschau: Sie fingen vor über 30 Jahren als Stand-Up-Comedian an - damals kannte man den Begriff noch gar nicht. War es Ihr Ziel, damit reich und berühmt zu werden?

Mittermeier: Überhaupt nicht. Ich wollte nur auf die Bühne gehen und spielen - mehr Plan war nicht. Ich trat auf, lange bevor ich überhaupt ein Soloprogramm hatte. Weil ich mich ausprobieren wollte. Und weil ich das, was ich im Leben wahrnahm, auf meine Weise, mit meinem Humor spiegeln wollte - das war das einzige Ziel. Dass ich Künstler werde, war mir also schon in jungen Jahren klar - aber nicht, dass ich erfolgreich sein würde. Alles, was später in den 90-ern passiert ist, war fern jeglicher Vorstellung.

teleschau: 1996 hatten Sie mit "Zapped" Ihren großen Durchbruch ... Wie fühlte sich das an?

Mittermeier: Es war das pure Glück. Stell dir vor: Diese Art von Bühnenunterhaltung ist deine Kunstform, dein ganzes Leben - und dann bist du damit plötzlich erfolgreich. Ich war natürlich auch erleichtert, denn es gab nie einen Plan B. Ich hätte nicht gewusst, was ich sonst hätte machen sollen.

teleschau: Wie hat Sie damals die Szene der Kabarettisten beäugt? Wie reagierten die alteingesessenen Kabarettisten auf den jungen Mittermeier?

Mittermeier: Am Anfang wurde schon die Nase gerümpft. Aber das legte sich in den 90er-Jahren, als die Szene im Fahrwasser von Sendungen wie "RTL Samstag Nacht" größer wurde. Da hat man eigentlich weithin akzeptiert, dass wir gar nicht so anders sind: Wir waren eben das Kabarett der neuen Generation. Wir beackerten andere Themen und traten etwas anders auf. Wir waren geprägt von MTV, vom Lebensstil der frühen 90er-Jahre - wir waren die Generation von Cobain und Techno, und wir spielten für Menschen unseres Alters oder Jüngere. Aber im Prinzip lag das alles nicht so weit auseinander, wie einem in den Feuilletons mithin glauben gemacht wurde. Mittlerweile sind die Grenzen eh fließend, was gut so ist.

teleschau: Sahen Sie sich damals schon als "Stand-Up-Comedian"?

Mittermeier: Eigentlich tu ich das heute noch nicht. Ich habe mich damals halt Kabarettist genannt oder Kleinkünstler, Komiker, Komödiant. Der Stand-Up-Comedian war damals ja überhaupt nicht im Sprachgebrauch. Aber heute nennt man meinen Beruf wohl eben so.

teleschau: Gehört eine große Resonanz dazu, um sich in diesem Beruf erfüllt zu fühlen?

Mittermeier: Für mich eigentlich nicht. Auch Berühmtheit ist mir nicht wichtig - es ist eher "the beauty of Machen", was mich erfüllt (lacht). Sicher, heute bin ich einfach froh, dass ich immer noch da bin und schöne Programme wie aktuell "Lucky Punch" spielen kann, für die sich immer noch recht viele Leute interessieren. Wenn es aber nicht so wäre, würde ich trotzdem nichts anderes machen - dann würde ich eben wieder vor 50 oder 100 Leuten auftreten. Why not? Seinerzeit konnte ich ja auch von meiner Arbeit leben. Ich hab' halt weniger Geld ausgegeben.

teleschau: Sind bei Ihren Auftritten überwiegend die alten Mittermeierfans, die schon in den 90er-Jahren dabei waren?

Mittermeier: Ich denke nicht. Es sind schon viele treue Fans da, aber es kommen auch sehr viele Junge. Am meisten freut es mich natürlich, wenn alle gleichermaßen über einen Gag lachen.

"Ich war immer ich"

teleschau: Sie sagten vor Jahren, dass "Wetten, dass ..?" die einzige Konstante in Ihrem Leben sei ...

