"Vielleicht hat sich das russische Kultusministerium eingemischt"

Für seinen neuen Film "Nurejew - The White Crowe" stand Ralph Fiennes vor und hinter der Kamera. Im Interview erzählt er über einen Filmdreh auf Russisch und über Ärger mit der Zensur.

Ralph Fiennes war "Der Englische Patient" und Lord Voldemort in den "Harry Potter"-Filmen. Seit seiner Rolle als Amon Göth in "Schindlers Liste" zählt er zu den größten Charakterdarstellern weltweit. Zwischendrin führt der Engländer immer wieder auch Regie. Für "Nurejew - The White Crow" (Kinostart: 26. September) stand der Schauspieler sowohl vor als auch hinter der Kamera. In seinem Film über Rudolf Nurejew (1938-1993), den wohl besten und wichtigsten Balletttänzer des 20. Jahrhunderts, spielt Fiennes den Ballettmeister Alexander Iwanowitsch Puschkin, Nurejews Lehrer. Zum Interview erscheint ein konzentrierter und aufgeräumter Ralph Fiennes, um über seinen neuen Film zu sprechen. Nur als es um das Thema Zensur geht, wird der bedächtige 56-Jährige emotionaler.

teleschau: Mr. Fiennes, in "Nurejew - The White Crow" sprechen Sie ausschließlich Russisch ...

Ralph Fiennes: Stimmt. Ich musste sehr hart dafür arbeiten. Zwar konnte ich schon zuvor ein bisschen Russisch, aber nicht genug, um all die Dialoge im Film zu sprechen. Ich habe mit meinem Hauptdarsteller Oleg Ivenko geübt und mit einer Übersetzerin. Große Teile der Dialoge mussten wir später noch einmal aufnehmen. Nicht nur die Aussprache war eine Herausforderung, sondern auch, etwas in einer Fremdsprache richtig herüberzubringen.

teleschau: Und wie war es, in mehreren Sprachen Regie zu führen?

Fiennes: Das war nicht so schwierig, wie man vermuten würde. Ich kannte alle Dialoge auswendig, ich wusste, wer was sagt. Manchmal wollten die russischen Schauspieler eine Zeile anders sagen, und das war für mich okay so, wenn es dasselbe bedeutete. Glücklicherweise sprach mein Hauptdarsteller Englisch.

teleschau: In einer Szene des Films zeigen Sie Rudolf Nurejew und seinen deutschen Freund im Bett, nachdem die beiden Sex hatten. Hatten Sie deswegen Probleme mit der russischen Zensur?

Fiennes: Diese Szene hat mir viele Probleme bereitet. Die Produktionsfirma HanWay Films hatte mich schon vorgewarnt, und ein russischer Freund hatte mir gesagt, es käme darauf an, wie explizit die Szene ist. In Russland brachte Disney den Film in die Kinos. Man sagte mir: "An dem Film ist nichts, das russisches Publikum anstößig finden könnten. Aber wir wollen, dass der Film auch von einem jungen Publikum gesehen wird." Man machte mir deswegen Druck, die Szene mit den beiden im Bett herauszunehmen und auch jene Szene, in der man Louis Hofmann nackt von vorne sieht. So könnte man den Film ab 16 freigeben, hieß es.

"Ich drückte meine Frustration darüber aus"

teleschau: Und was haben Sie gemacht?

Fiennes: Ich drückte meine Frustration darüber aus und bestand darauf, die Szene beizubehalten. Man sagte mir, all das habe nichts mit staatlicher Zensur zu tun, sondern damit, dass der Film auch in den Kinos gesehen werden soll. Es war also eine finanzielle Frage, die meinen Film zensiert hat. Ich drückte erneut meinen Ärger aus. Also sagte mir jemand von Disney: "Es wird die Version ab 16 geben, abends aber wird die ungeschnittene Fassung gezeigt."

teleschau: War es so?

Fiennes: Als der Film schließlich in Russland anlief, fragte ich einen Freund: "Und, hast du die Szene mit den beiden Jungs im Bett gesehen?" Seine Antwort: "Nein." Disney war sehr undurchsichtig darüber, was passiert war. Offenbar hatte man den russischen Kinos meine Version angeboten, die wollten sie aber nicht zeigen. Ich weiß nicht, was wirklich passiert ist - ob das russische Kultusministerium sich eingemischt hat und gesagt hat, dass das nicht akzeptabel sei. Auch in arabischen Ländern oder in China wird die Szene rausgeschnitten werden. Das muss man leider akzeptieren. Rückblickend wünsche ich mir, ich hätte noch ein bisschen mehr von Nurejews Homosexualität in meinem Film gezeigt und wie glücklich er damit war.

teleschau: Nach "Coriolanus" und "The Invisible Woman" wollten Sie eigentlich in keinem Film mehr Regie führen, für den Sie auch vor der Kamera stehen. Warum nun der Sinneswandel?

