Vor 25 Jahren: Was geschah in den letzten Stunden von Kurt Cobain?

Die Spekulationen enden nicht: Was geschah wirklich am 5. April 1994 in jenem Gartenhaus in Seattle, Washington? Bis heute gibt es Verschwörungstheorien rund um den Tod von Kurt Cobain.

Songs von Nirvana blenden niemals leise aus. Sie enden heftig. "Your advice. Your advice. Your advice." Die letzte Zeile von "Heart-Shaped Box", die Gitarre gibt noch einmal Gas. Ein dezentes "Thank You". Und aus. Dann gingen Kurt Cobain, Dave Grohl, Krist Novoselić und Pat Smear von der Bühne. Es war der 1. März 1994, als Nirvana in München ihr letztes Konzert gaben. Etwas mehr als einen Monat später, am 8. April, wurde der Leadsänger Kurt Donald Cobain tot im Gartenhaus seines Anwesens am Lake Washington aufgefunden. Er wurde 27 Jahre alt.

Drei Tage lang hatte er dort gelegen, die riesige Selbstladeflinte "Browning Auto-5" zwischen seinen Beinen. Dass es Selbstmord war, daran zweifelte in diesen Tagen kaum jemand. Die Band nicht, die Medien nicht und auch nicht die Fans. Und doch ist es seit Jahren das Gleiche. Steuert die Welt auf den Todestag, den 5. April, zu, teilen sich die Medien in zwei Fraktionen: Die einen feiern zu Recht einen der größten Musiker des vergangenen Jahrhunderts. Die anderen befeuern die Spekulationen rund um seinen Tod. Und sie alle fragen sich am Ende: Wer trägt die Schuld am Tod Kurt Cobains? Der Versuch einer Antwort zum 25. Todestag ...

"Nevermind"? - Nie gehört ...

Es war eine kurze Karriere. Gegründet wurden Nirvana formell 1988 von Kurt Cobain und dem Bassisten Krist Novoselic. Die Band ging auf Tour, zunächst mit dem Schlagzeuger Dave Foster, dann mit Chad Channing. Gigs, bei denen gerade mal zehn bis zwanzig Zuschauer kamen, waren keine Seltenheit. Nur fünf Jahre später gehörte Nirvana, jetzt mit dem Drummer Dave Grohl, zu den größten Bands ihrer Zeit. Gerade mal drei Longplayer hat die Band veröffentlicht ("Bleach", "Nevermind", "In Utero"), mehr als 75 Millionen Exemplare wurden bis heute verkauft. Aber sie hat wesentlich mehr hinterlassen als das.

Ohne es zu wollen, ganz im Gegenteil, galten Nirvana schon damals als Begründer einer weltweiten Jugendbewegung. Dass es zig Bands gab, die Grunge viel früher mit Leben erfüllten (The Melvins, Mudhoney, Tad), spielte da keine Rolle mehr. Denn Nirvana hatten "Smells Like Teen Spirit" erfunden - die erste Singleauskopplung aus "Nevermind" - ein Song, der wie seither keiner mehr die Musikwelt veränderte. Und der auch aus Kurt Cobain einen anderen Menschen machte.

An jenem 1. März in München spielten Nirvana "Smells Like Teen Spirit" nicht. Schon zwei Tage zuvor, in Ljubljana, hatten sie darauf im Rahmen ihrer laufenden Europa-Tour erstmals verzichtet. Immer wieder hatte Kurt Cobain in den Monaten zuvor den Song öffentlich verflucht, sah er in ihm doch die Grundlage für die zunehmende Kommerzialisierung der Band. Im Interview mit dem befreundeten Journalisten Michael Azerrad hatte er sogar offenbart, das ganze Album "Nevermind" nach dessen Veröffentlichung im September 1991 nicht ein einziges Mal mehr gehört zu haben.

Der Zwischenfall in Rom

Das Münchner Konzert war kein gutes. Die Band wirkte gelangweilt, das Publikum wurde weitgehend außen vor gelassen. Cobain wirkte unbeteiligt. Wie sich danach herausstellte, litt er wieder einmal unter starken Schmerzen. Seine chronische Bronchitis war zurück, dazu eine Kehlkopfentzündung. Die Tour wurde abgebrochen. Cobain flog zur medizinischen Behandlung nach Rom und traf dort auf seine Ehefrau Courtney Love, die er im Februar 1992 auf Hawaii geheiratet hatte. Über das, was am folgenden Abend geschah, wird bis heute spekuliert.