Mittermeier: Aus fester Überzeugung! Weil ich nie damit gerechnet hätte, dass diese Sendung einmal eingestellt werden könnte. Ich habe "Wetten, dass ..?" geliebt. Aber irgendwie wurde in der Unterhaltung inzwischen ja fast alles, was damals scheinbar unendlichen Bestand hatte, plattgemacht. So ist wohl der Lauf der Dinge. Aber ich bin immer noch da. Wahnsinn.

teleschau: Die Parallele zu den großen Rockstars liegt auf der Hand.

Mittermeier: In gewisser Weise passt das schon. Bei den Rockstars überleben auch nur die, die ihr Ding durchziehen, die nicht jedem Trend hinterherrennen und sich treu bleiben. Ich habe mich nie danach gerichtet, was mir andere rieten. Ich war immer ich: Ein Mann auf der Bühne mit dem Anspruch, eine gute Show abzuliefern.

teleschau: Sie gelten als Vorreiter der Stand-Up-Comedy-Szene - und Sie waren der Erste, der das Stand-Up-Konzept mit einer starken politischen Note versehen hat. Haben Sie eine Mission?

Mittermeier: Nicht direkt. Es ist anders: Ich hatte für die Bühne ja nie eine Kunstfigur, sondern ich bin immer nur als ich hochgegangen - und zu mir gehört eben meine grüne politische Haltung. Es wäre nicht authentisch, im Programm darauf komplett zu verzichten. Das könnte ich gar nicht. Genauso habe ich aber keinen Bock, mich auf die Bühne zu stellen und zwei schwere Stunden lang nur über die Politik zu reden. Das sollen andere machen - ich mache Unterhaltung.

teleschau: Ein Wort, das vielen hierzulande immer noch irgendwie schwer über die Lippen zu gehen scheint, oder?

Mittermeier: Leider wahr. Ich hatte damit aber nie ein Problem, weil ich aus voller Überzeugung sage: Ohne Unterhaltung gehen wir zugrunde - immerhin steckt in dem Wort auch "Haltung" drin. Ich habe zu allen Dingen des Lebens eine Haltung - auch zur Darmspiegelung oder zu Fahrradhelmen. Meine Kunst ist, daraus Witze zu bauen, die funktionieren, aber meine Haltung dazu nicht komplett verhehlen. Ein toller Beruf!

teleschau: Allerdings setzt sich heute jeder Prominente, der seine Haltung in der breiten Öffentlichkeit kundtut, der Shitstormgefahr aus. Alles wird auf die Goldwaage gelegt. - Hat Social Media Ihren Beruf komplizierter gemacht?

Mittermeier: Ich weiß, dass es viele so sehen. Aber ich mache mir darüber eigentlich wenig Gedanken. Ich bin so, wie ich bin - und wer's nicht mag, hat eben Pech gehabt. Wenn ich mir die Stand-Up-Szene betrachte und sehe, was auf den offenen Bühnen los ist, habe ich auch nicht den Eindruck, dass es schwieriger geworden ist - wir haben richtig coolen Nachwuchs und tolle Clubs. Ich hätte mir das gewünscht, damals in den 90er-Jahren.

teleschau: Also sagen Sie nicht, dass es früher besser war?

Mittermeier: Null. Jede Zeit hat ihre Dinge - heute ist es eben Social Media, damit kommen wir schon klar. Und, ganz ehrlich: Wenn ich damals bei "Wetten, dass ..?" einen grenzwertigen Auftritt hinlegte, war das auch nicht ohne. Da waren elf, zwölf Millionen Zuschauer! Shitstorms gab es damals auch schon - in Form von Zuschauerbriefen. Das musste und muss man aushalten.

teleschau: Wären Sie heute gerne jung?

