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Sturkopf und Charmebolzen: Eine Hommage an den "Kuli der Nation"

Hans-Joachim Kulenkampff: Deutschlands beliebtester Showmaster der 60-er, 70-er und 80-er wäre am 27. April 100 Jahre alt geworden. Eine Hommage an den "Kuli der Nation".

Nein, das Überziehen hat nicht Thomas Gottschalk erfunden, sondern schon Jahre vor ihm ein anderer. Jeglichen Zeitrahmen zu sprengen, das war für Hans-Joachim Kulenkampff ein sichtbares Zeichen der Unangepasstheit und der Eigenwilligkeit. Wer damals vor dem Fernseher saß, wird sich mit Genuss daran erinnern, wie am Ende von "EWG - Einer wird gewinnen" immer der Butler Martin Jente kam, um Kuli, wie ihn alle nannten, Schirm, Schal und Mantel zu bringen. Ein Freund und Gentleman trat ab, und die Zuschauer daheim waren wieder allein. Am 27. April würde der große Showmaster, Schauspieler, Entertainer und Conférencier, der 1998 starb, 100 Jahre alt. Einen wie ihn hat es seither nicht mehr gegeben.

Die Sehnsucht nach Fernsehpersönlichkeiten dieses Schlages ist ungebrochen groß. Und doch darf man sich berechtigterweise fragen, ob einer wie Kulenkampff heute noch in die TV-Landschaft passen würde. Der Abschied von Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass ..?" führte das Dilemma schon vor zehn Jahren vor Augen. Der Showmaster für die ganze Familie ist eine aussterbende Gattung. Weil er in Zeiten des Zielgruppenfernsehens im Grunde nicht mehr gebraucht wird.

Beim ZDF versuchte man sich einen Gottschalk-Nachfolger zu schnitzen, aber es ist bekannt, wie die Versuche endeten. Die zuletzt von Markus Lanz moderierte letzte Bastion des sogenannten "Lagerfeuer-Fernsehens" wurde im Dezember 2014 eingestellt. Probiert wird es immer wieder. Die Versuche fallen mehr oder weniger verkrampft aus. Aber, so flehentlich sie auch von manchen herbeigesehnt werden, TV-Unterhaltungsformate für die breite Masse gibt es seither nicht mehr. Am ehesten erinnert noch die Resonanz auf die Musikrateshow "The Masked Singer" bei ProSieben an die gute, alte Zeit des Geschmacks-Konsens'.

Würde "Kuli", der im August 1998 in seiner Salzburger Wahlheimat starb, noch leben, er würde sich in die vom Quoten-Druck geplagten Kollegen wahrscheinlich gut einfühlen können. "Wenn uns die Leute nicht mehr sehen wollen, dann hören wir eben auf", maulte Deutschlands über Jahrzehnte beliebtester Entertainer, der angeblich schon dann schwächelte, wenn der Marktanteil mal nicht jenseits der 80 Prozent lag.

"Fernsehen ist Industrie geworden"

Vom Fernsehen konnte und wollte Kulenkampff trotzdem nicht lassen - beinahe bis zuletzt. Goethe und Tizian seien ja auch nicht in Rente geschickt worden, so argumentierte er, schon ziemlich betagt. Er selbst sah sich als seriöser Schauspieler, jede Theatertournee war ihm angeblich wichtiger als die Samstagabend-Unterhaltung in den großen Hallen. Und stets hielt er ein ernstes Wörtchen für die Kollegen bereit: "Überall Betrug und Selbstbetrug". witterte er. "Sogar die Lacher kommen aus der Dose." Und: "Fernsehen ist Industrie geworden. Die meisten Unterhalter sind aalglatt. Kaum einer macht den Mund auf, keiner will anecken."

Der Willy-Brandt-Freund Kulenkampff war da anders. Der gebürtige Bremer legte sich schon mal mit "Bild" an und mit Kollegen. Eine Büchersendung bei RTL entpuppte sich ebenso als später Fehltritt wie ein verstaubtes zeitgeschichtliches Ratespiel bei der ARD, zu dem sich noch einmal ein paar Dritte Programme zusammenrauften. Doch all das konnte Kulis Ruhm nicht schmälern. Längst war er zu seiner eigenen Legende geworden.

16 Millionen Zuschauer hatte er bei "Einer wird gewinnen" schon in den 60er-Jahren. Mit "EWG" wurde er zum "Kuli der Nation". Von 1964 bis 1987 moderierte er mit Unterbrechungen das Format auf seine unnachahmliche Weise, mit dem Gentleman-Charme, der Schlagfertigkeit, die nie verletzte, der leichten Schnoddrigkeit und dem Schmelz in der Stimme. Nein, zur Fernsehlegende würde man damit heute wahrscheinlich nicht mehr. Er fehlt uns trotzdem.

Kulenkampff war der Beste mit seiner Lässigkeit und Unverdrossenheit

2018 rauschte sein großer Name dann plötzlich nochmals durch die Medien. Der absolut sehenswerte Dokumentarfilm "Kulenkampffs Schuhe" von Regina Schilling zog damals Parallelen zwischen der Verdrängungslust der Nachkriegsdeutschen und ihren geliebten Samstagabendshows. Im Kern geht es im Film, der fast ausschließlich aus privatem und international zusammengetragenem Archivmaterial besteht, um das unglückliche Leben des Vaters der 1962 geborenen Autorin.

Nie hatte er nach dem Krieg über seine offensichtlich traumatischen Kriegserlebnisse gesprochen. Nicht mit den Kindern, aber auch nicht mit der Mutter. Immer wieder fragt sich Regina Schilling, die Autorin, im Film: Was hatte er damals gemacht, was dachte er, wenn sie an Samstagabenden in der Familienrunde "frisch gebadet" vor dem Fernseher saßen bei "Einer wird gewinnen", bei der "Peter-Alexander-Show" oder, später, bei Hans Rosenthals "Dalli Dalli"? Er bei Bier und Zigaretten, die Mutter bei einem Gläschen "süßen Mosels".

Kuli galt dabei die meiste Aufmerksamkeit. Er war ja auch der Beste in all seiner Lässigkeit und seiner Unverdrossenheit, wenn es darum ging, spitzzüngig und ein wenig schräg an die Gräuel des Krieges zu erinnern und alles Militärische auf die Schippe zu nehmen. Längst nach dem Ende von "EWG" zeigte er sich in Talkshows noch darüber beglückt, dass er als Theatermensch nur noch ein Tourneewägelchen und keine Kanone mehr wie im Krieg hinter sich herziehen musste.



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