Sicher ist: In der Nacht fand Courtney Love ihren Mann im Hotelzimmer in einem lebensbedrohlichen Zustand auf. Er befand sich im Koma und hatte eine Kombination aus Alkohol und Rohypnol, einem sehr starken Beruhigungsmittel, in sich. Cobain wurde in ein Krankenhaus gebracht, in dem er fünf Tage blieb. Nach dessen Tod bezeichnete Courtney Love diesen Vorfall als Selbstmordversuch. Cobain hatte das zu Lebzeiten dementiert und als "Versehen" bezeichnet.

Danach reisten beide zurück nach Seattle, wo am 18. März ein Telefonanruf von Courtney Love bei der Polizei einging. Ihr Mann, so gab sie an, habe sich mit einer Waffe im Zimmer eingesperrt. Medikamente und vier Waffen, unter anderem eine Beretta, wurden in der Folge durch die Beamten konfisziert. Cobain betonte beim Gespräch mehrfach, er habe sich nicht das Leben nehmen wollen. In der Woche darauf überzeugten Courtney Love und einige Musiker aus ihrem Umfeld Kurt Cobain davon, sich zu einem Entzug ins Exodus Recovery Center in Los Angeles einweisen zu lassen.

Dort machte der Musiker zunächst einen guten Eindruck. Er traf ein letztes Mal auch auf seine Tochter Frances Bean, die im August 1992 zur Welt gekommen war. In der darauf folgenden Nacht verließ er das Gebäude, um eine Zigarette zu rauchen. Er überstieg einen rund 1,80 Meter hohen Zaun, nahm ein Taxi zum Flughafen und flog mit Delta Airlines nach Seattle zurück. Zufällig neben ihm im Flieger saß Duff McKagan von der Band Guns N' Roses. Sie wechselten nicht viel Worte, waren beide in eher schlechtem Zustand. Das Klima zwischen den beiden rivalisierenden Bands war ohnehin kein gutes. "Two fucked-up guys", erinnerte sich McKagan in einem Interview. Er rechnete nicht damit, dass Cobain schon wenige Tage später tot sein würde. Doch überrascht habe es ihn auch nicht. Es sei, sagt McKagan, eine Zeit gewesen, in der viele Musiker am Ende ihrer Reise gewesen seien.

Die Leiche im Gartenhaus

Kurt Cobain wurde in der Folge einige Male in Seattle gesehen. Doch für seine Frau Courtney Love war er, das Handy war noch nicht erfunden, nicht erreichbar. Courtney, die in Los Angeles geblieben war, beauftragte einen Privatdetektiv namens Tom Grant mit der Suche nach ihm, begab sich aber nicht selbst zurück in die Heimat. Die Rechercheergebnisse jenes Ermittlers sind es, die bis heute die meisten Verschwörungstheorien rund um den Tod Cobains befeuern.

Am 7. April gaben Nirvana bekannt, dass sie nicht bei dem Lollapalooza Festival im gleichen Jahr auftreten würden. Erste Gerüchte entstanden, die Band habe sich getrennt. Am 8. April kam der Elektriker Gary Smith zum Cobain-Haus, 171 Lake Washington Blvd., und entdeckte dort im zweiten Stock eines Gartenhauses über einer Garage den leblosen Körper von Cobain sowie einen Abschiedsbrief. Die Türen waren verschlossen und mussten von der gerufenen Feuerwehr geöffnet werden. Die Polizei identifizierte Kurt Cobain und fand zudem eine Zigarrenbox mit Drogenbesteck und eine Geldbörse mit dessen Führerschein neben ihm. Untersuchungen ergaben, dass Cobain sich vor der Tat eine Überdosis Heroin gespritzt hatte, dazu wurden Spuren von Valium gefunden. Dann hatte er sich mit der Flinte erschossen, die er nur kurze Zeit zuvor zusammen mit einem Freund legal erworben hatte.

Nur kurze Zeit, nachdem die Todesnachricht öffentlich geworden war, fanden sich einige wenige Fans bei Cobains Haus ein. Vor allem aber wurde es von zahllosen Journalisten belagert. In einem Park in Seattle fand eine Art öffentliche Trauerfeier statt. Dort wurde unter anderem Krist Novoselić' Nachricht an die Fans verlesen: "Im Namen von Dave und Pat und in meinem eigenen möchte ich euch allen für euer Mitgefühl danken. Wir werden Kurt in Erinnerung behalten, wie er war: fürsorglich, großzügig und sanft. Behalten wir die Musik in uns. Wir werden sie auf ewig haben." So hatte er es sich gewünscht, und die Haltung vertreten die verbliebenen Mitglieder der Band bis heute.

