"Vielen Menschen des alten Systems ging der Arsch auf Grundeis"

Das Erste feiert 30 Jahre Mauerfall mit einem Ost-West-Agenten-Thriller, der an eine kuriose, aber zum Teil wahre Geschichte anknüpft. Petra Schmidt-Schaller spielt eine Agentin der DDR, die in Westberlin für die CIA arbeitet. Ein schizophrenes Leben?

Erst im vergangenen Jahr spielte die ehemalige "Tatort"-Kommissarin Petra Schmidt-Schaller in einem Film, der ein Stück jüngere deutsche Geschichte neu erfand. Oder sollte man besser sagen: Er erzählte eine "Story", wie es gewesen sein könnte? Nach dem RAF-Thriller "Der Mordanschlag" kommt nun der historische Ost-West-Thriller "Wendezeit" (Mittwoch, 2. Oktober, ARD). Er berichtet von einer Frau in Westberlin, die ein wahrhaft schizophrenes Leben führt: Weder ihr Mann, noch die beiden halbwüchsigen Kinder kennen ihre wahre Identität als Ost-Spionin. Petra Schmidt-Schaller, die ihre ersten neun Lebensjahre noch in der DDR verbrachte, spricht im Interview über Nachwirkungen und Wunden einer wilden deutschen Wendezeit.

teleschau: Vor 15 Jahren verhandelte man die Wende noch mit Filmen, die den Mauerfall im Sinne des Historienfilms nacherzählten. Zum 30. Jubiläum gibt's nun einen fiktiven Agenten-Thriller. Ist die "große" Geschichte auserzählt?

Petra Schmidt-Schaller: Die historischen Ereignisse kennt man mittlerweile. Es kommen aber immer noch interessante Details ans Licht, die neue Perspektiven auf damals eröffnen. Die in der Wendezeit verschwundenen Rosenholz-Dateien zum Beispiel: 300 CDs mit Namen von Inoffiziellen Mitarbeitern und Spionen verschwanden 1989 und tauchten bei der CIA wieder auf. Erst Mitte der Nullerjahre bekamen die deutschen Behörden sie zurück. Interessant ist aber, dass ein kleiner Abschnitt der alphabetisch sortierten Namen fehlt. Warum? Hier setzt unsere fiktive Erzählung an ...

teleschau: Sie verbreiten also eine Theorie, wie es gewesen sein könnte?

Petra Schmidt-Schaller: Ja, aber nicht als historischer Fakt, sondern als Gedankenspiel. Es könnte völlig triviale Gründe haben, warum die Buchstaben "La" bis "Li" in den CDs fehlen. Oder es gibt da draußen jemanden, der sehr froh darüber ist, eben diese Namen entfernt zu haben. An dieser Stelle geht das Kopfkino los, und wir haben einen interessanten Film-Plot.

"Man tat verrückte, ja filmreife Dinge, um sich für die Zukunft zu wappnen"

teleschau: 2018 spielten Sie in "Der Mordanschlag", einem ähnlichen Film, der Historie und Fiktion vermischte. Es ging um die RAF und den Tod des Treuhand-Chefs Detlev Karsten Rohwedder. Darf man Geschichte so frei behandeln?

Petra Schmidt-Schaller: Sofern Geschichte nicht verfälscht wird, sondern möglichen Theorien folgt, die ernsthaft diskutiert werden, finde ich das okay. Ich habe mehr Probleme mit der zeitlichen Verdichtung, die in historischen Filmen oft im Sinne der spannenderen Dramaturgie erfolgt. Auch in "Wendezeit" erzählen wir Dinge, die scheinbar binnen weniger Tage passieren. In Wirklichkeit lagen etwa sechs Monate zwischen all diesen Ereignissen. Fiction gehorcht ihren eigenen Regeln. Hollywood macht dies seit mehr als 100 Jahren vor. Man sollte Unterhaltung, die sich an Historischem orientiert, nicht mit seriösen Dokumentationen und schon gar nicht mit wissenschaftlich betriebener Geschichte verwechseln.

teleschau: Trotzdem haben sich die deutsch-deutschen Ereignisse in den Jahren 1989 und 1990 förmlich überschlagen. Fast schon, als hätten sie einem Drehbuch gehorcht. Haben Sie Erinnerungen daran?

Petra Schmidt-Schaller: Ja, auch wenn ich erst neun Jahre alt war, als die Mauer fiel. Die Nacht der Grenzöffnung erlebte ich im Bett. Meine Eltern waren ziemlich kühn. Sie sind gleich an jenem Abend rüber nach Westberlin - und ich lag allein daheim. Es hätte ja auch sein können, dass sich die Lage noch mal dreht und sie gar nicht mehr zurück dürfen. Das wäre natürlich nicht so doll gewesen - für mich (lacht). Aber ich glaube, die haben da gar nicht drüber nachgedacht. Alle waren wir im Rausch.

teleschau: Welche Gefühle verbinden Sie mit den Jahren nach der Wende?

