Von einem, der der Musikindustrie den Rücken kehrte

Wer als Musiker Erfolg haben will, muss hart arbeiten, doch trotz größter Mühen bleibt die Karriere am Ende oft nur ein Traum. Der Singer/Songwriter Hannes Wittmer gehört zu denen, die es geschafft haben, doch auf den Lohn will er nun zu großen Teilen verzichten. Warum?

Wer als Musiker Erfolg haben will, muss hart arbeiten, doch trotz größter Mühen bleibt die Karriere am Ende oft nur ein Traum. Der Singer/Songwriter Hannes Wittmer gehört zu denen, die es geschafft haben, doch auf den Lohn will er nun zu großen Teilen verzichten. Warum?

Nähme alles seinen gewohnten Lauf, würde man Hannes Wittmer gerade wieder von Plakaten grüßen sehen. In Hannover etwa, in Hamburg, Berlin, Leipzig, Köln und Frankfurt. Unter anderem dort steht der Liedermacher im November auf der Bühne. Anhänger grüblerischer Gitarrenmusik kennen ihn vor allem unter seinem alten Künstlernamen Spaceman Spiff. Doch in gewohnten Bahnen läuft bei Wittmer nichts mehr, und das kürzlich eingemottete Alias ist dabei nur der Anfang: Der 33-Jährige leistete sich im vergangenen Jahr einen rigorosen Bruch mit der Musikindustrie. Weg vom renommierten Poplabel, raus aus dem Handel, keine Eintrittskarten mehr bei Ticketbörsen. Große Werbemaßnahmen wie Plakatkampagnen verbieten sich ebenfalls.

"Ich saß da vor zwei Jahren und dachte mir: 'Scheiße, was passiert hier gerade?' All diese Probleme, auf die wir zusteuern, und trotzdem machen alle, inklusive mir, business as usual", erinnert Wittmer sich bei einem Treffen an den Startschuss seiner zweiten Karriere, bei der es nach wie vor um Musik geht. Im November 2018 veröffentlichte Hannes Wittmer sein viertes Album "Das große Spektakel". Jedoch gibt es keine CD dazu bei Amazon zu kaufen, keine Streams bei Spotify. Der Langspieler erschien exklusiv zum freien Download auf Wittmers Webseite, hanneswittmer.de. Spenden an den Interpreten sind optional, über die Erlöse aus einem limitierten Vinyl-Verkauf durfte sich die NGO Pro Asyl freuen. Seine Auftritte laufen zudem nach dem "Pay What You Want"-Prinzip: Die Gäste bezahlen, was sie für richtig halten oder sich leisten können. "Ein bis zwei Scheine" seien es in der Regel, wie Wittmer nach mehrfachem Nachfragen erklärt.

Wittmer macht inzwischen einen großen Bogen um die großen Player der Musikindustrie, seinen neuen Weg möchte der für sanfte Töne bekannte Sänger aber nicht als Kreuzzug gegen das ganze (Teufels-)Werk dahinter verstanden wissen: "Es gibt natürlich auch Indielabels, die das aus Leidenschaft tun und nur beim Nötigsten mitspielen", beschwichtigt er. Und: "Ohnehin sollte sich niemand von mir ans Bein gepisst fühlen oder auch nur kritisiert für das, was er tut. Ich will mich einfach nur davon lösen." Lösen von einer Entfremdung zwischen Künstler und Publikum, da Musik oft nur noch als digitale Ware angesehen werde. Lösen vom allgegenwärtigen Immer-Mehr und Immer-Größer.

Es geht um Utopien

Bisher genoss Hannes Wittmer ein solides Musikerleben, in dem man sich auch mal Bio-Käse aufs Brot legen konnte, wie er es ausdrückt. Sein eigenwilliger, den Calvin-und-Hobbes-Comics entlehnter Künstlername Spaceman Spliff hatte sich nach gut zehn Jahren und drei Alben etabliert. Ab 2014 griff ihm Thees Uhlmanns und Marcus Wiebuschs Label Grand Hotel van Cleef unter die Arme. Zu Konzerten kamen in den größeren Städten rund 200, auch mal 300 Leute - Tendenz steigend. Und sein Lied "Vorwärts ist keine Richtung" kratzt an der Eine-Million-Streams-Marke bei Spotify. Das gibt man doch nicht so einfach auf, oder?