Cobains Ehefrau Courtney indes holte zu einer Rede aus, die den Fans in Erinnerung geblieben ist. Über zehn Minuten lang verlas sie vor 7.000 anwesenden Anhängern Teile des Abschiedsbriefes und kommentierte sie kritisch. Mal wütend, mal unter Tränen. Sie leitete die Lesung ein mit den Worten: "Ich glaube nicht, dass es ein Verstoß gegen seine Würde ist, wenn ich es vorlese, denn das meiste ist für euch. Er ist so ein Arschloch. Ich möchte, dass ihr alle laut 'Arschloch' ruft." Was die Menge auch tat.

Der Abschiedsbrief: "It's better to burn out than to fade away"

Im Brief gestand Cobain, dass er die Freude an der Musik verloren habe, sowohl am Hören als auch am Schreiben und Spielen. "Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich dafür schuldig fühlte." Wenn die Menge bei Konzerten zu beginnen tobe, bedeute ihm das nicht mehr so viel wie etwa Freddie Mercury, der die Menge geliebt habe. Er wolle, gestand Cobain, seinen Fans nichts mehr vormachen. "Ich kann mir kein schlimmeres Verbrechen vorstellen, als euch zum Narren zu halten." Er müsse sich ständig "betäuben", um die Begeisterung wiederzuerlangen, die er als Kind verspürte.

Im Brief folgte ein Absatz, in dem Cobain das Einfühlungsvermögen seiner Frau lobt und die Liebe zu seiner Tochter kundtut. Frances erinnere ihn an das, was er gerne wäre: ein Mensch voller Freude und Liebe. Dabei umtreibe ihn die Sorge, dass Frances eines Tages "zu einem elenden, selbstzerstörerischen Death Rocker" wie er selbst werden könnte. Diese Zeilen ließ Courtney Love in der Öffentlichkeit weg. Später wurden sie öffentlich.

"Ich danke euch allen aus dem tiefsten Grund meines brennenden schmerzenden Magens für eure Briefe und Anteilnahme in den letzten Jahren", heißt es weiter in dem handgeschriebenen Brief. "Ich bin einfach zu ziellos und launenhaft, und ich empfinde keine Leidenschaft mehr. Also vergesst nie: Es ist besser auszubrennen als zu verblassen." - "It's better to burn out than to fade away": Hier zitierte Cobain Neil Young. Der Abschiedsbrief schließt mit den Worten: "Peace, love, empathy. Kurt Cobain".

Gerichtet hat Cobain den Brief an "Boddah", einen imaginären Freund, den er schon in seiner Jugend erfunden hatte. Damals hatte er "Kill Your Parents" an die Schulwand geschrieben und, damit konfrontiert, jenen "Boddah" als Täter bezeichnet. Mehrfach musste in der Folge jener "Boddah" herhalten, wenn Cobain augenzwinkernd nach einem Schuldigen suchte.

War es Mord? Die Verschwörungstheorie ...

Dass bis heute so viele Verschwörungstheorien rund um den Tod Cobains unterwegs sind, hat mehrere Ursachen. Zum einen die scheinbar unbändige Freude der Öffentlichkeit an rätselhaften Mythen rund um das verfrühte Ableben prominenter Persönlichkeiten. Ob Marilyn Monroe oder Michael Jackson, ob John F. Kennedy oder Elvis Presley. Sie alle umgibt vermeintlich ein ewiges Rätsel. Der Fall "Cobain" lag eigentlich klar: Immer wieder hatte der Rockstar über sein Ableben gesprochen. Er litt unter Depressionen und unter chronischen Schmerzen. Vor allem Magenschmerzen, deren Ursache nie eindeutig geklärt werden konnte, machten ihm zu schaffen und waren ein Grund für die Drogensucht. Mehrfach begab er sich in den Entzug, mehrfach half es letzten Endes nicht.

Doch dann kam der erwähnte Privatdetektiv Tom Grant ins Spiel. Courtney Love hatte ihn engagiert, um den Verbleib ihres Mannes nach dessen letzter Flucht aus der Klinik zu klären. Das gelang ihm nicht. Bei einer Suche vor Ort hatte er das Gartenhaus nicht in Augenschein genommen. Wohl aber war er in der Folge aufgrund seiner Recherchen tatsächlich tief involviert in den Fall. Fortan zählte er Widersprüche auf. Fraglos viele Widersprüche.

