"Wenn das langweilig ist, dann sei es so"

Seit zehn Jahren schon muss Liam Gallagher musikalisch ohne seinen Bruder Noel auskommen. Das zweite Soloalbum "Why Me? Why Not." bietet überraschungsarme, aber stilvolle Wohnzimmer-Rock-Songs mit jeder Menge 90er-Jahre-Flair.

"Ich bin nicht hier, um den verdammten Rock'n'Roll zu ändern. Ich bin hier, um den Leuten zu geben, was sie wollen." Über Liam Gallaghers Verbleib seit der Auflösung seiner Band Oasis vor zehn Jahren wurde vieles geschrieben. Auch von ihm selbst, wenn man sich die Mühe machen will, seine amüsanten Aktivitäten in den sozialen Medien zu verfolgen. Zum Beispiel das eingangs erwähnte Zitat, das er bei Facebook hinterließ. Während sein Bruder Noel mit der Gruppe High Flying Birds regelmäßig Szenenapplaus erntet (aktuelle EP: "This Is The Place"), stolperte Liam zunächst mit dem Projekt Beady Eye (2010 mit weiteren Ex-Oasis-Mitgliedern gegründet) über zwei mittelmäßige Alben in eine kreative Sackgasse, um letztlich 2017 sein Solodebüt "As You Were" zu veröffentlichen. Das Album war zumindest im Vereinigten Königreich ein kleiner Überraschungserfolg, ein finales Standing als Solokünstler hat es Liam allerdings nicht beschert. Den hartnäckigen Vorwurf, Liam Gallagher wäre ohne das geschickte Songwriting seines Bruders Noel nur ein Schatten seiner selbst, kann der 47-Jährige bis heute nicht abschütteln. Das ändert auch der Solo-Zweitling "Why Me? Why Not." nicht.

Was Liam Gallagher auf "Why Me? Why Not." vorlegt, klingt vor allem nach Konsensrock. Knurrende E-Gitarren, ein steifes Schlagzeug und ein paar Streicherflächen, auf denen der einstige Oasis-Frontmann jene Bands als Referenzpunkte zusammenknüpft, die ihm schon in den 90-ern zu einer Weltkarriere verhalfen: die Beatles und die Rolling Stones. Keine Experimente, nur treffsichere 90-Nostalgie mit Sing-Along-Refrains, die so tun, als wäre die Britpop-Welle vor 25 Jahren nicht längst abgeebbt. Das galt schon für die vorab veröffentlichte Single "One Of Us", eine melancholische Midtempo-Ballade. Beinahe nebenher kommentiert Liam hier die ewige Fehde mit Noel, wenn er Zeilen singt wie: "Hey kid, did you know? Today sixteen years ago it was you and I for the last time".

Nicht mehr "the greatest frontman of all time"

Abseits vom Geschwisterzwist hat Gallagher allerdings kaum etwas zu erzählen, und so plätschert der zweite Solowurf in der Komfortzone geradliniger Indie-Arrangements vor sich hin. Es sind überraschungsarme, aber perfekt austarierte Wohnzimmer-Rock-Songs, die Gallagher (wie schon beim Debütalbum) mit Produzent Greg Kurstin und Texter Andrew Wyatt erarbeitete. Zu fast jeder Nummer lässt sich ein Pendant aus dem Schaffen von Lennon/McCartney oder Jagger/Richards heranziehen, manchmal sogar aus Gallaghers eigener Diskografie (wie etwa das Stück "Gone", das auch auf dem Oasis-Album "Be Here Now" von 1997 seinen Platz gefunden hätte).

In "Gone" schnoddert Liam Gallagher auch eine Einschätzung über seinen Status heraus, wenn er singt: "The changing of the guard is so real / But before I go, I wanna tell you how I feel". Gallagher weiß, dass er nicht mehr der "greatest frontman of all time" ist, als den das britische Musikmagazin "Q" ihn einst feierte. Vielmehr scheint Gallagher sich auf "Why Me? Why Not." damit zu arrangieren, dass sein kreatives Schaffen eben dazu verdammt ist, immer wieder die eigne Pop-Vergangenheit zu beschwören.

Es ließe sich einiges an dieser abgeschmackten Rockformel kritisieren, doch Gallaghers charakteristische Großkotzigkeit rechtfertigt diesen zelebrieren Konservatismus mit der Begründung: "Ich bin hier, um den Leuten zu geben, was sie wollen, und wenn das langweilig ist, dann sei es so."

Liam Gallagher - One Of Us