Von Tanz und Akzeptanz

Auf dem vierten Album "It Is What It Is" des Jazzbassisten Thundercat werden HipHop, Funk und Soul zu einer humorvollen, aber tragischen Melange fusioniert, die Akzeptanz predigt und trotzdem zum Tanz einlädt.

Auf dem vierten Album "It Is What It Is" des Jazzbassisten Thundercat werden HipHop, Funk und Soul zu einer humorvollen, aber tragischen Melange fusioniert, die Akzeptanz predigt und trotzdem zum Tanz einlädt.

"It Is What It Is", das neue Album des Bassisten Thundercat aus Los Angeles, ist eine der meisterwarteten Veröffentlichungen 2020. Denn das Ex-Boyband-Mitglied ist nicht nur ein formidabler Musiker und Produzent, sondern auch ein Popstar, der sämtliche Lager und Generationen um sich zu scharen weiß. Ein Jazzer als Popstar für Jung und Alt? "It Is What It Is", würde Thundercat wohl dazu sagen.

Bevor Thundercat die folgenschwere Zusage machte, 2015 an Kendrick Lamars Jahrzehntalbum "To Pimp A Butterfly" mitzuwirken und damit einen Paradigmenwechsel im modernen Pop und in seiner eigenen Karriere zu besieglen, hatte Stephen Bruner, so sein bürgerlicher Name, bereits zwei Alben veröffentlicht. Was später mit Künstlern wie Kamasi Washington oder Terrace Martin als Jazz Renaissance weltweit Schule machte, ist entsprechend auch sein Verdienst. Mit seinem vierten Album "It Is What It Is" zeigt der 36-Jährige, dass er immer noch viel zu sagen hat. Die neue Platte ist um einiges dringlicher und vielleicht auch wichtiger als alles, was Thundercat bisher hervorgebracht hat.

Prominente Gäste: Childish Gambino und Kamasi Washington

Wie schon bei der umjubelten Vorgänger-LP "Drunk" (2017) fusioniert Thundercat sein filigranes Bassspiel mit advagardistischem Spektral-Orchester, treibenden HipHop-Beats und elegischem Falsett. Seine Musik ist ebenso traditionsbewusst wie progressiv. George Clinton, Dr. Dre, Jimmy Jam und Terry Lewis - kaum ein Song, der nicht mindestens eine Idee aus der Geschichte der schwarzen Musik evaluiert und erweitert. Doch ist Thundercat jung und innovationswillig genug, um sich nicht im musikalischen Frontalunterricht zu verlieren, und deshalb behält er auch den Pop-Appeal stets im Auge. Dabei helfen auch an seine Langzeit-Produzenten Sounwave und Flying Lotus, die es verstehen, etwa Kamasi Washingtons Saxofon-Solo dorthin zu orchestrieren, wo es seine kosmische Strahlkraft optimal entfalten kann. In einer assoziativen und verhallten Klang-Collage wie "Interstellar Love" nämlich.

Auch "Black Qualls", mit Gastbeiträgen von Rapper Childish Gambino, Funk-Meister Steve Arrington und The-Internet-Mitglied Steve Lacy, balanciert zu einem fluffigen Funk-Riff und genretypischen Rhythmen genau auf der Schnittstelle zwischen Kopf- und Tanzbeinmusik. Die höchste Stufe der Cleverness erreicht allerdings das heruntergefahrene Stück "Fair Chance". Thundercat vereint hier Internet-Rapstar Lil B und R'n'B-Größe Ty Dolla Sign in einer zart-souligen Beat-Umgebung, die sich gleichermaßen auf den Alternative-HipHop der 90-er und den Easy-Listening-Sound der 70-er bezieht. Obendrein ist der Track ein Tribut an den verstorbenen Rapper und Thundercats engen Freund Mac Miller.

Alles wird gut

Das alles könnte bierernst sein und angestrengt klingen. Doch gerade weil Thundercat auch immer eine Prise Humor in seine pathetischen Lieder trägt, bleibt die Stimmung gelockert. "Do you like my durag?" ("Magst du mein Kopftuch?"), fragt er die fitkive Dame seiner Wahl in dem haalluzinierenden Song "Dragonball Durag". An anderer Stelle holt er sich einfach gleich den Stand-up-Comedian Zack Fox vor das Mikrofon, um sich mit ihm auf eine Traumreise zu begeben ("Overseas").

"It Is What It Is" ist nicht zuletzt auch ein Album über Akzeptanz. Den Verlust eines Freundes muss man akzeptieren, ebenso den Kampf gegen die eignen Dämonen und die schwierigen Umstände, die das Lebens manchmal begleiten. Man muss nicht gleich eine Interpretation vor dem Hintergrund der Coronakrise heranziehen, um die intelektuelle und kulturelle Bedeutung von einer Bestandsaufnahme wie "It Is What It Is" aufzublähen. Doch selbst hierfür böte Thundercat eine mögliche Lösung an, wenn er in "Miguel's Happy Dance" behutsam singt: "Dance away the pain / It's gonna be alright". Alles wird gut.

Thundercat - Dragonball Durag