Es soll eine Kreditkarte Cobains geben, die insgesamt zweimal nach dessen Tod verwendet wurde. Grant brachte Zweifel vor, was den Abschiedsbrief betrifft. Nach seinem Verständnis klinge er die meiste Zeit über nicht wie ein solcher, was stimmt. Erst ganz am Ende sei das so, und hier sei nicht klar, ob die Handschrift tatsächlich die Cobains sei. Schließlich seien dem Gutachten zufolge im Blut des Toten 1,5 Milligramm / Liter Heroin nachgewiesen worden. Eine Menge, bei der selbst ein Suchtkranker nicht mehr in der Lage sein könnte, das Drogenbesteck ordentlich abzulegen und sich danach mit einer Waffe zu richten. Bereits eine Dosis von 0,5 Milligramm pro Liter sei tödlich.

Richtig ist, dass bei den Ermittlungen der Polizei nicht alles glatt ging. Erst einen Monat nach dem Suizid sei das Gewehr nach Fingerabdrücken untersucht worden. Es wurden vier entdeckt, alle nicht mehr eindeutig zuzuordnen. Schließlich wurde, vermehrt auch öffentlich, Courtney Love verdächtigt, am Tod ihres Mannes beteiligt gewesen zu sein. Um die Ehe, so hieß es und so wurde es auch von einigen Vertrauten der beiden bestätigt, habe es nicht zum Besten gestanden. Cobain habe sogar über eine Scheidung nachgedacht, mit der sie finanziell schlechter weggekommen wäre.

Der Druck von außen und der Umgang mit ihm

In den 25 Jahren nach Cobains Tod erschienen Fluten von Filmen und Büchern, die sich mit seinem Ende auseinandersetzten und deutlich weniger, die nach dem Anfang und der musikalischen Bedeutung Cobains und seiner Band fragten. Sicher das Beste darunter und eine klare Leseempfehlung ist Michael Azzerads Buch "Nirvana - Come As Your Are - Die wahre Kurt Cobain Story", das zum Großteil noch von dem Künstler selbst autorisiert wurde. Was die letzten Stunden betrifft, kann aber auch dieser Autor nur spekulieren. Indes schildert er, mitreißend wie in einem gelungenen Gegenwartsroman, das Leben Cobains. Es geht um die künstlerische Kraft und um die ewig währenden Selbstzweifel. Und vor allem geht es um das öffentliche Bild, das Cobain selbst schwer zu schaffen machte. Sein Grunge-Look, der Einfachheit und Armut symbolisierte, fütterte eine weltweite Kleidungsindustrie. Sein kommerziellstes Album, "Nevermind", ging durch die Decke. Der spröde Nachfolger "In Utero" ging in den USA zwar auf Platz eins, erreichte zum Beispiel in Deutschland aber zum Ende des Phänomens Grunge gerade mal noch Platz 14.

Cobain fühlte sich missverstanden, focht wilde Kämpfe mit der Plattenindustrie aus, entfernte sich von seinen Fans und auch von der eigenen Band. Er dachte gar darüber nach, unter falschem Namen neue Musik zu veröffentlichen, um kreativ bleiben zu können und doch der Öffentlichkeit zu entrinnen. Dem Druck von außen war er irgendwann nicht mehr gewachsen.

Kurt Cobain war am Höhepunkt seiner Karriere zum Leitbild einer ganzen Generation von Twentysomehings geworden, die nach den knallbunten 80-ern auf der Suche nach etwas Eigenem waren. Die mit den damals angesagten Boybands nichts anfangen konnten, die Genesis, Eurythmics und Huey Lewis satthatten und sich nach irgendetwas sehnten, was Rebellion versprühte. Eine verwöhnte, aber medial damals noch nicht betäubte Schar junger Menschen, die sich in einer großen Grunge-Gemeinschaft weltweit zusammentat, um einer diffusen Wut freien Lauf zu lassen. An ihrer Spitze stand, gegen seinen Willen, Cobain. "Die Hälfte der Zeit bin ich ein nihilistischer Wichser, und dann bin ich wieder sehr verletzbar und ernst", gestand er in einem seiner am Schluss seltenen Interviews. Cobain hatte damit begonnen, die Presse, die ihr Schweigen abgelegt hatte und seine Heroinsucht immer häufiger zum Thema machte, zu verabscheuen. Jetzt, 25 Jahre danach, werden unzählige Journalisten ihm wieder einmal ihre Liebe gestehen.

"Use just once and destroy, invasion of our privacy", heißt es im Titel "Radio Friendly Unit Shifter" auf dem letzten Album "In Utero". Einmal gebrauchen, dann zerstören. Eindringen in unsere Privatsphäre. Mahnende, klagende Worte aus einer Zeit, in der die "Öffentlichkeit" noch eine andere war. Querdenker und -treiber wie Kurt Cobain wurden schon damals zerrieben zwischen Vereinnahmern, Kritikern und Materialisten. Heute sind sie ohnehin undenkbar.