Nicht "die fröhliche Tante, die mit allen auf Du und Du ist"

Seit 25 Jahren ist Frauke Ludowig mit den Stars auf Du und Du: Im Interview spricht die RTL-"Exclusiv"-Moderatorin über die besonderen Herausforderungen eines Lebens am Rande des Roten Teppichs.

Ist doch schön, wenn auch gestandene Fernseh-Promis noch überraschen können: Nein, beteuert Frauke Ludowig, die wahrscheinlich bekannteste Society-Reporterin im deutschsprachigen Raum, in jungen Jahren hatte sie "nicht gerade das große Selbstbewusstsein" für sich gepachtet. Die Moderatorin und Journalistin, die seit genau einem Vierteljahrhundert das RTL-Magazin "Exclusiv" präsentiert, gesteht sogar, dass sie früher mitnichten in der Lage gewesen sei, "von Haus aus wie selbstverständlich mit den Großen dieser Welt zu parlieren", und an "irgendwelche Jugend-Idole, deren Starschnitte meine Zimmerwände zierten" könne sie sich auch nicht erinnern. Wie sie es mit ihrer Sendung im schnelllebigen Fernsehbusiness trotz der eher gering ausgeprägten "Promi-Affinität" auf die gefühlte Ewigkeit von 25 Jahren gebracht hat, verrät die 55-Jährige im Interview anlässlich des "Exclusiv"-Jubiläums am Donnerstag, 2. Mai (18.30 Uhr). Das Erfolgsrezept heißt Distanz: "Ich war nie so hundertprozentig in diese Promi-Bussi-Bussi-Szene involviert."

teleschau: Frau Ludowig, erinnern Sie sich noch an den 2. Mai 1994?

Frauke Ludowig: Nicht an jedes Detail - ich trug damals, glaube ich, ein hellgelbes Sakko (lacht). Was ich mir aber bis heute gemerkt habe, ist, dass jener Montag im Mai '94 zufälligerweise auch der Tag war, an dem Hans Mahr als neuer Chefredakteur bei RTL seinen Dienst antrat. Da war natürlich einiges los im Sender...

teleschau: Zum Glück für Sie, oder?

Ludowig: Ja. Für uns war das toll - die ganze Aufregung und Aufmerksamkeit gehörten dem neuen Chef. Wir starteten fast unter dem Radar. Verglichen mit heute war es sowieso eine andere Welt: Die Medien schauten uns Privatfernsehmachern noch nicht so genau auf die Finger. Wenn du mal einen kleinen peinlichen Versprecher hattest, war das nicht gleich der nächste Social-Media-Hit. Daher konnten wir vergleichsweise unbefangen loslegen.

teleschau: Sie meinen, damals war mehr Abenteuer?

Ludowig: (lacht) Und zwar in jeder Hinsicht! Wir empfanden das Ganze auch eher als Experiment, als wir den Sendeplatz von "Achtzehn 30", einer Call-In-Show mit Moderator Joachim Steinhöfel, übernahmen. Ich glaube, der Sender hatte keine hohen Erwartungen - Hauptsache, es gab ein neues Format, das den vakanten Slot bespielte. Mit "Explosiv" hatte RTL schon ein richtiges Magazin-Flaggschiff im Programm, auf uns hatte da keiner gewartet. Kurzum: Es hätte auch schiefgehen können. Doch "Exclusiv" wurde vielleicht gerade deshalb eine Erfolgsgeschichte - wir haben es seither auf rund 7.200 Sendungen gebracht.

teleschau: Sie waren damals bereits als Reporterin bei RTL und hatten eine journalistische Ausbildung hinter sich. Hatten Sie von Anfang an ein Faible für die Welt der Stars und Promis?

Ludowig: Ganz ehrlich: Nein - ich war total offen. Außerdem war ich nicht diejenige, die das große Selbstbewusstsein für sich gepachtet hatte und von Haus aus wie selbstverständlich mit den Großen dieser Welt parlieren konnte. Irgendwelche besonderen Jugend-Idole, deren Starschnitte meine Zimmerwände zierten, gab es auch nicht. Also: eher keine Promi-Affinität. Aber jede Menge Professionalität, wenn man so will. Wenn es damals eine Sendung über Tiere oder mit medizinischem Schwerpunkt gewesen wäre, hätte ich mich mit gleichem Eifer in die Arbeit gestürzt. Ich glaube, dass das mein persönliches Erfolgsrezept war.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Ludowig: Ich war nie so hundertprozentig in diese Promi-Bussi-Bussi-Szene involviert. Ich hielt immer eine gesunde Distanz. Und wenn es ein Thema gibt, das journalistische Distanz braucht, dann das der Celebrity-Berichterstattung. Wer sich zu tief reinziehen lässt, wird als Journalist nicht sehr weit kommen.

"Ich weiß, was ich ausplaudern darf"

teleschau: Promis erzählen Ihnen immer wieder private Dinge - oft wohl auch im Vertrauen, dass Sie das Gesagte nicht verwerten ... Bedarf es eines besonderen Charakters, um über so viele Jahre in dem Metier erfolgreich zu arbeiten?

