Tinderello und die Suche nach der großen Liebe

"Zieh dich aus wie ein Bonbon": Teenie-Star Mike Singer wird auf seinem neuen Album "Trip" endgültig zum Junior-Gigolo und zeigt, wie schäbig Popmusik sein darf, solange die Kasse stimmt.

Sie sehnen sich nach Liebe, aber ein bisschen herumtindern ist auch geil - gleich mal irgendeine Statusmeldung posten! - Das Leben von Teenagern war vielleicht noch nie so kompliziert wie heute. Was kann/darf/soll ich, was will ich? Die Sozialisierung findet zunehmend in einer filterfreien digitalen Welt statt, und woran orientiert man sich da? Klar, an den großen Stars. Nur taugen die, wenn sie selbst noch halbe Kinder sind, eben auch nicht immer zum Vorbild. Auftritt: Mike Singer, 19, mit seinem neuen Album "Trip".

Lukas Rieger ist groß, aber Mike Singer ist größer. Sein Debütalbum "Karma" (2017) landete auf Platz eins, der Nachfolger "Deja Vu" (2018) ebenfalls, und das neue Album wird auch wieder auf Platz eins landen. "Oh Mein Gott! Nur noch eine Woche bis 'Trip' erscheint. Jetzt 'Trip' auf Apple Music vormerken!", postete Mike Singer kürzlich auf Facebook, natürlich mit entsprechendem Link. Davor verwies er auch auf die Playlists bei Deezer und Spotify. Klick, klick, klick: Wenn es um die Vermarktung geht, ist Mike Singer eine echte Maschine, und die läuft seit Jahren wie geschmiert.

"Trip" wird auch in einer exklusiven Box erhältlich sein, mit Mike-Singer-Beanie, Mike-Singer-Bauchtasche, Mike-Singer-Poster. Klebetattoos, Haarbänder und eine Powerbank mit Singers Logo sind auch dabei. Die Fans wissen das alles natürlich schon, sie haben das Unpacking-Video bei YouTube gesehen. Wer ihr Held aber wirklich ist, das wissen die Fans nicht - sie kennen nur eine durchgestylte, durchoptimierte Pop-Hülse. Wenn sie auf "Trip" etwas erfahren, dann höchstens, dass Mike Singer manchmal genauso verwirrt ist wie sie selbst.

"Gesicht wie aus der Werbung, sie darf gern zuerst komm'n"

Es gibt grundsätzlich zwei Sorten von Songs auf dem Album "Trip", das selbstredend allen modernen Trap-, Pop- und Dance-Standards entspricht, und dann noch einen Ausreißer, der aufhorchen lässt. In manchen Songs zeigt sich Mike Singer gefühlvoll, da will er dann auch nur die Eine. "Geh mit dir egal wohin heute Nacht", singt er etwa im Titelsong, und "Wir sind lange noch nicht da, aber immerhin zusammen". Mike Singer sucht hier ehrliche, intime Zweisamkeit und geht an anderer Stelle auch auf Abstand zu oberflächlichen Mädels, die nur das Eine wollen: "Ihre Art und Weise ist nicht ehrlich, deshalb ist ihr Lächeln so gefährlich ... Du bist nur 'ne Tinderella!" Das ist doch mal eine Einstellung, die Mama gefallen wird! Umso erschrockener wird sie dann feststellen: Mike Singer ist selbst eigentlich auch ganz schön oberflächlich, und wenn er an Frauen denkt, dann denkt er schnell auch an Duweißtschonwas.

Ein Auszug aus der Single "Ulala": "Ich hab dich schon beim Reingehen entdeckt / Sag deinen Mädels, du bist gerade mal kurz weg / Schreib deinem Freund, du kommst morgen erst nach Haus / Keine Sorge, ich pass' heut auf dich auf." Oder aus "Bon Voyage": "Sie will zum Konzert komm'n / Doch wenn Mama da ist, darf sie mir nicht näher komm'n / Doch backstage darf sie gern komm'n / Ihr Gesicht wie aus der Werbung, sie darf gern zuerst komm'n". Hoppla! Und wenn Mike Singer dann mit einem Mädchen durch ist - na dann soll sie bitte hinterher nicht nerven: "Ich schreib' ihr nicht mehr zurück, sie kommt nicht klar / Leider muss ich weiter, Baby, bon voyage." Swoosh, weggewischt, die Nächste bitte. Keine der Besungenen auf "Trip" hat einen Namen, und in "Bon Bon" ist die Frau dann bloß noch Objekt: "Pack dich aus wie ein Bonbon, du bist süß wie ein Bonbon".

Solche Geschmacklosigkeiten sind freilich nicht nur die Verfehlung eines notgeilen 19-Jährigen, der nicht lange nachdenkt über das, was er singt, oder über die Bilder, die er vermittelt. Hinter Mike Singer steht ein enormer Apparat mit Produzenten, Management und großer Plattenfirma. Aber für die ist das Pop-Business eben in erster Linie: Business. Singer selbst weiß es vielleicht einfach nicht besser, wie der einzige halbwegs persönliche Song auf "Trip" zeigt. In "Da wo wir sind" geht es um Unzulänglichkeiten verschiedener Art, die Singer tatsächlich sehr authentisch besingt, und darum, dass jeder etwas anderes von ihm will. "Doch ich weiß nicht, wie das geht / Sein, was ich nicht bin / Wo treiben die mich hin?", lamentiert er da, und schließt: "Darum bleib ich genau da wo ich bin." Dass er da bleiben will, wo es Fame und schöne Mädchen und teure Autos gibt - das ist durchaus nachvollziebar. Es macht das Ganze aber auch nicht besser. Also: gute Beats, hübsche Verpackung, aber an Haltung und Substanz fehlt es hier gewaltig.

Mike Singer - Ulala