Sie ist ein Model und sie macht Musik

Als Model und Partnerin von Elon Musk liefert Grimes immer viel dankbaren Stoff für die Klatschpresse. Ihre Musik aber bleibt auch auf "Miss Anthropocene" ein krasser Pop-Gegenentwurf.

Als Model und Partnerin von Elon Musk liefert Grimes immer viel dankbaren Stoff für die Klatschpresse. Ihre Musik aber bleibt auch auf "Miss Anthropocene" ein krasser Pop-Gegenentwurf.

Als Partnerin von Tesla-Chef Elon Musk, Model für Stella McCartney, Adidas und Chanel sowie als T-Shirt-Designerin für das Modelabel Yves Saint Laurent ist Grimes stets eine heiße Quelle für die Modemagazine und Pop-Klatschspalten. Die 1988 in Vancouver, Kanada, geborene Claire Boucher (wie Grimes eigentlich heißt) hat mit ihren vergangenen Alben aber auch bewiesen, dass sie Pop-Star und selbstbestimmte, querdenkende Musikerin, Komponistin und Sängerin zugleich sein kann. Angeblich hat sie erst während ihres Studiums der Neurowissenschaften damit angefangen, zu musizieren, und sich nebenbei selbst beigebracht, Musik professionell aufzunehmen.

Mit aufsehenerregenden Kollaborationen und immer neuen Kunstaktionen sorgt Grimes dafür, dass es immer einen Grund gibt, über sie zu reden. Die künstlerische Selbstverwirklichung aber steht bei ihr, anders als bei vielen prominenten Kolleginnen, immer an erster Stelle. Das neue Album "Miss Anthropocene", das bereits im Jahr 2017 angekündigt wurde und dessen erste Songentwürfe zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Künstlerin und Plattenfirma geführt haben sollen, ist in jeder Hinsicht ein echtes Schwergewicht geworden. Schon der Titel, die Zusammenstellung aus den Worten "Misanthropie" (Menschenhass) und "Anthropocene" (Anthropozän; der Begriff steht für das Zeitalter des Menschen), deutet es an: Grimes taucht hier tief in den Diskurs über Umwelt, Klimawandel, Egoismus und Selbstzerstörung der Menschheit ein. Die Internetseite der Künstlerin präsentierte sich zuletzt als düsteres Puzzle mit vielen Informationen und grafischen Designs, die natürlich von ihr selbst entworfen wurden.

Grimes hat erneut alles selbst in die Hand genommen, komponiert, gesungen und eingespielt. Und wer glaubt, dass bei solch einem wild-umtriebigen Workflow nicht mehr viel musikalische Komplexität zu erwarten sei, wird (wie schon bei den Vorgängeralben) eines Besseren belehrt. Mystische japanische Vocals vermischen sich auf "Darkseid" mit düsteren Dub-Beats und Drum'n'Bass-Elementen. Der erste Track "So Heavy I Fell Through The Earth" greift konsequent in die Trickkisten von Dreampop und EDM, biegt an jeder Ecke unberechenbar in eine neue Richtung ab und wirkt dabei einprägsam und verwirrend zugleich. Überraschend taucht dann "Delete Forever" als reduzierte, clever komponierte Singer/Songwriter-Pop-Perle auf, die zwischen einem dicken Beat und geschickt verstreuten Sample-Einwürfen durchaus auch ihren Tiefgang findet.

Der Unterschied zu früheren Grimes-Alben ist vor allem, dass das gekonnte Spiel mit klanglichen Gegensätzen auf "Miss Anthropocene" noch fließender daherkommt als bisher. Und vielleicht auch, dass es diesmal noch mehr zu entdecken gibt. All die großen Musikpreise, die zuletzt eine Billie Eilish abräumte: Grimes wäre inzwischen definitiv auch reif dafür.

Grimes - So Heavy I Fell Through The Earth