Reise ohne Reibung

The Chemical Brothers haben in den letzten Jahrzehnten elektronische Musik mitgeprägt und sich immer wieder in die Charts geschlichen. Mit ihrem neuen Album "No Geography" geben sie sich so unkommerziell wie selten - sie wirken eher schwerelos.

Seit inzwischen 30 Jahren gibt es The Chemical Brothers. Pünktlich zum Jubiläum haben die Ikonen der elektronischen Musik ein neues Paket für Fans von Synthesizern geschnürt. Unmittelbar, nachdem das erste Foto von einem schwarzen Loch um die Welt ging, begeben sie sich auf eine kosmische Reise, die schwerelos anmutet. Leider auch, weil keiner der Songs eine große Anziehung ausübt. Dabei haben die Engländer Tom Rowlands und Ed Simons von Techno bis Trip Hop in den letzten drei Jahrzehnten zahlreiche Schubladen geöffnet, sie auseinandergenommen, die dazugehörigen Möbelstücke zerlegt und in den unvorstellbarsten Kombinationen wieder zusammengesetzt. Songs wie "Hey Boy Hey Girl" oder "Galvanize" wollen und können partout nicht alt werden. Auf "No Geography" finden sich solche Hits nicht.

Die Chemical Brothers verzichten diesmal auf namhafte Features und eingängige Refrains, wie man sie aus ihrer jüngeren Vergangenheit kennt. Die dreiteilige Schöpfungsgeschichte von "Eve Of Destruction" entfaltet sich bis zum Titelsong fließend, aber unauffällig. Der Hörer ist umgeben von fluoreszierenden Synthesizern und wartet bis zu dem erhellenden Moment, in dem die digitale Snare reinknallt und irgendwo Frauen in bunten Leggins zu dem Sound tanzen, der die 80-er und das Jetzt verbindet. Die Musik auf "No Georgraphy" klingt nicht orientierungslos, Taktgeber sind die Briten damit aber nicht.

Unterwegs im luftleeren Raum

Ohne prägnante Melodien und ohne Reibung rauschen die Chemical Brothers durch einen luftleeren Raum. Nur manchmal horcht man bei einem Drumset auf oder ist kurz von einem Synthesizer hingerissen, der sich dann aber schnell wieder verliert. Die Norwegerin Aurora steuert ein paar ansprechende Gesangspassagen bei, während der eklektische Sound sich schwertut, irgendeine konkrete Form anzunehmen. Diese fehlende Stringenz kann man als mutig verstehen, weil "No Geography" sich dem Pop der vergangenen Alben verweigert. Nur wirken so eben viele Tracks eher wie Begleitstücke; wirklich erinnerungswürdige Songs gibt es auf dieser neuen Scheibe nicht.

Immerhin: Die Chemical Brothers, bei denen man inzwischen ja immer Großes erwartet, wirken auf dem Nachfolger zu "Born In The Echoes" (2015) nie verkrampft oder bemüht, und die hohen Synthesizer sind auch nie so hoch, dass sie nerven würden. Das macht "No Geography" natürlich nicht zu einem guten Album - ein Fall fürs schwarze Loch ist diese Platte aber auch nicht.

The Chemical Brothers - Got To Keep On