Mittermeier: Pffft ... Ich weiß es nicht. Die Kids müssen schon mit 'ner Menge dealen. Da ist der totale Overflow - neue Medien, neue Technik. Permanent prasselt Information auf die Kinder ein. Meine Tochter ist elf - sie kann ihr Handy besser bedienen als ich. Finde ich eigentlich ganz cool. Neulich waren wir alle zusammen, meine Frau, meine Tochter und ich, im Kino. "Avengers: Endgame" - laut, schnell, bunt, wild. So etwas kannten wir als Kids nicht. Was für ein tolles Familienerlebnis! Was ich sagen will: In der neuen Welt ist vieles Fluch und Segen zugleich. Wir hatten damals "Wetten, dass ..?" als TV-Lagerfeuer, heute sprechen sie an den Schulen eben alle über die Avengers oder irgendeine neue Netflixserie.

teleschau: Wann gibt es eine eigene Show von Michael Mittermeier bei Netflix oder Amazon?

Mittermeier: Wer weiß - vielleicht mache ich irgendwann mal ein Special oder so etwas. Ich finde das total spannend, aber ich finde es genauso toll, noch mal ganz bewusst den Schritt ins ganz klassische Fernsehen zu gehen. Man kann da nämlich auch richtig tolle Dinge machen.

teleschau: Jetzt sind Sie mit einer eigenen Sendung im Ersten zu sehen - der Titel: Ihr eigener Name in Versalien, plus Ausrufezeichen!

Mittermeier: Klingt heftig, wenn Sie es so sagen (lacht). Aber jetzt bitte nicht interpretieren, dass das was mit Eitelkeit zu tun hat! Man muss halt irgendwie auffallen, Donnerstagnacht um halb Zwölf. Also unbedingt wachbleiben: Das wird sehr geil.

teleschau: Was erwartet den Zuschauer?

Mittermeier: Ein Stand-Up-Programm, das mit medialen Mitteln, Einspielern und Screens im Studio, unterstützt wird. Als Gast kommt mein geschätzter Kollege Torsten Sträter. Wir werden uns im Impro-Talk die Bälle zuspielen. Das Material habe ich auf einer kleinen Münchner Bühne in Open-Mic-Nights ausprobiert - läuft! Wenn ich schon so eine Sendung mache, gehe ich da nicht unvorbereitet rein. Das Wichtigste ist: Die Sendung ist monothematisch. Es geht um den weiten Begriff der "Sicherheit". Aber mehr darf ich eigentlich nicht verraten. Vielleicht eines noch: Ich überschreite in der Sendung Grenzen, über die ich noch nie gegangen bin.

teleschau: Also, so ein PR-Satz, und dann dürfen Sie nichts weiter verraten - geht eigentlich nicht!

Mittermeier: Oh je (lacht). Es geht da mehr so um eine innere Grenze, die nur mit mir als Mensch etwas zu tun hat - aber auch vielen anderen nicht fremd sein dürfte. Sagen wir: Ich stelle mich einer Urangst von Männern über 50!

teleschau: Grundsätzlich kann ein Oberbayer, der mit seinem Comedyprogramm in New York oder London auftritt, aber kein besonders ängstlicher Mensch sein ...

Mittermeier: Nein, wer als Deutscher im Comedy Cellar in New York auftritt, dem Mutterhaus aller Comedy-Clubs, drei Wochen lang mit den Größen der Szene auf Augenhöhe, der braucht schon eine Portion Mut, das kann ich bestätigen. Ich stelle mich grundsätzlich meinen Ängsten und mag die Herausforderung, mich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Als mir alle gesagt hatten, dass deutsche Comedy im Ausland niemals funktionieren kann, war für mich klar: Ich mach' das.

teleschau: Verstehen Sie Menschen mit Ängsten?

Mittermeier: Ja, Angst ist ein Gefühl - und Gefühle muss man immer ernst nehmen. Ich habe zum Beispiel große Angst vor Fahrradkurieren. Das sind für mich Gefährder im klassischen Sinne. Ich habe halt den Vorteil, dass ich solche Ängste in meinen Programmen aufarbeiten kann.