Doch Hannes Wittmer will "die Dinge nicht mehr marktwirtschaftlich skalieren müssen", erklärt er. Sein neues Tun folgt einer ganzheitlichen Systemkritik. Er habe sogar darüber nachgedacht, ganz mit der Musik aufzuhören und sich einen anderen Job zu suchen. "Aber da ich zumindest ein bisschen in der Öffentlichkeit stehe und ein paar Tausend Menschen sich dafür interessieren, was ich zu sagen habe, dachte ich mir, dass das dann vielleicht doch der längste Hebel ist, an dem ich ansetzen kann."

Seit seiner einschneidenden Entscheidung, auf die Erträge seines Musikerdaseins zu pfeifen, intensiviert Wittmer sein kapitalismuskritisches Selbststudium. Dabei fällt sein Hauptaugenmerk auf die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und das Buhlen um Aufmerksamkeit. Der einstige Studienabbrecher nennt Soziologen wie Harald Welzer und Hartmut Rosa sowie den Dokumentarfilmer Adam Curtis und betont seinen seit jeher träumerischen Ansatz: "Auch in meinen alten Liedern geht es um Sehnsüchte nach Utopien." Auf Album Nummer vier, "Das große Spektakel", kritisiert Wittmer immer wieder das menschliche Treiben, ohne aber seine stets fragende und hoffnungsvolle Grundhaltung aufzugeben.

Der Ruf des Waldes

Als Treffpunkt für das Gespräch schlug Wittmer ein kollektiv geführtes Café in seiner Heimatstadt Würzburg vor. Man kennt ihn dort, er spielte kostenfrei zur Eröffnung Anfang des Jahres. Viele "Probleme", die der ehemalige Wahlhamburger im Alltag beobachtet, scheinen hier ausgehebelt. Viel Bio, viel gemeinsam, wenig Profitdenken. Ein Stückchen Hoffnung für Gleichgesinnte. Und obwohl er sich zuletzt stark radikalisierte in seinem Denken, gehen von Wittmer keine schlechte Laune und kein Gemecker aus. Er kommt freundlich daher, studentisch leger gekleidet und offen für den Beitrag des Gegenübers sowie für Scherze am Rande.

Auf seinem eingeschlagenen Weg fühle er sich bisher nur bestätigt, erklärt er. Die erste Tour zum neuen Album war auch ohne festen Ticketpreis profitabel, seine Anhänger spendeten fleißig, manche sogar mit Dauerauftrag. Theatermusikprojekte bringen ebenso etwas ein. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass er sich trotz allem noch in einer halbwegs komfortablen Lage befindet: "Natürlich ermöglicht mir mein Job andere Kapazitäten, und ich habe keine Familie zu ernähren. Aber das bestärkt mich ja nur, mir diesen Raum zu gönnen." Also alles nur ein Ego-Trip, um sich selbst besser zu fühlen? Auch das habe er hinterfragt in den vergangenen Monaten - mit dem Ergebnis, dass bei seinem Befreiungsschlag vor allem das "Gemeinschaftstiftende" im Vordergrund stehe. "Viele Leute suchen das Gespräch, interessieren sich für den ganzen Rahmen und fühlen sich verstanden", erzählt er.

Ein wenig Sorge, so erklärt Wittmer es auch in einem Blogbeitrag auf seiner Webseite, bereite ihm die eigene Radikalisierung aber doch: "Es geht bis dahin, dass ich schon aggro werde, wenn ich nur eine Werbetafel sehe mit aufgeladenen Produkten, von denen uns weisgemacht wird, dass wir sie bräuchten." Ein ständiges Einlesen und Eingrenzen gehöre mittlerweile zu Wittmers Alltag, genauso wie das Abwehren von vereinfachenden Antworten und extremistischen Sichtweisen. Am Ende des Tages würden sich die Fragen trotzdem mehren. "Entweder man wird bescheuert oder man muss in den Wald ziehen. Ich bin bestimmt noch nicht so weit, aber ich merke, dass es immer weiter in Richtung Wald geht." Bevor es so weit kommt, steht aber erst einmal eine weitere Tournee an.

Hannes Wittmer auf Tour:

09.11. Osnabrück, Kleine Freiheit

10.11. Haldern, Pop Bar

11.11. Langenberg, KGB

12.11. Hannover, Lux

13.11. Hamburg, Nachtasyl

14.11. Dortmund, Kino im U

15.11. Berlin, Monarch

17.11. Leipzig, Werk 2

20.11. Köln, Artheater

22.11. Mannheim, Forum

23.11. Frankfurt, Brotfabrik