Süße Träume, haariges Erwachen

Ganze 15 Jahre nach ihrem bekanntesten Song schultert Annett Louisan ein Doppelalbum mit dem verheißungsvollen Titel "Kleine große Liebe". Was sie darauf anbietet, ist eine Reise durch die eigene Gefühlswelt, irgendwo zwischen himmelhoch jauchzend und ernüchternd pragmatisch - und damit ein absoluter Erfolg.

Für das Mainstream-Radio war ihre Musik eigentlich immer untauglich, und doch gehört sie zu den beeindruckendsten und meistverehrten Liedermacherinnen in Deutschland: Seit ihrem Erstaufschlag "Das Spiel" aus dem Jahr 2004 hat Annett Louisan sieben Alben veröffentlicht, die durch einen langen Atem beachtlichen Erfolg erzielen konnten. Irgendwo zwischen Pop, Chanson und allem, was der inzwischen 41-Jährigen noch so in den Kopf schießt, hat sie nach und nach ihren Stil gefunden und perfektioniert. Nach fünfjähriger Abstinenz (ein Coveralbum ausgenommen) ergänzt Louisan ihre Karriere mit dem Doppelalbum "Kleine große Liebe" um ein weiteres Highlight.

Wobei der Begriff Doppelalbum eher leidlich beschreibt, was der Hörer hier bekommt. Eher sind es doch zwei Alben, die sich gegenüberstehen, die mit verschiedenen Teams erarbeitet wurden und deren Entstehung durch die Geburt des ersten Kindes getrennt waren. Im ersten Teil dieses doppelten Glücksfalls für die deutsche Musik bleibt es eher leise. Zwar stolpert der Titelsong als fröhlich beschwipstes Liebeslied durch die Tür und sammelt auf dem Weg Klavier und zurückgenommene Bläser ein, doch die introspektiven Stücke der ersten Albumhälfte verlieren nie ihre Fassung. Beim Familientreffen wird zwar tief im Inneren die Faust geballt, doch Louisans Klavierstücke sind zu jedem Zeitpunkt fein nuanciert.

Bei Songs wie "Zweites erstes Mal" kann man melancholisch in Erinnerungen schwelgen und sich der bezaubernden Stimme hingeben, die seit 15 Jahren ein Markenzeichen der Sängerin ist. Für die junge Tochter wird Annett Louisan "Ein besserer Mensch" und gelobt, fortan auf das Rauchen und Fluchen zu verzichten. Sie verhandelt all dies im stillen Kämmerlein, einfach instrumentiert, ohne großes Brimborium. Sie findet einen spielerischen Umgang mit ihrer Körpergröße ("Ich bin klein, doch das ist für mich kein Riesenproblem") und bezeichnet sich humorvoll als "Albtraum jedes Anschnallgurts", weiß aber auch: "Trüg ich mein Herz auf endlosen Beinen, könnte es auch nicht größer sein."

Sie raucht die Zigarette danach schon davor

Zwischendurch tötet in den cleveren Texten der Alltag die Romantik, wenn nach dem Erwachen aus sehnsüchtigen Träumen nur ein schnarchender haariger Rücken im eigenen Bett wartet. An anderer Stelle singt Louisan dann ein grandioses Loblied auf den ungeraden Weg, wenn sie feststellt: "Die schönsten Wege sind aus Holz." Wenn die Wahlhamburgerin dichtet, erinnert man sich, wie reich die deutsche Sprache ist.

Für die zweite Hälfte wird die musikalische Spannungsschraube dann spürbar angezogen. In der Single "Belmondo" wird es dramatisch. Einmal mehr ist die Zeit ein Liebestöter, und Louisan bemerkt: "Ich rauche die Zigarette danach schon davor." In diesem Moment ist sie wieder sehr nah am Chanson, den sie so liebt. Danach mischen sich Synthesizer ins Getümmel, das Tempo erhöht sich. Die Liebe wird nicht mehr im stillen Kämmerlein verhandelt, sondern vom Balkon einer Dachgeschosswohnung in Rom oder Paris gerufen. Die musikalische Vielfalt kann auch mal irritieren, etwa wenn Annett Louisan in "Haie" auf dem Spuren von Kim Wilde so klingt, als ob sie im schwarzen Pontiac Firebird durch die Zeit reist - Vocoder-Effekte inklusive.

Was allerdings immer bleibt, ist diese zarte, unverwechselbare Stimme, die den Liebeszeilen noch viel mehr Gewicht verleiht. Es ist dieses Schmachten, diese Eleganz, die den Hörer in Sicherheit wiegt, nur um ihn dann über den Text mit doppelter Härte zu treffen. Louisan versteht sich perfekt in der Rolle der schonungslosen Realistin. Träumen ist auf "Kleine große Liebe" erlaubt, am Ende findet man aber immer auf den Boden zurück.

Annett Louisan - Belmondo