Fiennes: Das war eine pragmatische Entscheidung. Ich wollte ursprünglich nicht selbst in dem Film mitspielen, aber es war sehr schwierig, den Film finanziert zu bekommen. Weil er zu einem großen Teil auf Russisch gedreht wurde. All die Hauptdarsteller sind in Russland bekannt - aber eben nur dort. Also sagten die russischen Geldgeber: Wenn du unser Geld willst, um in mehreren Ländern drehen zu können, dann solltest du in dem Film mitspielen, weil wir einen Star brauchen. Das Geld aus Russland hab ich dann aber nie erhalten (lacht). Manchmal muss man eben seine eigenen Regeln brechen.

teleschau: Auch Rudolf Nurejew brach Regeln ...

Fiennes: Richtig, Nurejew war sehr präzise, wenn es um seine Technik ging, aber er glaubte auch daran, das Ballett weiterzubringen. Früher bekamen die Frauen im Ballett die besten Rollen, er aber fühlte, dass auch die männlichen Tänzer das zusteht, dass sie zeigen sollten, was sie können. Er hat seine Bewegungen, die eines Mannes, verweiblicht. Manche dachten damals: Oh, er tanzt wie eine Frau!

"Ich habe mich nie wirklich für Nurejew interessiert"

teleschau: Wie kamen Sie auf die Idee, Nurejews Leben zu verfilmen?

Fiennes: Vor 20 Jahren hat mir meine gute Freundin Julie Kavanagh die ersten Kapitel ihrer Biografie über Nurejew geschickt. Warum sie das gemacht hat, war mir nie so wirklich klar. Bis sie mir vor Kurzem verriet, dass sie wollte, dass ich die Texte an Anthony Minghella (der Regisseur von "Der Englische Patient", d. Red.) weitergeben soll (lacht). Das tat ich aber nicht. Damals dachte ich mir: Eines Tages sollte man einen Film draus machen.

teleschau: Was hat Sie an der Geschichte von Nurejew interessiert?

Fiennes: Ich habe mich nie wirklich für Nurejew interessiert, wenn auch für Russland an sich sehr wohl. Ich las die Kapitel und dachte mir: Die Geschichten dieses jungen Mannes, der aus armen Verhältnissen stammt und spürt, dass er sein Ding machen muss, ist einfach fantastisch. Nurejew geht von Ufa nach Leningrad, dann nach Paris - und dort sieht er dann: Es gibt noch eine andere Welt jenseits der Sowjetunion. Schließlich entscheidet er sich, im Westen zu bleiben. Großer Stoff für einen Film!

teleschau: Warum haben Sie sich entschieden, die Hauptrolle in Ihrem Film nicht mit einem professionellen Schauspieler, sondern mit einem professionellen Tänzer zu besetzen?

Fiennes: Ich betrachte Oleg jetzt als Schauspieler. Ein Schauspieler ist kein Tänzer, auch wenn er vielleicht Ballett-Stunden genommen hat. Er wird immer ein Schauspieler bleiben. Man müsste ihm ganz konkrete Anweisungen geben, wie er sich zu bewegen hat und für die schwierigen Szenen ein Double benutzen. Und das kostet alles Geld, das ich nicht hatte.

teleschau: Haben Sie jemals selbst Ballett getanzt?

Fiennes: Ja, ich habe ein paar Ballett-Stunden genommen.

teleschau: Aber eigentlich betreiben Sie Yoga, oder?

Fiennes: Yoga ist toll, weil man nicht nur immer seine Bewegungen neu ausrichtet, sondern auch seine Beziehung zu sich selbst. Der Körper führt einen an seine eigenen Grenzen, das haben Yoga und Ballett gemeinsam. Aber ich hatte leider schon lange keine Yoga-Stunde mehr.

teleschau: Wie lassen Sie sich für Ihre Arbeit inspirieren? In Ihrem Film besucht Nurejew Kunstmuseen und studiert anhand von Bildern und Statuen Bewegungsabläufe.

Fiennes: Ich liebe es, Kunstausstellungen zu besuchen. Als Schauspieler muss man seinen Text kennen und wissen, wen man darstellt. Die ganze Vorstellungskraft braucht aber ständig Nahrung. Wenn ich beispielsweise den römischen Soldaten Marcus Antonius im Shakespeare-Stück spiele, dann hilft es mir, Kriegsfilme anzuschauen, "Apocalypse Now" etwa. Das gibt mir eine Idee davon, wie man sich als Soldat fühlt. Oder ich betrachte Bilder römischer Statuen. Nurejews Wohnung in Paris war voll mit männlichen Aktzeichnungen. Das war für ihn die perfekte männliche Form.