Verliebt in die 80-er

Wer schon immer auf eine deutsche Version der britischen Kritiker-Lieblingsband Prefab Sprout oder von Tears for Fears gewartet hat, darf sich freuen: Die Kerzen aus Mecklenburg-Vorpommern bauen sehr liebevoll den Sound und das Lebensgefühl von damals nach.

Die Sound-Vorbilder der deutschen Band Die Kerzen kommen aus dem England der frühen und mittleren 80-er. Es sind Bands, die sich damals jenseits der Wut und Lautheit von Rock, Wave und Punk eine Welt aus unverhohlen romantischer, sanfter Popmusik bauten. Vor allen den Highend-Pop von Prefab Sprout und Tears for Fears kann man in "True Love", dem Debütalbum der Kerzen aus Ludwigslust, heraushören: Lieder wie "Saigon" oder das Titelstück "True Love" erzählen von eher beiläufig beobachteten Alltagsszenen aus der Provinz.

In neun von zehn Liedern geht es um die Liebe, sagen sie. Eingepackt werden die halb gesungenen, halb gehauchten Texte in schön abgeschaute Gitarrenfiguren sowie die typischen Synthie-Flächen und Melodien der 80-er. "Bei den Bands der New-Romantic-Ära", erzählen die Musiker im Interview, "ging es um die großen, wirklich ganz großen Gefühle. Da sind Tränen geflossen. Bei uns fließen jetzt nicht mehr so die Tränen, sondern es geht vielleicht darum, dass man sich in die Straßenbahn setzt, zwei Schachteln Kippen dabei hat und 'ne Flasche Wodka. Und dann hat man irgendwie eine gute Zeit zusammen. Auch daraus können große Gefühle entspringen."

Mehr als ein ulkiger Retro-Witz

Entstanden ist der Sound der Kerzen durch Zufall. Die Musiker, vier Mittzwanziger-Freunde aus der nordostdeutschen Provinz, machen schon länger gemeinsam Musik. Diverse Bands mit unterschiedlichen Stilen hatte man bereits gemeinsam - unter anderem wurde düsterer Stoner Rock gespielt. Irgendwann gebar die Band während einer Session ein Stück, das nach dem Dream-Pop der 80-er klang, Es gefiel so gut, dass man danach ein zweites und drittes in diesem Stil komponierte. Wenig später wollte ein Freund, der sich in diese Musik verliebt hatte, eine Party feiern, bei der Die Kerzen live auftreten sollten. Also mussten schnell weitere Stücke für ein abendfüllendes Programm geschrieben werden. Das war gerade mal vor anderthalb Jahren. Mittlerweile schwirren einige sehr fantasievolle Videos durchs Netz, welche Zeitzeugen der 80-er zwar auch ein wenig schmunzeln lassen, doch die Schönheit und Eleganz der Brit-Bands von damals werden hier durchaus elegant gefeiert.

Wer noch nie etwas mit Bands wie den ewigen Kritikerlieblingen Prefabs Sprout oder Tears For Fears anfangen konnte, wird auch mit der deutschen Adaption dieses Pop-Gefühls nicht warm werden. Trotzdem ist der Band mit dem Album "True Love" mehr als nur ein ulkiger Retro-Witz gelungen. Es gibt ein ganze Reihe hervorragender Songs auf dem Album, und auch die Texte berühren mit ihren kurzen Schlaglichtern auf jugendlich-romantische Provinzgefühle.

Zwar gibt es beim Songwriting noch einige qualitative Schwankungen, trotzdem gelingt während der 35 Minuten von "True Love" ein seltsamer Spagat: Einerseits strotzt dieses Album vor Zitaten einer lange verblichenen Pop-Ära, andererseits transportiert die Musik ein authentisch jugendliches Lebensgefühl. Herauskommt eine Stimmung, die zweifellos mehr verfängt, als die meisten Comeback-Versuche und Retro-Touren der heute alten Original-Künstler von damals.

Die Kerzen - True Love