Petra Schmidt-Schaller: Es herrschte eine Wildwest-Stimmung. Ich erinnere mich, dass mein Bruder damals von Thüringen nach Berlin ziehen wollte, aber es nicht klar war, wem die Wohnungen gehören. Viele wurden einfach aufgebrochen, Leute zogen ein und behaupteten, das sei ihre Wohnung. Viele Akten und Unterlagen verschwanden. Es ging auch ums Unkenntlichmachen von Identitäten, davon erzählt unser Film. Vielen Menschen des alten Systems ging der Arsch auf Grundeis. Man tat verrückte, ja filmreife Dinge, um sich für die Zukunft zu wappnen. Vielleicht sind es tatsächlich solche Geschichten, die mittlerweile ein bisschen mehr interessieren, als die politischen Ereignisse der Wende an sich.

"Eine Welt, in der sich irgendwie alle miteinander verbunden fühlten"

teleschau: Ist die Wildwestzeit heute überwunden?

Petra Schmidt-Schaller: Die Zeit ist vorbei, aber noch nicht verarbeitet. Somit gehen die Konflikte weiter. Es gibt viele Menschen, die damals Schaden genommen haben - genauso wie in der DDR in den 40 Jahren zuvor - dass wir natürlich heute noch damit zu tun haben. Durch die Wahlergebnisse im Osten ist das Thema auch wieder sehr präsent in der öffentlichen Diskussion.

teleschau: Was ist am schmerzhaftesten, welche Verletzungen empfanden die Menschen im Osten als die schlimmsten?

Petra Schmidt-Schaller: Ich glaube, dass die Erfahrung, verraten worden zu sein, für jeden Menschen eine der schlimmsten überhaupt ist. Wenn Menschen aus der Familie oder dem engsten Freundeskreis sich auf einmal als Spitzel herausstellen, stellt das die eigene Weltsicht auf den Kopf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man nach dieser Erfahrung genauso weiterleben kann. Wer solche Dinge erfahren hat, bleibt ein Leben lang beschädigt. Das geht nie mehr weg. Insofern wundert es mich nicht, wenn auch viele Probleme zwischen Ost und West 30 Jahre später noch sehr präsent sind.

teleschau: In "Wendezeit" spielen Sie eine Frau, die ihre langjährige Agententätigkeit für die DDR selbst ihrem Mann und den beiden Kindern gegenüber geheim hält. Gab es so etwas wirklich - und wie ist das auszuhalten?

Petra Schmidt-Schaller: Bei der Rollenvorbereitung hat mir das Buch "Kundschafterin der Friedens" von Gabriele Gast sehr geholfen. Sie arbeitete 17 Jahre als Top-Spionin der DDR beim BND, war also so ein bisschen das reale Vorbild für die Rolle. Sie stammte aus dem Westen, ließ sich aber von den Idealen der DDR überzeugen und wurde Spionin. Auch, weil sie bei einer DDR-Reise ein Gemeinschaftsgefühl erlebte, das ihr im Westen fehlte. Es war ein Aha-Erlebnis für sie. Ich glaube, dieses Gefühl gab es früher im Osten tatsächlich.

teleschau: Erinnern Sie sich auch daran?

Petra Schmidt-Schaller: Ja, auch ich erinnere eine Welt, in der sich irgendwie alle miteinander verbunden fühlten. Es kann natürlich sein, dass dieses Gefühl alleine meiner kindlichen Wahrnehmung geschuldet ist. Später hätte ich mir aufgrund der Enge und der politischen Restriktionen wahrscheinlich die Haare gerauft und geschimpft, in welch furchtbaren Land ich lebe. Dieses Gefühl der Solidarität gab es aber schon unter den Menschen damals. Auch und vor allem abseits der staatlichen Propaganda.

"Dann glaubt man den eigenen Legenden mehr als der Realität"

teleschau: Haben Sie dem Buch der ehemaligen Doppelagentin auch entnommen, wie man psychologisch mit dem permanenten Belügen der Liebsten klarkommt?

Petra Schmidt-Schaller: In vielen Berichten von Agenten und Doppelagenten liest man immer wieder, dass alles, was man lange Zeit und immer wieder tut, irgendwann zum Teil der Identität und etwas Normalem wird. Dann glaubt man den eigenen Legenden mehr als der Realität und lebt sie nebeneinander her. So als wäre man zwei unterschiedliche Personen. Es klingt im wahrsten Sinne des Wortes schizophren. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass dieses nebeneinander Existieren verschiedener Persönlichkeiten in diesem Fall wirklich Fakt ist. Anders könnte man es, glaube ich, auch gar nicht aushalten.

teleschau: Wird die Wahrheit überschätzt - wenn es darum geht, glücklich mit dem eigenen Leben zu sein?

Petra Schmidt-Schaller: Vielleicht gibt es für manche Menschen eine Alternative zur Wahrheit, wenn der Leidensdruck groß genug ist. Es muss so sein, denn immer wieder hört man davon, dass Leute große Geheimnisse mit ins Grab nehmen und trotzdem vorher nicht kreuzunglücklich schienen. Ich würde es nicht wollen. Aber ich weiß eben nicht, ob eventuell Lebensumstände auftreten können, in denen man aus Angst Dinge tut, die die Wahrheit verleugnen. Man darf nicht unterschätzen, die DDR war eine Diktatur. Systeme wie die DDR fördern solche Lebenslügen.