Ludowig: Meine Kinder kennen die Antwort (lacht): Die sagen jedenfalls immer, dass ihre Mama total neugierig ist. Es ist schon richtig, dass mir die Leute vieles anvertrauen - oft genug auch ungefragt. Vielleicht liegt es daran, dass ich gut und gerne zuhöre. Ich finde die Geschichten, die mir andere erzählen, wirklich spannend. Daran hat sich in 25 Jahren nichts geändert. Womöglich spielt auch meine Erfahrung eine Rolle: Ich weiß, was ich ausplaudern darf und was ich lieber für mich behalte. Und viele Promis, die mich kennen, wissen, dass sie sich in dieser Hinsicht auf mich verlassen können.

teleschau: Stimmen Sie zu, dass es unzählige Prominente gibt, aber nur wenige wirkliche Stars?

Ludowig: Ja, absolut. Da gibt es Unterschiede. Welten. Es ist eine Frage der Aura: Ich habe wunderschöne Menschen kennengelernt, die sich dann als vergleichsweise unspektakulär entpuppten, aber eben auch solche, die einen Raum verändern, wenn sie ihn betreten.

teleschau: Nennen Sie ein Beispiel!

Ludowig: Michael Schumacher - per se nicht der Größte oder Auffälligste, aber ein ganz besonderer Mensch! Er hat mich tief beeindruckt, auch mit seiner Einstellung zum Leben, zur Familie. Mehr Star-Appeal geht nicht. Ein Foto mit ihm hängt hier, neben einigen anderen, bei mir im Büro. Es rührt mich, wenn ich es anschaue und daran denke, wie es ihm geht. Gleichzeitig empfinde ich Stolz, dass ich ihn kennenlernen durfte. Ein anderer an meiner Ahnenwand ist Arnold Schwarzenegger, der gewiss nicht umsonst Gouverneur von Kalifornien werden konnte. Neben solchen Persönlichkeiten gibt es auch jene Superstars, die fast so etwas wie zwei Gesichter haben und sich vor allem über ihr Tun definieren: Jennifer Lopez oder Madonna sind bei der Begegnung sehr sympathische, eher zarte Ladys, aber auf der Bühne sind das Riesen, sie explodieren und wachsen mit ihrem unfassbaren Talent über alle anderen hinaus.

teleschau: Also braucht ein echter Star von allem jede Menge: Können, Aura und Charakter?

Ludowig: So ist es. Meine Erfahrung ist: Künstler, die es bis nach ganz oben geschafft haben, bringen das alles mit. Mir fällt keine Ausnahme ein. Aber ich beschäftige mich in der Sendung natürlich genauso gerne mit den anderen: mit jenen Promis, die aus diversen anderen Gründen in die Schlagzeilen gerutscht sind. Sie liefern guten Gossip - in gewisser Weise ja auch eine Kunst für sich.

Sehnsucht nach Vertiefung und Einordnung

teleschau: Erleichtert Ihnen Social Media die Arbeit?

Ludowig: Ja, es ist eine neue Quelle für uns. Die meisten Stars haben auf Instagram oder Facebook sozusagen ihr eigenes kleines Peoplemagazin eröffnet. Da gibt es für uns täglich Storys im Überfluss zu entdecken.

teleschau: Aber Inhalt und Takt werden nun von denen vorgegeben, über die berichtet wird. Journalistisch gesehen eher kontraproduktiv ...

Ludowig: Nicht ganz. Wir übernehmen das Verbreitete in der Regel nicht einfach eins zu eins, sondern unser Job beginnt, wo der Post des Promis endet: Wir müssen seine Story einordnen, analysieren, weiterdrehen. Ich sehe Social Media wirklich als Bereicherung. Ich bin ja nicht umsonst selber sehr aktiv ...

teleschau: Wobei die Recherchespielräume begrenzt sind, wenn die Stars dem potenziellen Scoop vorgreifen. Selbst eine Top-News, wie das Beziehungsende von Helene Fischer und Florian Silbereisen, wird heute komplett von den Beteiligten selbst kommuniziert ...

Ludowig: Klar ist es schon ein bisschen ärgerlich, wenn manche Stars ihre eigene Soap erzählen oder die Nachricht bereits von denen geschrieben wird, über die man berichtet. Doch es bleibt uns in einem solchen Fall immer noch, über die Hintergründe aufzuklären und so die gerade um solche epochalen Nachrichten herum fast unbändige Neugier der Zuschauer zu bedienen.

teleschau: Abgesehen von Social Media: Die digitale Konkurrenz ist heute enorm. Es gibt zig-Portale und Agenturen, die sich in Ihrem Metier zu schaffen machen.

Ludowig: Absolut. Der Wettbewerb ist verschärft. Aber wir kommen gut durch. Die Einschaltquoten zeigen, dass wir gerade dann profitieren, wenn ein Thema zuvor schon viral gegangen ist. Meine Theorie ist: Gerade weil es derzeit so hektisch auf dem Boulevardnachrichtenmarkt zugeht, gibt es eine Sehnsucht nach Vertiefung und Einordnung, nach einer Geschichte, die nicht nur aus kurzem Text und bunten Bildern besteht. Das leisten wir. Schönes Beispiel: Als sich Heidi Klum und Tom Kaulitz unterm Weihnachtsaum verlobt hatten und dies via Instagram kundtaten, kippte mir zu Hause fast die Weihnachtsgans von der Gabel, weil wir wirklich keine Ahnung davon hatten. Aber alles gut: Die erste "Exclusiv"-Ausgabe nach Heidis Post war megaerfolgreich. Die Einschaltimpulse sind ganz eindeutig.

teleschau: Sie checken beim Weihnachtsessen Ihr Smartphone?

Ludowig: Jetzt haben Sie mich erwischt (lacht). Aber das ist, würde ich mal sagen, auch schon der einzige Punkt, wo sie bei mir eine durch den Beruf beeinflusste Beeinträchtigung feststellen können. Ich bin ansonsten immer noch die Alte geblieben: total bodenständig und vielleicht ein bisschen zu neugierig.

teleschau: Nutzt sich die Neugierde nach einem Vierteljahrhundert nicht ab?

Ludowig: Bei mir zum Glück nicht. Ich will unbedingt immer neugierig bleiben, bis ich 100 Jahre alt bin. Denn wer nicht mehr neugierig ist, wird lahm im Kopf. Neugierde heißt Lebensfreude. Das heißt nicht, dass ich im hohen Alter noch Promis interviewen muss (lacht).

"Ich bin eine sehr treue Seele"

teleschau: Was Sie neben der Neugierde noch auszeichnen dürfte, ist ein großes Durchhaltevermögen ...

Ludowig: Absolut. Ich bin loyal, ziehe immer durch und halte grundsätzlich nicht viel vom Hin und Her. Das versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln, die gerade im Teenageralter sind: nicht wankelmütig sein, nicht so schnell klein beigeben, auch mal etwas aushalten! Als ich als junge Frau zum Beispiel eine Banklehre begonnen hatte, war mir recht bald klar, dass das nichts für mich ist - aber die drei Jahre bis zum Abschluss habe ich durchgehalten. Ich möchte die Erfahrung auch nicht missen, obwohl ich mir währenddessen natürlich schon den Plan B zurechtgelegt hatte: Ich wollte mein Glück suchen - und das wähnte ich seinerzeit ganz zu Recht bei Radio und Fernsehen.

teleschau: Aber es gab in 25 Jahren sicherlich die eine oder andere Versuchung, etwas Anderes zu machen, oder?

Ludowig: Ja, die gab es - genau zweimal. Und jedesmal bin ich, gerade als ich mich an einem Scheideweg sah, schwanger geworden. Die Pausen nutzte ich zum Nachdenken und kam zum Schluss, dass ich eigentlich den schönsten Beruf der Welt habe.

teleschau: Gab es Abwerbeversuche von anderen Sendern?

Ludowig: Durchaus. Aber mehr als ein nervöses Zucken meinerseits war da eigentlich nie. Ich bin, wie gesagt, eine sehr treue Seele. Ich weiß, was ich an RTL habe, und wäre ziemlich doof gewesen, wenn ich das aufs Spiel gesetzt hätte. Hat sich ja ausgezahlt. Ich fühle mich sehr beschenkt durch all die Begegnungen und Erlebnisse, die mir meine Arbeit für RTL und "Exclusiv" beschert hat.

teleschau: Hand aufs Herz: Entstanden dabei wirkliche Freundschaften zu Prominenten?

Ludowig: Nein. Ich wollte das ja nie, weil es nicht meiner Auffassung von Professionalität entspricht, die Distanz aufzugeben. Sehen Sie, wir schwimmen mit unserem Metier in total seichten Gewässern - wenn der Zuschauer merkt, dass hier vielleicht geklüngelt wird und die seichten Gewässer nochmals seichter werden, dann können wir einpacken. Überhaupt ist es meine Überzeugung: Es ist weitaus leichter, eine Nachrichtensendung mit harten, seriösen Themen zu machen, als mit seichten Geschichten eine gewisse Relevanz zu erzeugen. Die fröhliche Tante, die mit allen auf Du und Du ist, wäre da fehl am Platz.

teleschau: Sie bilden als Redaktionsleiterin auch den Nachwuchs mit aus ...

Ludowig: Und aus meiner langen Erfahrung weiß ich: Wer das Prominews-Geschäft beherrscht, könnte ohne Weiteres auch bei der "Tagesschau" arbeiten. Es ist ein ehrliches Handwerk.

teleschau: Gab es Promis, bei denen Sie mit auch Ihrem Handwerk nicht weiterkamen?

Ludowig: Nein. Auch etwas schwierigere Persönlichkeiten sehe ich als Herausforderung an. Und wenn ein Interview mal nicht ganz so gut gelaufen ist, ist es mir eine Freude, es beim nächsten Mal besser zu machen. Ein Trauma gibt es allerdings: die Stones. Mick Jagger hat mich junges Ding vom Land damals auflaufen lassen - als Höhepunkt steckte mir Keith Richards seine Zunge in den Hals. Das muss ich nicht noch mal haben. Aber trotzdem: Ich würde sie jederzeit wieder interviewen!